Wenn Julia Jäkel die Sprache von Facebook spricht

 

Verleger und Manager gibt es wenige, die professionellen Journalismus schätzen und nicht nur gute Bilanzen. Diese wenigen waren meist Journalisten wie Springer-Chef Mathias Döpfner, dpa-Aufsichtsrat-Chef David Brandstätter oder G+J-Chefin Julia Jäkel. In einem Interview hat sie Medien und Wirtschaft wieder an die Verantwortung für Gesellschaft und Demokratie erinnert. Doch so kraftvoll der Appell, so kraftlos und klischeehaft ihre Sprache, mit Anglizismen durchsetzt.

Dass Julia Jäkel offenbar nicht kandidieren will für den Vorsitz der Zeitschriften-Verleger, ist ein Verlust für die Branche, den Journalismus und die Gesellschaft. Aber nicht wenige unter den Verlegern werden sich die Hände reiben: Zu moralisch wirkt die junge Managerin auf sie, wenn sie auf die Verantwortung der Medien verweist, zu aufdringlich, wenn es um die Güte des Journalismus geht, zu laut, wenn sie die Experimentier-Freude und Phantasie ihres Verlags preist.

Aber Recht hat Julia Jäkel, wenn sie Verleger, Manager und Marketing-Entscheider daran erinnert: Wir wollen Geld verdienen, aber es geht auch um die Gesellschaft. Man könnte hinzufügen: Es geht um die Demokratie, die schwächelt und vielleicht schon lahmt. Und auch der Hinweis, nur noch selten zu hören, soll nicht fehlen: Die Verantwortung der Medien steht weit vorne im Grundgesetz, dessen Artikel 5 nicht nur von der Freiheit der Presse handelt, sondern auch von der Pflicht, die Freiheit zu schützen.

"Das solle jeder bei jedem Euro, den er ausgibt, auch bedenken", sagt Julia Jäkel in einem "Handelsblatt"-Interview, und erweitert diesen Appell an alle Konzernchefs in Deutschland: "Jeder muss sich entscheiden: Wollen sie Medien unterstützen, die aufwendig recherchieren und für Transparenz und Pluralismus sorgen? Oder kanalisieren sie ihr Werbegeld auf Plattformen, die keine eigenen Inhalte produzieren und die sich sehr schwertun zu unterscheiden zwischen Wahr und Falsch."

Schwer tut sich auch Julia Jäkel - mit der Sprache. Im Interview ertrinkt sie regelrecht in Anglizismen: Onlineplayer und user generated content, Fake news, Corporate Social Responsibility und Corporate Media Responsibility, Brigitte Academy und Ad-Tech-Start-ups, Food, Living und People, Printprodukt und Event, Innovationslabor Greenhouse und digitaler PurePlayer.

Ob all diese Wörter von den meisten Lesern des "Handelsblatts2 verstanden werden? Jedenfalls überrascht, wenn eine Managerin, die die Macht der US-Digitalkonzerne beklagt, durchgehend deren Sprache nutzt. Die amerikanische Sprache ist die Basis für die weltweite Macht von Facebook, Google & Co, die zudem ihre Wortschöpfungen obendrauf setzen.  Zu Recht weist Julia Jäkel selber auf die Verantwortung eines Unternehmens wie Facebook hin, "das mehr menschliche Sprache reguliert, als es irgendeine Regierung jemals getan hat"?

Meine Kolumne soll kein Plädoyer werden gegen Anglizismen und amerikanische Wörter, die in unsere Sprache fließen. Zum Teil sind wir der Sprache aus der Heimat des Digitalen ausgeliefert: Für eine Reihe von Wörtern gibt es keine deutsche Übersetzung. Aber viele Anglizismen werden aus Gedankenlosigkeit oder Anbiederung an den Zeitgeist nachgeplappert. "Fakenews" sind Falschmeldungen, eine "Academy" ist eine Akademie, ein "Printprodukt" ist ein Druckwerk oder einfach "Zeitungen und Zeitschriften", ein "Event" ist ein Ereignis und "People" sind Leute.

Manche glauben, dass unsere Sprache zu alt ist. Sie ist alt, hat seit Luther ein halbes Jahrtausend im Gepäck. Aber ist sie auch altmodisch? In der Tat klingt "People" moderner als "Leute", klingt frischer als die spießbürgerlich anmutenden "Leute". Aber in Amerika verstehen die Menschen unter "People" dasselbe wie wir, wenn wir von Leuten reden. Wir nehmen die fremden Wörter, frischen sie für uns auf und nehmen in Kauf, dass sie nicht alle verstehen.

