"Wir fragen unsere kressköpfe": Warum Christian Dezer beim ZDF auf Konstruktiven Journalismus setzt

 

Beim "Sagen was ist" - getreu der berühmten Rudolf-Augstein-Devise - will Christian Dezer nicht stehen bleiben. Der ZDF-Redaktionsleiter möchte es um die an Lösungen orientierte Perspektive "Sagen was geht" erweitern. Mit seinem neuen Magazin "Plan B", das an die Stelle des eingestellten ZDF-Formats "ML - Mona Lisa" tritt, geht er am 7. Oktober erstmalig auf Sendung. Hier verrät er schon mal, was er plant.

kress.de: Herr Dezer, "Constructive Journalism" gilt vielen Verlegern und Medienschaffenden als ein wichtiger Trend, Leser und Zuschauer zu binden, bestenfalls auch zurückzuholen. Was fasziniert Sie persönlich an dem Ansatz?

Christian Dezer: Über konstruktive, lösungsorientierte Ansätze zu berichten, bedeutet, das Bild von der Welt zu vervollständigen, um Alternativen zu bereichern. Über Schwierigkeiten, Probleme und negative Entwicklungen berichten wir immer wieder in den Nachrichten und in kritischen, investigativen Formaten. "Sagen was ist"! Das hat der frühere "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein mal formuliert. "Und sagen, was geht" – möchten wir mit unserem Format ergänzen. Viele Untersuchungen zeigen ja, dass Zuschauerinnen und Zuschauer sich auch diesen Aspekt in unserer Berichterstattung wünschen: dass Zustände änderbar sind, dass es für Probleme Lösungen oder zumindest Lösungsansätze gibt. Ich hoffe, unser Format kann dazu beitragen, die Sichtweise auf Dinge und die Diskussionen darüber zu erweitern. Deshalb sehe ich investigativen und konstruktiven Journalismus nicht als Gegensatz, sondern als Partner, die sich sinnvoll ergänzen.

kress.de: Über den vermeintlichen Heile-Welt-Ansatz bei konstruktiver Berichterstattung wurde auch schon viel Unsinn geschrieben. Was sollte man auf jeden Fall vermeiden?

Christian Dezer: Es geht bei konstruktivem Journalismus nicht um "heile Welt". Es geht darum nachzufragen: Welche Ideen gibt es für die Lösung welcher Probleme? Die wollen wir sachlich thematisieren, kritisch hinterfragen und konstruktiv erzählen. Dabei gelten für den "Constructive Journalism" dieselben Regeln wie für hintergründigen, kritischen Journalismus.

kress.de: Wo grenzen Sie konstruktive Berichterstattung von Schönfärberei oder medialer Geschichtsklitterung ab?

Christian Dezer: Wir sind ja kein historisches Format, insofern halte ich die Gefahr von "Geschichtsklitterung" für gering. Schönfärberei könnte nur entstehen, wenn wir gegen die Regeln des Journalismus verstoßen. Das aber haben wir nicht vor.

Christian Dezer: Wie schwer ist es, geeignete Themen und Ansätze für die Sendung "Plan B" zu finden? 

Christian Dezer: Probleme und Fragestellungen gibt es in allen Bereichen der Gesellschaft. Deshalb werden auch überall Lösungen gesucht. Die Themenpalette und damit der Ansatz für "Plan B" sind entsprechend groß. Ob Wohnungsmarkt, Arbeitswelt, Verkehrsplanung oder Familienpolitik: Es gibt doch viel mehr Lösungsansätze für Probleme, als wir uns vorgestellt hatten. Es arbeiten so viele Frauen und Männer an Geschichten des Gelingens, dieses Potential in der Zivilgesellschaft wollen wir aufzeigen und bekannter machen.

kress.de: Auf welche Arten von Berichten und auf welche Themenfelder können sich die Zuschauer einstellen?

Christian Dezer: Wir wollen möglichst nah an den Menschen reportagig berichten. Zugleich wollen wir aber auch, wie es bei Dokumentationen üblich ist, Fakten transportieren. Das werden wir mittels anschaulicher Grafiken und mit Expertenwissen liefern. Die Themen kommen, wie gesagt, aus dem sozialen Bereich, aus der Umwelt und Technik, der Finanzwelt oder der Wirtschaft.

kress.de: Wie stimmen Sie Ihre Mitarbeiter auf die neuen Ansätze ein?

Christian Dezer: Das Team ist hochmotiviert und besteht aus erfahrenen RedakteurInnen, die nach den Grundsätzen des Journalismus arbeiten, und die große Lust auf diesen Perspektivwechsel und auf die Etablierung eines neuen Formats haben.

kress.de: Mit welchen Vorschlägen für "Plan B" können auch freie Mitarbeiter Ihr Interesse gewinnen?

