Interview mit "Icon"-Chefredakteurin Inga Griese: Was machen Sie eigentlich, wenn ein Werbekunde mit Liebesentzug droht?

 

"Icon"-Chefredakteurin Inga Griese über die richtige Modewahl von Angela Merkel und Martin Schulz beim TV-Duell am Sonntag, die Langeweile des Wahlkampfs und die neue "Icon"-Ausgabe (so dick wie nie, am Sonntag mit Nico Hofmann, 100 Jahre Ufa sowie zwei unterschiedlichen Cover-Motiven). Außerdem: Wie garantiert die Vollblut-Journalistin die Unabhängigkeit ihrer Redaktion, wenn Anzeigenkunden damit drohen würden, bei Springer-Boss Mathias Döpfner vorstellig zu werden?

kress.de: Frau Griese, am Sonntag treten Frau Merkel und Herr Schulz zumTV-Duell an. Wie sehr werden die Zuschauer auf die Kleidung der Kandidaten achten?

Inga Griese: Eher gar nicht. Wir sind immer noch in Deutschland. Es sei denn, Frau Merkel käme in High Heels und Herr Schulz in Jogginghose.

kress.de: Welche Farbe sollten Frau Merkel und Herr Schulz meiden?

Inga Griese: Schwarz-Rot-Gold.

kress.de: Wäre es ein Signal für eine schwarz-grüne Koalition, wenn Frau Merkel etwas Grünes tragen würde?

Inga Griese: Ich fürchte, das könnte so gedeutet werden. Aber was passiert, wenn das Jacket nur hellgrün wäre?

kress.de: Sie waren lange Zeit als Reporterin Beobachterin der deutschen Politiklandschaft. Wie langweilig ist der Wahlkampf 2017 wirklich?

Inga Griese: Wir alle, Journalisten besonders, sind gewissermaßen verwöhnt, weil gefühlt kein Tag mehr ohne eine aufregende Nachricht oder einen Aufreger aus der Welt vergeht. Wie soll der Wahlkampf da mithalten? Ganz abgesehen davon, dass es offenbar für jede Partei ein Wahlkampf-Themen-Wiedervorlage-Archiv gibt. Das meiste hat man doch schon mal gehört. Wobei ich mich schon freuen würde, wenn zum Beispiel die für ein so reiches Land beschämende Ausstattung von Schulen endlich ernsthaft und ergebnisorientiert angegangen würde.

kress.de: Liegt die gefühlte Langeweile auch daran, dass Frau Merkel so viel Unterstützung unter Journalisten genießt?

Inga Griese: Ich weiß gar nicht, ob das so ist. Ich glaube, Frau Merkel macht einfach einen guten Job. Wie weit wollen wir das Niveau erhöhen, auf dem wir so gern meckern?

kress.de: Am Tag des TV-Duells erscheint die neue Ausgabe von "Icon" in der "Welt am Sonntag". Auf welche Story sind Sie besonders stolz?

Inga Griese: Stolz ist nicht mein Wort. Aber ich bin glücklich, dass wir eine, wie ich meine, gar nicht langweilige Ausgabe gemacht haben. Im September beginnt die neue Saison, der Schwerpunkt ist also Mode. Die ist Oberfläche, nicht Oberflächlichkeit. Es geht um Stil, um Haltung, ein kostbares Gut in dieser pöbelnden Zeit, und beides findet sich in den wunderbaren Bildern, die Kristian Schuller und Jim Rakete mit großartigen, echten Schauspielern zum Thema 100 Jahre Ufa umgesetzt haben. Da mag man eine ganze Weile einfach nur draufschauen.

kress.de: Mich überrascht, wie dick die September-Ausgabe geworden ist...

Inga Griese: Mich nicht. Aber es freut mich sehr.

kress.de: Welche unbekannten, jungen Modemacher sollten sich Journalisten merken?

Inga Griese: Wir haben bei Empfehlungen ja unsere Leser im Blick. Generell gilt: Die alten Gewissheiten sind auch in der Mode vorbei, deswegen gibt es viel Interessantes, bei den großen Marken und bei jungen Labels. Individualität, die Beschäftigung mit dem Produkt, eine Ahnung von Nachhaltigkeit erleben nach den Marketing-geprägten Jahren ein großes Revival. Die Nische der Nischenmarken wächst stetig. Es gibt nicht mehr den einen Trend, man trägt auch nicht mehr Total-Look von einer Marke. Wenn es um eine gewisse Leichtigkeit des Seins geht, schauen Sie sich vielleicht mal Halpern, Myar, Galvan an. Um nur einen Mü dessen zu nennen, was wir empfehlen.

kress.de: Sie achten auf eine scharfe Trennung von Redaktion und Anzeigengeschäft. Wie halten Sie dem Druck aus der Wirtschaft stand?

