Offener Brief an Recep Tayyip Erdoğan: "Schützen Sie die Presse- und Meinungsfreiheit in Ihrem Land"

 

14 journalistische Organisationen fordern in einem Offenen Brief an den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan die sofortige Freilassung von Deniz Yücel und den anderen aus politischen Gründen inhaftierten Journalistinnen und Journalisten in der Türkei. Yücel sitzt am 10. September bereits 209 Tage in Haft. Es ist sein 44. Geburtstag.

Die Unterzeichner, darunter die Recherche-Verbände journalists.network, Netzwerk Recherche und Correctiv sowie der Verein n-ost und die Gewerkschaft DJV, vertreten mehrere zehntausend Journalistinnen und Journalisten weltweit. Die Organisationen engagieren sich für unabhängigen und ausgewogenen Journalismus, fördern Recherchen und journalistische Reisen im In- und Ausland.

Mit dem Offenen Brief appellieren sie an die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien, zu denen sich die Türkei in der Vergangenheit bekannt und verpflichtet hat. Sie fordern Erdoğan auf, Yücel und die anderen aus politischen Gründen inhaftierten Kolleginnen und Kollegen ohne weitere zeitliche Verzögerung auf freien Fuß zu setzen, ihr Recht auf einen fairen Prozess zu respektieren.

Initiiert wurde der Offene Brief von journalists.network e.V. Der Verein mit Sitz in Berlin engagiert sich seit mehr als 20 Jahren für eine ausgewogene Auslandsberichterstattung. Mit Recherchereisen und Austauschprogrammen für junge Medienschaffende fördert der Verein zudem die Völkerverständigung. Auch mit Gruppen türkischer Kolleginnen und Kollegen gab es einen regen Austausch.

Die Stärke eines Landes zeigt sich darin, Kritik auszuhalten"Seit einigen Jahren können wir Recherchereisen in Länder anbieten, die lange völlig illusorisch schienen", sagt Max Kuball, Vorstand von journalists.network e.V. Darunter seien Staaten wie Kuba und Myanmar. "Wir hätten uns aber nicht vorstellen können, dass die Türkei für unsere journalistischen Programme nicht mehr sicher genug sein könnte." Und zwar sowohl für türkische als auch deutsche Journalisten. Der Verein möchte die Kontakte in die Türkei so schnell wie möglich wieder aufnehmen und fordert deshalb im Namen aller Unterzeichner die türkische Regierung auf, unabhängigen Journalismus zuzulassen. "Die Stärke eines Landes zeigt sich auch darin, Kritik zuzulassen und auszuhalten", so Max Kuball weiter.

Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), weist darauf hin, dass sich die Türkei zum weltweit größten Journalistenknast entwickelt hat: "Rund 170 Journalisten sitzen hinter Gittern. Ihr ,Vergehen': Sie haben berichtet, kritisch und unabhängig. Während in anderen Ländern Journalistenpreise verliehen werden, hat die Türkei außer Gefängnis nichts zu bieten. Das muss ein Ende haben!"Die unterzeichnenden Medienorganisationen sehen auch die Bundesregierung in der Pflicht: Diese muss künftig wirksamere Maßnahmen ergreifen, um die Rechte und Sicherheit deutscher Journalistinnen und Journalisten im Ausland zu schützen. Die Bundesregierung muss sich konsequent und entschlossen für die Freiheit von Deniz Yücel, Meşale Tolu und den anderen aus politischen Gründen inhaftierten Deutschen einsetzen.

Der Brief im Original: An den Präsidenten der Republik Türkei Recep Tayyip Erdogan

Sehr geehrter Herr Staatspräsident,

wir schreiben Ihnen im Bemühen um unsere Kollegen Deniz Yücel, Meşale Tolu und alle anderen Kolleginnen und Kollegen, die aktuell in der Türkei aus politischen Gründen festgehalten werden.

Die Vereine, die wir vertreten, organisieren seit Jahrzehnten Recherchereisen ins Ausland, finanzieren Recherchen in anderen Ländern und fördern Kooperationen zwischen Journalistinnen und Journalisten über Ländergrenzen hinweg. Wir legen Wert auf den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen vor Ort, verfolgen keine Agenda, sondern fordern und fördern eine freie und ausgewogene Berichterstattung.

