"kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand über Burkhard Graßmann: "Seine Freude am verbalen Schlagabtausch ist heutzutage ungewöhnlich"

06.09.2017
 

"Wenn man Burkhard Graßmann zum ersten Mal für ein Interview trifft, kann man zwei Überraschungen erleben. Nr. 1: Der Mann verfügt über ein robustes Geschäft. Nr. 2: Der Mann verfügt über einen robusten Humor": "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand über den Burda-Mann, der ein bisschen anders tickt als andere Manager.

Als Geschäftsführer von BurdaNews (wozu unter anderem die "Focus"-Gruppe zählt) und als Chef von Burda-Vermarkter BCN verantwortet er jede Menge Aktivitäten, die nicht gerade zu Wachstumsphantasien einladen. Beim "Focus" kommt noch dazu, dass seit 2011 schon der fünfte Chefredakteur sein Glück versucht. Die Anzeigen- und die Vertriebserlöse gehen seit Jahren wie bei den anderen Dickschiffen im Markt steil nach unten. "Spiegel" und "Stern" kämpfen mit ganz ähnlichen Problemen.

Die Antwort Graßmanns: Er hat in seiner Amtszeit das Redaktionsbudget um mehr als 50 Prozent runtergefahren, die Copypreise erhöht und vor allem neue Geschäftsfelder rund um die Marke gebaut. So vergibt "Focus" inzwischen in ungezählten Branchen Auszeichnungen ("Der beste Arbeitgeber", "Die besten Kliniken", "Die besten Direktbanken"). Wenn Unternehmen diese Prämierungen zu Marketingzwecken einsetzen wollen, müssen sie dafür Lizenzgebühren zahlen. Einen zweistelligen Millionenbetrag erlöst Graßmann inzwischen auf diese Weise. Zudem ist Burda unter seiner Regie in den Wein- und Kaffeehandel eingestiegen.

Etwa 25 Prozent der Erlöse kommen heute nicht mehr durch Anzeigen und Vertrieb rein, sondern über die neuen Geschäftsfelder. Laut Graßmann wirft die "Focus"-Gruppe so eine "klar zweistellige Umsatzrendite" ab.

Das dürfte einige in der Branche überraschen. Und Graßmann ist sichtlich stolz auf die Transformation der Marke "Focus". Worüber er nicht so gerne spricht: Der "Focus" steht nicht mehr im Fokus. Die Bedeutung des einst so stolzen Magazins nimmt wirtschaftlich ab. Und eine zündende Idee, wie man das Genre Nachrichtenmagazin im Lesermarkt oder im Anzeigengeschäft neu beleben könnte, fehlt bisher auch bei Burda. Es ist wie bei den Tageszeitungen: Solange die Rückgänge moderat bleiben, sind schon alle zufrieden. Graßmann würde an dieser Stelle energisch widersprechen, denn natürlich braucht er die starke Magazin-Marke "Focus", um die neuen Geschäftsfelder überhaupt beackern zu können.

Der Burda-Manager hat seine eigene Art, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Im Haus hat ihm das den Ruf eingebracht, ein "spezieller Typ" zu sein. Als Interviewpartner ist der Klartext-Manager dankbar. Man kann ihm alle Fragen stellen, die sich auch andere Profis im Markt stellen. Und zwar auch im nötigen Härtegrad.

Besonders strenge Fragen lächelt er einfach weg, geht zum Gegenangriff über oder bietet Kekse an, auf deren Packung das Logo seines Magazins "Fit for Fun" zu finden ist (jährliche Einnahme mit solchen Lizenzprodukten allein für "Fit for Fun": siebenstellig). Graßmanns Freude am verbalen Schlagabtausch ist heutzutage ungewöhnlich. Während Führungskräfte gerne Produkte verantworten, die selbst eine deutliche Ansprache pflegen, erwarten sie in Gesprächen, abgesichert durch die eigenen PR-Stäbe, eine Kuschelatmosphäre.

Graßmann kuschelt nicht. Richtig in Wallung versetzen kann man ihn, wenn man ihm die Leistungen der Konkurrenz vorhält und beispielsweise fragt, warum G+J mehr neue Zeitschriften im Markt ausprobiert. Dann geht der Manager schon mal steil.

Es fällt auf, dass die Führungskräfte beider Häuser generell Probleme haben, die Leistungen der anderen anzuerkennen. Das Verhältnis war schon mal besser. Richtig sichtbar wurde das Ende vergangenen Jahres im Knatsch um die VDZ-Präsidentschaft. Dabei gibt es in Zeiten, in denen Facebook und Google das digitale Zukunftsgeschäft auch in Deutschland unter sich aufteilen, eigentlich mehr gemeinsame Interessen der Großverlage als Trennendes. Vielleicht sollten alle Beteiligten doch mal einen neuen Kurs in Erwägung ziehen: einen Kuschelkurs.

Autor: Markus Wiegand

kress.de-Tipp: Der Text ist das Editorial zur "kress pro"-Ausgabe 6/2017 (erschienen im Juli 2017). Die Ausgabe gibt es in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

Ihre Kommentare
Kopf

spiegelfan

06.09.2017
!

Focus war sehr erfolgreich als eigenes Team, das nahezu unabhängig vom Restverlag arbeiten musste und konnte. Der Spiegel wäre auch nicht da, wo er heute ist, wenn er beim Herbert Bauer Verlag einer von 100 Projekten gewesen wäre (da hat man immer welche die sehr gut gehen, über die freut man sich, und welche, die nicht so gut gehen, da spart man halt etwas an den Kosten). Trotzdem ist das für Bauer wahrscheinlich der richtige Weg und irgendwann dreht sich der Wind wieder Richtung Focus....


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