Inga Griese: Ich komme aus dem Norden, Wind haut mich nicht so schnell um. Aber im Ernst: Man bringt uns Respekt entgegen. Das ist echt toll.

kress.de: Und wenn jemand doch damit droht, dass er zu Herrn Döpfner geht, weil er eine Werbestory in "Icon" haben möchte?

Inga Griese: Dann sollte er sich besser warm anziehen auf dem Weg dorthin.

Die Fragen an Inga Griese, Chefredakteurin von "Icon", stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Die neue "Icon"

Die neue Ausgabe von "Icon", die am Sonntag der "Welt am Sonntag" beiliegt, ist die bislang dickste Ausgabe überhaupt - auf 124 Seiten, davon 51 Seiten Anzeigen, erzählen Chefredakteurin Inga Griese und ihr Team die Welt des Stils neu. Für die Titelstory hat Griese die Fotografen Kristian Schuller und Jim Rakete verpflichtet. Die beiden Star-Fotografen inszenieren "100 Jahre UFA" als Hommage an die Ästhetik der ersten Filme wie "Der blaue Engel", "Metropolis", "M - Eine Stadt sucht einen Mörder", "Spione" oder "Der Mann, der Sherlock Holmes war". Als Models konnten sie Schauspieler wie Axel Milberg, Henriette Confurius, Maximilian Mauff und Clemens Schick, Jonas Nay, Jessica Schwarz, Heino Ferch, Alicia von Rittberg, August Wittgenstein oder Katharina Schüttler. Die September-Ausgabe erscheint sogar mit zwei unterschiedlichen Covern - für einen Teil der Auflage hat Kristian Schuller Nora von Waldstätten fotografiert, für den anderen Teil der Auflage Jim Rakete Maria Furtwängler.

kress.de-Lesetipps der aktuellen Ausgabe ist der persönliche Rückblick von Produzent Nico Hofmann, seit Freitag alleiniger CEO von Ufa: "Die Ufa ist ein kleines Icon in der großen Welt der Entertainmentindustrieund sie freut sich über die Fotostreckeim großen "Icon". Wir sind stolz darauf,dass unser Erbe lebendig ist und von immerneuen Generationen von Kreativenneu interpretiert wird", so Nico Hofmann. Adriano Sack analysiert den großen Erfolg der Labels Gucci, Vetements und Saint Laurent. Lieblings-Stelle für Vielreisende (aus der Mini-Kolumne von David Blieswood): "Der größte Luxus ist es, nichts zu schleppen! Ein sehr vermögender Freund kam mir im Berliner "Borchardt" mit drei Unterhosen von H&M entgegen: "Ich verreise nur noch ohne Koffer!" (er hat die vielleicht längste Yacht Berlins)."

Hintergrund "Icon"

Die erste Ausgabe vom Stilmagazin "Icon" erschien 2007; Chefredakteurin Inga Griese hat das dazu gehörige digitale Angebot Iconist.de als eigenständiges Portal und Channel von welt.de gelauncht. Chefredakteurin von "Icon" ist Inga Griese, Textchef Philip Cassier, als Special Editor amtiert Adriano Sack, die Redaktion bilden Caroline Börger (Managing Editor), Heike Blümner, Nicola Erdmann (Managing Editor Iconist.de), Anna Eube, Julia Hackober, Jennifer Hinz, Silvia Ihring, Mira Wiesinger. Praktikanten sind derzeit Kathrin Käsemann und Rebecca Lolli-Romanzina, das Lektorat übernehmen Cordelia Marten, Andreas Stöhr, die Redaktionsassistenz Ursula Vogt-Duyver und Jasmin Seikowsky. Korrespondentin in Paris ist Silke Bender, Style-Editor in New York Nadia Rath, Style-Editors Jürgen Claussen und Stephan Meyer; "Icon"-Autoren sind Susanne Opalka, Esther Strerath und Andreas Tölke; Art-Director: Barbara Krämer; Gestaltung: Maria Christina Agerkop, Katja Schroedter, Adrian Staude; Fotoredaktion: Julia Sörgel, Elias Gröb, Ann-Kathrin Mühlen; Bildbearbeitung: Thomas Gröschke, Kerstin Schmidt, Felix Steinert; Post Production: Luna Simic. "Icon" erscheint zehn Mal im Jahr als Beilage zur "Welt am Sonntag" im Verlag WeltN24 GmbH. Verlagsgeschäftsführer sind Stephanie Caspar und Torsten Rossmann; die Gesamtanzeigenleitung verantwortet Silvana Kara; für Anzeigen zuständig sind Roseline Nizet und Jacqueline Ziob. Objektleiterin ist Carola Curio, die Herstellung verantwortet Olaf Hopf; das Magazin wird gedruckt bei Prinovis Ltd. & Co KG in Nürnberg.

kress.de-Tipp: Lesen Sie hier unser Porträt von Inga Griese aus dem Jahr 2016

Ihre Kommentare
Kopf
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.