Dafür müssen aber der Zugang und eine freie Recherche vor Ort möglich sein. Eine Arbeit frei von Angst vor politischer Verfolgung unserer Gesprächspartner und Kollegen.

Um ausgewogen berichten zu können, müssen Journalisten die Vorstellungen und Meinungen von Akteuren aller Seiten kennenlernen, nur so können sie der Komplexität eines Landes in der Berichterstattung gerecht werden. Wir glauben daran, dass es in einer globalisierten Welt Berichterstattung aus anderen Ländern braucht, um das Verständnis füreinander, für unsere Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu stärken. Diese Arbeit braucht Mut, um hinauszugehen in die Welt und sich dieser Herausforderung zu stellen. Einen Mut, den Deniz Yücel und viele andere Kollegen jeden Tag mit ihrer Arbeit beweisen.

Deshalb fordern wir Sie auf: Schützen Sie die Presse- und Meinungsfreiheit in Ihrem Land. Sie sind feste Bestandteile einer Demokratie. Gleichzeitig rufen wir Sie dazu auf, Deniz Yücel, die deutsche Journalistin Meşale Tolu und alle anderen ausländischen Gefangenen, die in Ihrem Land aus politischen Gründen festgehalten werden, umgehend freizulassen. Wir fordern außerdem, dass auch alle in der Türkei lebenden Kolleginnen und Kollegen, die aus politischen Gründen festgehalten werden, ohne weitere zeitliche Verzögerung auf freien Fuß gesetzt werden und ihr Recht auf einen fairen Prozess respektiert wird.

Hochachtungsvoll,

BuzzFeed Deutschland - CORRECTIV - Deine Korrespondentin - Deutsch-Chinesisches Mediennetzwerk - Deutscher Journalisten-Verband - Deutsch-Indisches Mediennetzwerk - Hostwriter - journalists.network - Krautreporter - n-ost - netzwerk recherche - Neue deutsche Medienmacher - Reporter Forum - taz.panter Stiftung

Brief an Deniz Yücel schreiben

Seit einigen Wochen bietet die "Welt", für die Deniz Yücel als Korrespondent gearbeitet hat, Interessierten an, ihre Briefe an den inhaftierten Journalisten ins Türkische übersetzen zu lassen. Anfang der Woche hatte ein Springer-Sprecher auf kress.de-Nachfrage erklärt, dass bislang im Rahmen der Aktion #SchreibDeniz über 550 Briefe eingegangen sind: "Darunter sind Briefe von Freunden, Arbeitskollegen aber auch Fremden, die Anteil am Schicksal von Deniz Yücel nehmen und ihm nach mittlerweile über 200-tägiger Inhaftierung Mut zusprechen wollen", so der Sprecher weiter. Briefe an Deniz Yücel gehen per Email an die Adresse schreibdeniz@weltn24.de. Ein Team der "Welt" übersetzt sie und schickt sie ihm. Die Übersetzung ist laut "Welt" deshalb nötig, weil Mitteilungen auf Türkisch bessere Chancen, ihren Adressaten zu erreichen. Wer die türkische Sprache beherrscht, kann ihm auch direkt schreiben: İlker Deniz Yücel, 9 Nolu Kapalı Ceza İnfaz Kurumu, B Blok 54 Nolu Koğuş, Silivri/Türkei.

Sonntag Auto- und Fahrrad-Korso in Berlin

Am Sonntag, 10. September 2017, ruft die Initiative Freundeskreis #FreeDeniz zum Auto- und Fahrrad-Korso zum Bundeskanzleramt auf. Treffpunkt ist um 12.30 vor dem Kino International in Berlin, Karl-Marx-Allee 33. Bei der Kundgebung vor dem Bundeskanzleramt werden unter anderem Hüseyin Tolu, Ilka Yücel, Dogan Akhanli, Michael Rediske von Reporter ohne Grenzen sowie Pfarrer Christian Zeiske von der Berliner Gethsemanekirche sprechen.

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