kress.de: Frau Exner, Ihr neues Online-Magazin "Arbeit" hat mehr mit Leben als mit Karriere zu tun. Ist das eine Anleitung für Faulenzer? Immerhin soll es bei Ihnen auch ums "Blaumachen" gehen.

Maria Exner: Gegen das Faulenzen haben wir erst einmal nichts. Die Kunst des Ausruhens ist Teil der Kunst des Arbeitens, um es mit John Steinbeck zu sagen. Dem Phänomen des Blaumachens nähern wir uns, indem wir zu diesem Thema die Leser von "Zeit Online" fragen. Uns interessiert, ob die kontinuierlich steigenden Fehlzeiten in Deutschland auch vorgeschobene Krankheiten beinhalten, damit die Menschen der wachsenden Arbeitsbelastung besser standhalten können.

kress.de: Das klingt so, als ob Sie mit "Arbeit" einen anderen Ansatz verfolgen als klassische Ressorts zu "Beruf und Karriere"?

Maria Exner: Wir wollen mit dem Magazin wegkommen von der Idee einer geradlinigen Karriere. Arbeit ist ein sehr facettenreicher Teil des Lebens, mit dem wir alle viel Zeit verbringen. Gerade für unsere jüngeren Leser steht eher die Frage, was sinnvolle Arbeit ist, im Mittelpunkt - das zeigt etwa die Resonanz auf unser Festival für Weltverbesserer Z2X. Diesem Thema wollen wir uns mit "Arbeit" intensiver widmen.

kress.de: Nochmal zurück zum Faulenzen. Überspitzt gefragt: Ist das bedingungslose Grundeinkommen für Sie ein Thema?

Maria Exner: Ja, wir werden das Thema natürlich immer wieder zur Debatte stellen. Denn die Idee stellt wichtige Fragen. Was würde ich tun, wenn ich nicht mehr arbeiten müsste, um Geld zu verdienen? Und: Wie sichern wir als Gesellschaft die Leute ab, die bei den rasanten Veränderungen in unserer Arbeitswelt hinten runterfallen?

kress.de: Wie ist denn Ihre Haltung zum Grundeinkommen?

Maria Exner: Es geht nicht um die Frage, ob das gut oder schlecht ist, sondern was das über die Arbeitswelt von morgen aussagt. Unsere Gespräche mit drei Grundeinkommens-Beziehern zeigen: Mit mehr Geld lebt es sich leichter.

kress.de: Entschuldigung, aber das ist doch eine Binse.

Maria Exner: Das mag sein, aber sie enthält eine starke Botschaft. Es geht bei der Frage nach dem bedingungslosen Grundeinkommen um eine bessere Grundsicherung und eine bessere Absicherung in der Zeit zwischen zwei Jobs, als wir das heute kennen.

kress.de: Frau Seifert, Sie kritisieren, dass Unternehmen die "effiziente Aufgabenerfüllung belohnen, aber nicht die Eigenständigkeit ihrer Mitarbeiter". Stimmt das denn so noch? Ist denn nicht längst hierarchiefreies Arbeiten angesagt?

Leonie Seifert: Zum Teil. Bei meinen Recherchen merke ich, dass jedes Unternehmen etwas anderes unter flachen Hierarchien versteht. Bei manchen bedeutet es lediglich, dass die Mitarbeiter ihre Chefs duzen dürfen. Andere haben ihre Organisation komplett umgestellt, die Angestellten wählen ihre Chefs selbst oder schaffen das Prinzip Chef gleich ganz ab.

kress.de: Kann denn Arbeiten ohne Chefs überhaupt funktionieren?

Leonie Seifert: Ja, kann es, aber sicher nicht in jeder Abteilung jedes Unternehmens. Bei der Deutschen Bahn finden einige Abteilungen gerade heraus, ob für sie ein Arbeiten ohne Vorgesetzte klappt. Wir wollen uns anschauen, wo die Versprechen der flachen Hierarchie eingelöst werden und wo nicht. Für "Arbeit" haben wir einen Hotelier an der Nordsee besucht, der seine Zimmermädchen ermutigen will, eigenverantwortlich zu arbeiten. Wir fragen: Funktioniert das?

kress.de: Frau Exner, welche strategische Überlegung steckt dahinter, das Online-Portfolio von "Zeit Online" um "Arbeit" zu erweitern?