Solch Sprachauffrischung nutzt "Gruner+Jahr" auch in den Titeln neuer Magazine wie "Flow", "Stern Crime" oder "Beef". "Beef" ist Fleisch, nichts anderes als im Mutterland dieser Sprache, aber von Deutschen in den Mund genommen klingt es edel, von hohem Wert und befreit von allen vegetarischen Anfechtungen. In einen Beef-Club geht auch ein wertebewusster Grüner, weil er "Beef" nicht mit BSE und Gammelfleisch assoziieren muss.

"Beef" findet mit genau diesem Titel seine Käufer, er ist für sie attraktiv und reizt zum Kauf. Daran stört sich nur, wer sich gern am Zeitgeist reibt und hofft, dass Harald Martenstein darüber eine Kolumne schreibt. Es geht also nicht um Reinhaltung der Sprache, gar um die Rettung der deutschen Sprache, es geht um die Verständlichkeit. Wer viele erreichen will, muss so sprechen und schreiben, dass viele ihn verstehen. Nur wer zu einem Kreis Gleichgesinnter oder zu Spezialisten spricht, darf in einer Geheimsprache verharren und damit rechnen, verstanden zu werden.

Wer also über die Verantwortung in der Gesellschaft spricht, wer wie Julia Jäkel ein Bewusstsein schaffen will für den Wert von kritischen Medien, wer Kommunikation schätzt und die Frage stellt, wie wir unser Miteinander organisieren  - der muss so sprechen, dass jeder ihn versteht, und er sollte nicht nur für Eingeweihte ein Hochamt halten.

Gruner+Jahr steht in der Tradition großer Journalisten, die ein Organ für die deutsche Sprache hatten und haben, Henri Nannen beispielsweise oder Wolf Schneider, der Gruner+Jahrs Journalistenschule gründete und lehrte, wie wir verständlich und attraktiv schreiben sollen. Für Schneider sind ein Abgrund "die kalifornisch lackierten, auf Imponierjargon gebürsteten Werbetexter, Marketing Consultans, Manager- und Vorstandsassistenten".

Schneider plädiert für den Mittelweg zwischen den Möchtegern-Amerikanern und denen, die Anglizismen um jeden Preis vermeiden wollen und "Heißkäserich" statt Cheeseburger wählen: "Praktische Importe umarmen, lächerliche verscheuchen - und sich ein Organ dafür bewahren, was der Mensch an seiner Sprache hat."

Wir, die wir Zeitschriften schätzen, sollten "Zeitschriften" sagen und nicht "Printprodukte". Wir, die wir Zeitungen schätzen, sollten "Zeitungen" sagen. Die Brüder Grimm notieren in ihrem Wörterbuch noch die "Zeitschriftler" und erwähnen als Synonym "die deutschen tageblättler und zeitungsschreiber".  

Wir Zeitschriftler sollten ein Organ bewahren für die deutsche Sprache.

Quellen

Das Interview im Handelsblatt (5. September 2017, nicht frei im Netz) führten Catrin Bialek und Thomas Tuma.

Das Zitat von Wolf Schneider aus "Speak German! Warum Deutsch manchmal besser ist", erschienen im Rowohlt-Verlag

Der Autor

Paul-Josef Raue ist Ehrenmitglied der "Aktion Deutsche Sprache" und war mit seiner Kolumne "Friedhof der Wörter" nominiert als "Sprachwahrer des Jahres 2008". Im September erscheint von ihm im Klartext-Verlag "Luthers Sprach-Lehre. 50 Kolumnen für Journalisten, Pressesprecher, Politiker und alle, die attraktiv schreiben wollen". Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er schreibt Kolumnen in verschiedenen Regionalzeitungen, berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

Ihre Kommentare
Kopf

CL

12.09.2017
!

Sie lassen eines außer Acht: Frau Jäkel will/muss Verkrustungen aufbrechen und fast foszillierte Mover und Shaker, pardon: Entscheider, ins Boot holen.
Die steigen ab in kein Ruderboot. Die zerdrückt der Tsunami des Digitalen Zeitalters. Es muss die sexy Abramovich-Yacht mit Radar, Minigun und Heli-Landeplatz sein. Sex sells - nicht: Geschlechtsverkehr verkauft sich!

Kriege finden auf bestellten Schlachtfeldern statt. Die Digital Natives verstehen Jäkel, sie die. Man bekommt die nur so. Wenn!


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