Publizist Franz Sommerfeld fordert mehr Offenheit: Wider die verdruckste Art journalistischer Parteinahme!

 

Es gibt in Wahlkampfzeiten eine gute angelsächsische Tradition, als Zeitung eine eigene Wahlempfehlung auszusprechen und so gegenüber den Lesern mit offenen Karten zu spielen. Als Chefredakteur der "Financial Times Deutschland" hat Christoph Keese einst versucht, diese Tradition in Deutschland heimisch zu machen. Doch die Zeitung scheiterte bekanntlich, aber sicher nicht daran.

Und so dominiert hier zu Lande nach wie vor der Stil verdeckter Wahl-Empfehlungen, sei es durch die Auswahl von Nachrichten und Analysen oder eben durch Meinungsartikel.

Ein hübsches und anschauliches Beispiel für diese verdruckste Art journalistischer Parteinahme liefert die "Zeit", Deutschlands mit Abstand beste Wochen-Publikation. Deren Politikchef und stellvertretender Chefredakteur Bernd Ulrich wünscht sich schon seit langem eine schwarz-grüne Koalition unter Angela Merkel, wofür es manche gute Gründe gibt.

Da sich seine Sehnsucht nur mit einer starken grünen Fraktion erfüllen lässt, verwandelt sich der Journalist, dem das Blatt und seine Leser eine Reihe wirklich brillanter Texte verdanken, in den grünen Wahlkämpfer, genauer den Realo-Grünen. Das allerdings verleiht seinen Kommentaren eine ungewohnte Schlichtheit, so dass man meinen könne, da schreibe noch der einstige Mitarbeiter der grünen Bundestagsabgeordneten und Realo-Vorkämpferin Antje Vollmer.

So präsentierte der "Zeit"-Redakteur Ende Juli unvermutet ein deutsches Schreckensbild, "die bittere Bilanz einer politischen Havarie: Zwölf Jahre Bundesregierung ohne die Ökopartei. Und wo steht Deutschland jetzt? Seine Autoindustrie steckt im Diesel-Desaster, seine Kohle vergiftet die Atmosphäre, seine Fleischwirtschaft quält Tier und Mensch."

Armes Deutschland! Und alles nur, weil zu wenig Bürger die Grünen gewählt hatten. Dreimal pfui. Um die Fortsetzung dieses Schreckens für weitere vier Jahre zu verhindern, bittet der stellvertretende Chefredakteur seine Leser, doch über die eine oder andere ihm wohl bekannte grüne Schwäche hinweg zu schauen: "Was die Volkspädagogik angeht, so muss man auf die Grünen gewiss immer ein Auge haben, doch im Prinzip gilt in ökologischen Fragen: Der sanfte Druck von heute vermeidet die Zwangsmaßnahme von morgen. Oder, deutlicher: Lieber Didaktik als Diktatur."

Nur durch die Wahl der Grünen ließe sich eine Diktatur vermeiden, das könne "die stets wirtschaftsdienerische FDP" nicht, erklärt Ulrich seinen aufgeschreckten Lesern.

In der jüngsten Ausgabe umwirbt Ulrich nun besonders die Merkel-Wähler. Ihre Politik der zurück liegenden Jahre könnte nur in einer schwarz-grünen Koalition bewahrt werden, dafür müssten die Grünen aber stärker als die FDP werden. Also müsse, wer Merkels wolle, nicht etwa die Union, sondern die Grünen wählen. Da das vielleicht nicht jedem auf den ersten Blick einleuchten mag, hat Ulrich einen "lauter werdenden konservativen Flügel der Union" entdeckt.

Tatsächlich weiß der erfahrene Journalist genau, dass Angela Merkels Kurs mit der Wahl des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet und seines Kieler Kollegen Daniel Günther noch nie so stark in der Partei verankert wurde wie jetzt. Mit der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer wächst zudem eine machtbewusste und kluge mögliche Nachfolgerin für die Kanzlerin heran. Vielleicht wird der konservative Flügel etwas lauter, aber nur, weil er an Macht verliert.

Mit journalistischer Analyse haben solche Pirouetten wenig zu tun, mit Wahlkampf viel.

Da es Ulrich nicht gelingt, den Liberalen so richtig am Zeug zu flicken, bedient er sich staatsmännischer Attitüde und warnt zutiefst besorgt vor der mangelnden Regierungserfahrung der FDP, der er "bedenkliche Lücken auf vielen politischen Feldern" attestiert.