Maria Exner: Am Anfang stand zum einen eine einfache Beobachtung aus unseren Konferenzen: Unsere Leser diskutierten intensiv und kontrovers über Phänomene wie die Roboterisierung der Arbeitswelt oder die Suche nach Sinn im Job. Aber diese Themen fanden nur unregelmäßig in unseren bestehenden Ressorts statt. Sie liegen an der Schnittstelle von Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft. Jetzt widmen wir uns ihnen täglich in "Arbeit". Zum anderen ist ein Kern unseres Verständnisses von Journalismus, unseren Lesern Orientierung zu bieten. Und die Arbeitswelt ist in Bewegung wie vielleicht noch nie.

kress.de: Wer kann "Arbeit" lesen? Wird es hinter einer Bezahlschranke verschwinden?

Maria Exner: Der Großteil der Berichterstattung von "Arbeit" wird genuin bei "Zeit Online" entstehen und damit frei lesbar sein. Für Texte, die auch in der gedruckten Ausgabe der "Zeit" erscheinen, müssen sich die Leser mit ihrer E-Mail-Adresse einloggen.

kress.de: Frau Seifert, nach welchen Prinzipien arbeitet es sich denn am leichtesten? Was empfehlen Sie den Lesern?

Leonie Seifert: Da machen wir keine Vorschriften. Wir sind ja gerade kein Karriere-Ratgeber. Wir versuchen mit den Lesern gemeinsam zu erkunden, wie sie Arbeit und Entspannung kombinieren können. Sie werden voneinander lernen. Zum Start machen wir Redakteure den Anfang und stellen ein Dutzend Spiele vor, die uns die Arbeitszeit erleichtern.

kress.de: Im Ernst?

Leonie Seifert: Ja, es ist bekannt, dass Spielen während der Arbeitszeit produktiver und kreativer macht. Bei uns zum Beispiel wird gekickert, Tischtennis auf der Platte oder Solitaire am Bildschirm gespielt. Aber natürlich geht es in unserem neuen Ressort auch ernsthafter zu. Das Thema Stress am Arbeitsplatz behandeln wir zum Beispiel dadurch, dass der Führungskräfte-Coach Louis Lewitan dazu Fragen unserer Leser beantworten wird.

kress.de: Frau Exner, krempeln Sie aufgrund der Tipps, die Sie den Lesern geben, jetzt auch Ihr eigenes Arbeiten bei "Zeit Online" um, oder haben Sie immer schon nach diesen Prinzipien gearbeitet?

Maria Exner: Wir haben schon "agil" gearbeitet, bevor dieses Wort in Mode kam. Mitten in unserem Newsroom steht eine Pinnwand, an der sich jeden Morgen Kollegen versammeln, um darauf bunte Kärtchen hin- und herzuschieben. Unsere Entwicklungsredaktion plant auf diese sehr analoge Weise unsere digitalen Features. Die Pinnwand ist aber nur eines von vielen Hilfsmitteln aus dem Werkzeugkasten des "Design Thinking", mit dem wir bereits länger arbeiten. Dann haben wir realisiert, dass diese Methoden für Veränderungen stehen, die so groß sind, dass wir ihnen ein eigenes Ressort widmen sollten.

kress.de: Frau Seifert, die digitale Transformation könnte Arbeiten viel angenehmer machen. Müsste das "Homeoffice" jetzt nicht seinen Siegeszug antreten?

Leonie Seifert: Langfristig wird es so sein, dass immer mehr Menschen von zuhause arbeiten. Das eigenverantwortliche Arbeiten und das Vertrauen der Chefs darauf werden sich durchsetzen, auch wenn derzeit Vorgesetzte noch häufig Faulheit unterstellen, wenn jemand im Homeoffice sitzt. Denn viele Chefs führen momentan noch nach dem Prinzip Kontrolle. Aber was spricht dagegen, wenn man während der Arbeitszeit eine Waschmanische anwirft? Zuhause schafft man in der Regel trotzdem mehr.

kress.de: Arbeiten wir demnächst also alle von zuhause?

