Wieso klagt ein "WiWo"-Mitarbeiter gegen die VHB?

11.09.2017
 

Die Versetzung eines langjährigen Printredakteurs gegen seinen Willen in die Onlineredaktion hat den Konflikt um den richtigen Kurs bei dem Wirtschaftsmagazin eskalieren lassen: Wie soll es weitergehen nach zwei erfolglosen Jahren unter Miriam Meckel? Eine Kolumne von "Wirtschaftsjournalist"-Chefredakteurin Susanne Lang.

Im Februar dieses Jahres sollte Dieter Dürand, langjähriger Redakteur im Ressort "Innovation und Digitales", früher "Technik und Wissen", auf Betreiben der damaligen "WiWo"-Chefredakteurin Miriam Meckel aus der Print- in die Online-Redaktion versetzt werden. Er legte mit Hilfe des Betriebsrats Widerspruch ein. Spätestens hier hätte man die Sache noch bilateral klären können. Aber die Chefredaktion berief sich auf ihr Direktionsrecht und erneuerte den Versetzungsantrag. Dieter Dürand sollte künftig als Onlineredakteur arbeiten, um die von ihm verantworteten Nachhaltigkeitsschwerpunkte "Green Economy" auf "wiwo.de" umzusetzen. Zumal er als Redakteur Tendenzträger sei, sprich: aus inhaltlichen, publizistischen Gründen versetzt werden könne. Den Betriebsrat hatte die VHB damit vermeintlich auch aus dem Rennen. Dessen Mitbestimmungsrecht würde bei tendenzbezogenen Maßnahmen nämlich eingeschränkt.

Dieter Dürand sah das Ganze anders: nämlich als einen Versuch, ihn aus dem Print-Ressort abzuschieben, das unter Meckel den Fokus auf hippe Digitalisierungsthemen gelegt hatte, und klagte gegen die Versetzung. Mit Erfolg.

Das Arbeitsgericht Düsseldorf hat am 21. Juli 2017 entschieden, dass "die Klage auf vertragsgemäße Beschäftigung zulässig ist. In dem Urteil, das dem Wirtschaftsjournalist vorliegt, heißt es: "die zugewiesene Tätigkeit in der Online-Redaktion im Vergleich zu der vom Kläger bislang ausgeübten Tätigkeit" sei "nicht gleichwertig".

Zu dem Schluss kam das Gericht nicht nur aus inhaltlichen Gründen, sondern auch aufgrund einer internen Stellenausschreibung, die der Betriebsrat für die neue Online-Stelle eingefordert hatte. Dort war eine andere, niedrigere Gehaltsgruppe benannt als die bisherige von Dürand.

Man könnte das Ganze als eine missliche individuelle Auseinandersetzung abhaken, wie es in Medienhäusern leider öfter vorkommt. Doch bei dem Streit geht es um mehr, denn mit dem Urteil geht in Teilen der Redaktion ein stiller Trost einher: Man könne eben doch nicht alles mit den Beschäftigten machen, heißt es in der "Wiwo". Der Frust und die Verunsicherung nach zwei richtungs- und erfolglosen Jahren unter Meckel sitzen tief.

Warum man die Auseinandersetzung auch unter dem neuen Chefredakteur Beat Balzli so weit kommen hat lassen, will die Verlagsgruppe Handelsblatt auf Nachfrage nicht beantworten. Man äußere sich zu individualrechtlichen Streitigkeiten grundsätzlich nicht. "Wenn Mitarbeiter Maßnahmen (wie hier eine Versetzung) gerichtlich prüfen lassen, ist dies ihr gutes Recht", wie Sprecherin Kerstin Jaumann erklärt.

Angesichts zweier weiterer Versetzungen in die Online-Redaktion richtet der Betriebsrat mit dem Urteil den Blick nun auf die Zukunft: "Diese Eskalationsstufe war für uns neu", erklärt Harald Schumacher, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der VHB, zuständig für die "WiWo". "Wir hoffen, dass Verlag und Chefredaktion nach dem Scheitern vor dem Arbeitsgericht bei Versetzungen zur Praxis einvernehmlicher Lösungen zurückkehren."

Ob Strafversetzungen in "Ist-ja-nur"-Online-Redaktionen angesichts der Transformationsprozesse in den Medien eine taktisch kluge Vorgehensweise sind, ist eine nicht weniger interessante Frage. Bei der VHB verwehrt man sich gegen eine mitschwingende Abwertung der Online-Redaktion. "Wir verstehen uns als Team, egal über welchen Kanal wir unsere Inhalte verbreiten", so Jaumann. "Wir sehen die digitale Transformation als herausfordernd und wichtig an und haben aus diesem Grund den Online-Bereich personell aufgestockt." Es werde also auf- und nicht abgewertet.

Über die inhaltliche Ausrichtung von "wiwo.de" ist damit noch nichts gesagt. Aber die ist alles andere als geklärt. Die bisherige Online-Chefin Silke Fredrich hat die "WiWo" verlassen. Offenbar gab es Differenzen über die Ausrichtung des Online-Portals, das zuletzt stark an Reichweite eingebüßt hat. Im April brach die Zahl der Visits laut IVW mit gut 2,43 Mio. um 14,8 Prozent im Vergleich zum Vormonat ein. Seither hat sie sich nicht erholt. Im Juli waren es gut 2,4 Mio Visits. Harte oder weiche Themen? Paid Content oder Verwertung der Printtexte? Diese Fragen sollen nun mit dem Nachfolger Lutz Knappman geklärt werden. Seit vergangener Woche steht fest, dass er auf Fredrich folgen wird. Knappmann kommt von der "Süddeutschen Zeitung", wo er als Leiter Editorial Innovation digitale Projekte entwickelt hat.

Autorin: Susanne Lang, Chefredakteurin "Wirtschaftsjournalist"

kress.de-Tipp: Das "Branchengeflüster: Meckel Frust bei der 'Wirtschaftswoche'" ist in der Ausgabe 4/2017 des "Wirtschaftsjournalist" erschienen. Das Magazin gibt es in unserem Newsroom-Shop oder im iKiosk.

Der "Wirtschaftsjournalist" (Chefredakteurin: Susanne Lang, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

 

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