Ganz anders wäre es bei den Ministern Trittin und Göring-Eckardt: In diesem "Fall würde die immense Erfahrung der Union und ihrer Kanzlerin durch ebenfalls sehr routinierte und überwiegend schon regierungserfahrene Grüne ergänzt. Manchem wird das in der Summe zu viel Routine ergeben, anderen dürfte die Ballung an Kompetenz in einem aufgewühlten internationalen Umfeld gefallen." Diese Mischung von überschwänglichen Fleißkärtchen für die Union und Werbung für die Grünen muss man schon können.

Natürlich verliert Ulrich kein Wort über die tiefen Spannungen in der grünen Partei, die allein schon jede Routine in jeder Regierungskoalition unter ihrer Beteiligung verhindern werden. Das gleiche Argument hatte Ulrich übrigens schon gegen die von den Realo-Grünen abgelehnte Wahl Navid Kermanis zum Bundespräsidenten ins Feld geführt: Der könne weder Politik noch Verwaltung. Nun wurde ein Präsident gewählt, der das kann, aber sonst?

Sekundiert wird Ulrichs Text durch einen von Elisabeth Raether, der vorgibt, die unterschiedlichen Vorstellungen von FDP und Grünen zur Natur zu untersuchen, tatsächlich aber dazu dient, die liberalen Vorstellungen in dem von Ulrich vorgegebenen Wahlkampfdeutsch abzuwatschen.

Das klingt dann so: "Das Verhältnis von Tier und Mensch ist bei den Grünen für den Menschen eine Übung in Toleranz: Ein Tier spricht nicht unsere Sprache, trotzdem hat es Bedürfnisse und Rechte, die wir achten wollen. Eine Sanftheit, die der FDP nur fremd sein kann, denn ihrem Grundsatz nach gewinnt immer der, der nun mal gewinnt. Lange Zeit hat der Mensch sich vor dem Tier gefürchtet, heute ist es halt andersherum." Besonders empört sie, dass die Liberalen nicht länger in Sack und Asche marschieren: "Dagegen tritt die FDP selbstbewusst auf, wie neugeboren nach vier Jahren Abwesenheit im Bundestag, ganz so, als hätte es eine Krise des Neoliberalismus und seiner Euphemismen nie gegeben. Freiheit heißt, jeder macht, was er will."

Hier macht es keinen Sinn, mit Verweis auf Programme oder Texte der FDP zu widersprechen, sie sind der Redakteurin ja bekannt. Gegen ihre tiefe deutsche Verachtung von Freiheit und liberalen Vorstellungen helfen keine Argumente. Dass ein dritter Artikel von Miriam Lau über Grüne und Liberale sich weitgehend vom Wahlkampfmodus fern hält, wenn auch sie viel Empathie für die Grünen und Distanz zu den Liberalen zeigt, ändert am Gesamtbild wenig.

Das ganze wäre wohl zu akzeptieren, wenn die Redaktion solche Kommentare offen als Wahlkampf-Interventionen ausweist.

Denn Wahlkämpfe sind entscheidende und wichtige Zeiten für Demokratien. In ihnen sollte über alle Themen gestritten werden, nichts braucht draußen vor zu bleiben. Es spricht vieles dafür, dass sich die Redaktionen und Redakteure über ihre Berichterstattung hinaus an den Wahlkämpfen beteiligen, wenn sie den Charakter ihrer Texte offen legen.

Nach zwei deutschen Diktaturen hat das Wahlgeheimnis eine ganz besondere Bedeutung, und das ist auch gut so. Nur widerspricht dem nicht, sich offen zur Wahl einer Partei zu bekennen. Wenn Journalisten das tun, können sie sogar dazu beitragen, Vertrauen zu schaffen. Und sicher werden die Texte besser, wenn sie nicht mehr den Anschein der Unvoreingenommenheit wahren müssen.

Das wäre eine Alternative zum angelsächsischen Modell, eine ganze Redaktion auf eine Partei fest zu legen. Denn - um beim Beispiel zu bleiben - viele Redakteure der "Zeit" werden dieser Empfehlung ihres stellvertretenden Chefredakteurs nicht folgen wollen. Warum also nicht verschiedene Plädoyers verschiedener Redakteure für verschiedene Parteien? Und natürlich nicht nur in der "Zeit".

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Ihre Kommentare
Kopf

Sebastian Fischer

12.09.2017
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Ein sehr guter Kommentar, Herr Sommerfeld. Die LeserInnen merken, wenn JournalistInnen mit ihren Artikeln Wahlkampf betreiben. Wenn dies von den JournalistInnen nicht gekennzeichnet wird, werden die LeserInnen stutzig. Die unsäglichen "Lügenpresse"-Rufe haben sicher auch etwas damit zu tun, dass Zeitungen sich auch außerhalb von Kommentaren/Kolumnen in den Wahlkampf einmischen, die Bürger in normalen Artikeln jedoch einen gewissen Grad Objektivität erwarten, der nicht immer gewährleistet ist.


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