Leonie Seifert: Nein, denn in vielen Berufen, etwa bei Lehrern, Ärzten und Handwerkern ist Homeoffice ja gar keine Option. Andere, die es könnten, wollen gar nicht zu Hause arbeiten. Sie fühlen sich durch Home Office-Regelungen im Büro unerwünscht oder wollen auch weiterhin ihre Kollegen um sich haben. Interessant ist, dass sich der Trend im Silicon Valley derzeit schon dreht. Unternehmen beordern dort ihre Mitarbeiter wieder zurück, weil sie feststellen, dass sich Ideen besser mit mehreren Kollegen in einem Raum entwickeln lassen.

kress.de: Frau Exner, Ihre Leserschaft dürfte eher kreativen Berufen nachgehen. Welche Rolle werden prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Ihrer Berichterstattung spielen?

Maria Exner: Unsere Leserschaft ist sehr divers, unter mehr als zehn Millionen "Zeit-Online"-Lesern im Monat sind natürlich nicht nur Kreative. Was stimmt, ist, dass die Mehrheit unserer User einen akademischen Abschluss hat oder gerade studiert. Zu Ihrer Frage: Natürlich werden prekäre Beschäftigungsverhältnisse bei uns eine Rolle spielen, auch weil es sie in Zeiten der Gig-Economy immer mehr gibt. Wir berichten zum Beispiel über das Münchner Startup "Testbirds", das 250.000 Leute Software testen lässt. Die haben keinen Vertrag und werden stundenweise bezahlt.

kress.de: Frau Seifert, große Themen - auch mit auf Blick Integration und Geschlechtergerechtigkeit - sind Diversität, Chancengleichheit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wie packen Sie das an?

Leonie Seifert: Wir stellen nicht die Frage, ob Männer und Frauen unterschiedlich qualifiziert sind, sondern was einer Gleichstellung im Job eigentlich noch im Weg steht. Das führt im nächsten Schritt zur Frage nach Vereinbarkeit und Work-Life-Balance: Wie erstrebenswert ist es für das Familienleben eigentlich, wenn Männer und Frauen jeweils Vollzeit arbeiten? Hier wollen wir die Parole "Fulltime für alle" hinterfragen. Ein Schwerpunkt der kommenden Wochen werden zudem Recherchen zu Diskriminierung und Sexismus am Arbeitsplatz sein. Auch dazu fragen wir unsere Leser.

kress.de: Besteht da nicht die Gefahr der Verzerrung? Denn es werden sich doch vorwiegend Betroffene melden.

Leonie Seifert: Wer selbst nie Diskriminierung erfahren hat, neigt dazu, zu glauben, das Problem gäbe es nicht. Auch weibliche Führungskräften sind häufig der Meinung, die Debatte sei übertrieben. Da wollen wir ansetzen und durch unsere Berichterstattung bestenfalls mehr Objektivität und Klarheit in das Thema bringen.

kress.de: Frau Exner, wie sehen Sie den Einsatz künstlicher Intelligenz? Der wird sich in der Zukunft verstärken. Ist das eine sinnvolle Ergänzung oder eine Bedrohung für Arbeitskräfte?

Maria Exner: Diese Technologie wird zunächst vor allem Routineaufgaben übernehmen, also zum Beispiel die Prüfung eines Kreditantrages. Das heißt, viele Jobs werden dadurch angenehmer. Aber das verlangt nach neuen Kompetenzen bei den Mitarbeitern. Daher muss die richtige Aus- und Weiterbildung innerhalb der Unternehmen präsenter sein. Bürokauffrau ist zum Beispiel immer noch der beliebteste Ausbildungsberuf. Aber gerade dieses Berufsbild wird sich stark verändern. Rechnungen prüfen und Excel-Tabellen auswerten kann eine Software besser als der Mensch. Wir werden also bei "Arbeit" darüber berichten, warum erst 2018 in Deutschland die Ausbildung zur Digital-Kauffrau eingeführt wird. Damit ist unser Land sicherlich nicht zu früh dran.

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