Analyse von Bilkay Öney: Das "entschiedene" Duell

03.09.2017
 
 

Das groß angekündigte "TV-Duell" zwischen Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) war weder spannend noch konnte der Zuschauer wirklich neue Erkenntnisse gewinnen. Dafür konnten die Kontrahenten aber ihre eigene Position verständlich und in Ruhe für alle erklären, findet Bilkay Öney. 

Auf einem Wahlplakat beschreibt die CDU Angela Merkel mit den Worten "Klug. Besonnen. Entschieden." Diese Werbebotschaft mag sich in erster Linie auf ihre Charaktereigenschaften beziehen. Sie bezieht sich aber auch auf die Wahl, denn im Grunde ist die Wahl in den Prognosen bei 15 Prozentpunkten Abstand zur Partei des Herausforderers "entschieden". Eine subtile, manipulative Botschaft.

Ob ein Fernsehduell oder zwei diesen Abstand maßgeblich beeinflussen kann, ist fraglich. Vieles spricht dafür, dass am 24. September im Grunde nur noch über den oder die Koalitionspartner entschieden wird. Die SPD scheint sämtliche Hoffnung auf einen Wahlsieg aufgegeben zu haben.

Böse Zungen behaupten sogar, dass Sigmar Gabriel von Anfang an nur das Ziel hatte, Vizekanzler zu bleiben.

In dieser Situation hat es Martin Schulz schwer, und zwar nicht nur im Fernsehduell.. Als Koalitionspartner ist es ohnehin nicht einfach, auf Angriff zu gehen. Zum einen macht man das als "Partner" nicht. Zum anderen hat man alle Entscheidungen mitgetragen, so dass Wähler einen "Angriff" höchstwahrscheinlich nicht abkaufen.

Stattdessen wird im Duell Martin Schulz gleich von Peter Kloeppel angegriffen und mit unschönen Fragen konfrontiert. Ob er bekannt genug sei oder genug innenpolitische Erfahrung für das Amt hätte.

Dafür, dass Martin Schulz vorher Präsident des Europäischen Parlaments war, eine Brüskierung.

Martin Schulz reagiert irritiert, aber ruhig, ein wenig defensiv vielleicht, aber dafür zivilisiert. Den Fehler von Gerhard Schröder im Duell von 2005 will man wohl nicht wiederholen. Ohnehin ist Martin Schulz kein Krawallo und gute Umgangsformen lernt man über die Jahre auf der internationalen Bühne der EU.

Sollte die SPD die Wahl - wie prognostiziert - verlieren, wird es also nicht an den Umgangsformen von Martin Schulz liegen. Im Gegenteil. Man wird ihm später vermutlich Laschheit vorwerfen. Aber selbst das wird nicht an Martin Schulz liegen.

Lasch ist der Wahlkampf insgesamt. Die Beliebtheitswerte der Kanzlerin lassen sich größtenteils auf diese Grundstimmung zurückführen. In Deutschland präferiert man kein Drama und erst recht keine Drama-Queen. Im Gegenteil. Der verlässliche "Mutti-Typ" scheint zum politischen Erfolgsmodell der CDU geworden zu sein.

In der Tat profitiert die CDU von der Kanzlerin und die wiederum von ihrem Amtsbonus.

Die Moderatorinnen und Moderatoren behandeln sie respektvoll; so, wie man eine Kanzlerin eben behandelt. Wenn man von Claus Strunz absieht, kann man fast sagen, dass die Kanzlerin nicht wirklich kritisiert wird. Sie lächelt freundlich in die Kameras und auch das Migrationsthema - ein Thema, das ihr fast zum Verhängnis wurde - umschifft sie gekonnt, indem sie ihren Herausforderer in fast alle Antworten miteinbezieht.

An einer Stelle verteidigt Martin Schulz sogar die Aussagen der Kanzlerin gegen eine kritische Frage - als es um "Flüchtlinge im Mittelmeer" geht.

So macht selbst Angela Merkel dieses Fernsehduell Spaß.

Nur an einer Stelle reagiert die Kanzlerin irritiert - als nämlich Martin Schulz beim Türkei-Thema und zum Umgang mit Tayyip Erdogan härtere Töne anschlägt als sie. Angela Merkel erinnert an alte CDU- und alte SPD-Positionen. Sie stellt klar, dass die CDU nie einen EU-Beitritt der Türkei befürwortet hat. Hinter ihrem Lächeln verbirgt sich ein: "Mit freundlichen Grüßen an den Absender zurück." Auch beim Thema "Maut" erinnert sie daran, dass SPD-regierte Länder der Maut zugestimmt haben.

Was ist also das spannende Element dieses Fernsehduells? Diese Frage drängt sich zwar auf, sie ist aber in Zeiten von außenpolitischen Unruhen nicht wirklich entscheidend. Wenn es außenpolitisch turbulent zugeht, wünschen sich Wähler innenpolitisch wenigstens Ruhe.

So ist auch das Duell insgesamt sehr sachlich und nicht polemisch. Das kann man den Teilnehmerinnen und Teilnehmern natürlich vorwerfen, aber auch zugute halten. Die Zuschauer können so wenigstens der Debatte folgen. Es geht um Themen und nicht so sehr um Personen. Das macht das Duell nicht zum Spektakel, dafür ist es angenehm und informativ.

Es scheint, als würde sich die große Koalition der Wiederwahl stellen. Die Kanzlerin und ihr Herausforderer präsentieren sich beide gleichermaßen sachlich und professionell. Ebenso die Moderatorinnen, Sandra Maischberger und Maybrit Illner. Bei den Moderatoren gewinnt man den Eindruck, dass Claus Strunz gegenüber Angela Merkel einen Tick kritischer ist. Die Flüchtlinge - sein Thema. Und Peter Kloeppel scheint kein ausgewiesener Fan von Martin Schulz zu sein. Das spürt man. Ansonsten spürt man wenig Spannung, so dass man sich tatsächlich voll und ganz auf die Aussagen und Inhalte konzentrieren kann.

Dass der Wahlkampf lasch und langweilig sei, wurde bereits mehrfach geschrieben und gesagt. Dass aber genau das auch ein Vorteil sein kann, um sich alle Positionen in Ruhe anzuhören, ist vielleicht ein Novum dieses Fernsehduells. Medial gesehen ist das die größte Überraschung dieser sonst schon "entschiedenen" Wahl.

Autorin: Bilkay Öney

Zur Person: Bilkay Öney war bis Sommer 2016 Integrationsministerin in der grün-roten Regierung Kretschmann I in Baden-Württemberg. Sie lebt in Berlin.

 

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