Christian Dezer: Über gute Themenvorschläge freut sich natürlich jede Redaktion. Da wir eng mit Produktionsfirmen zusammen arbeiten, werden die Filme über diese Partner produziert. Wir würden gute Ideen dann entsprechend mit allen Beteiligten diskutieren und schauen, ob und wie wir sie umsetzen können.

kress.de: In der Diskussion in der Fachpresse las es sich lange so, als ob "Plan B" das ehemalige Frauenmagazin "Mona Lisa" eins zu eins ersetzen soll. Inwieweit ist das eine schwere Hypothek für Ihre neue Sendung?

Christian Dezer: "Plan B" kann und will "Mona Lisa" als Frauenmagazin nicht ersetzen. Das ist auch nicht die Aufgabe. "Mona Lisa" war ja zuletzt weit mehr als ein reines Frauenmagazin. Nicht umsonst gab es den Untertitel "Männer, Frauen & mehr". Mona Lisa hat sich mit gesellschaftspolitischen Themen beschäftigt – und das werden wir auch tun. Wir werden viele Themen ins Programm bringen, die auch bei "ML" gelaufen wären. Wenn Sie so wollen eine Reminiszenz an dieses große Magazin-Format. Eine unsere ersten Geschichten ist zum Beispiel ein Film über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

kress.de: Inwieweit sehen Sie auch eine Aufgabe darin, durch Ihr neues Format in Zeiten gehässiger "Lügenpresse"-Vorwürfe Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurückzugewinnen?

Christian Dezer: Ich bin davon überzeugt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nach wie vor eine sehr hohe Glaubwürdigkeit genießt. Viele Umfragen, aber auch das große Zuschauerinteresse an unseren Informationssendungen machen das doch deutlich. Wir möchten gerne mit unserem Format einen neuen Blickwinkel anbieten und so das Bild von der Gesellschaft, das wir in unserem Programm zeigen, erweitern.

kress.de: Sie sind mit und für das ZDF bislang viel herumgekommen. Welche Stationen haben Sie in Ihrer heutigen Arbeitsweise am stärksten geprägt?

Christian Dezer: Das ist eine schwierige Frage angesichts der vielen Stationen, die ich während meiner fast dreißigjährigen ZDF-Tätigkeit innehatte. Ganz besonders prägend waren sicherlich die vielen Erlebnisse meiner langjährigen Reportereinsätze in Krisen- und Kriegsgebieten. Für meine heutige Arbeit ist es aber vor allem die Vielfalt an Erfahrungen, die ich sammeln durfte: als Reporter, als CvD, als Entwickler von verschiedenen Formaten und als verantwortlicher Redakteur für die unterschiedlichsten ZDF-Sendungen wie "auslandsjournal", "ZDFzoom" und "Frontal 21".

kress.de: Wenn Sie auf Ihre eigene Karriere zurückblicken: Wo haben sie am meisten gelernt und welche Erfahrungen helfen auch an besonders stressigen Tagen?

Christian Dezer: Ganz ehrlich: Am meisten gelernt habe ich während meiner zweimaligen einjährigen Elternzeit mit meinen beiden Töchtern. Da gab es nicht nur stressige Tage – sondern auch die Erkenntnis, dass man gelegentlich innehalten und sich klar machen muss, dass es auch Dinge außerhalb des Berufslebens gibt. 

kress.de: Mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, erfordert Kraft, Geschicklichkeit und einen beweglichen Geist: Wie laden Sie eigentlich Ihre Batterien immer wieder auf?

Christian Dezer: Ich kann sehr gut beim Kochen abschalten. Mich entspannt es, abends nach der Arbeit ein Familienessen zuzubereiten. Dazu ein bisschen Sport, Lesen, Kino, Treffen mit Freunden, die nichts mit Fernsehen zu tun haben. Und am schönsten ist natürlich die gemeinsame Zeit mit der Familie.

kress.de: Sie haben schon länger ein "kressköpfe"-Profil angelegt. Wie wichtig ist es für die Arbeit in Ihrem Netzwerk?

Christian Dezer: Netzwerkarbeit ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden und heutzutage eigentlich unerlässlich.

kress.de: Mit welchem Geschäfts- oder Kooperationspartnern, Querdenkern oder Kreativköpfe würden Sie sich – idealerweise über die "kressköpfe" – gerne einmal zu einem Mittagstermin verabreden?

Christian Dezer: Mit all jenen, die uns helfen können, dieses Format weiter zu entwickeln, gerne mit Visionären und allen, die neue Wege für unsere Zukunft entwickeln.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Christian Dezer: Es ist immer spannend zu erfahren, was in unserer Branche so alles passiert.

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Hintergrund: Medien können nach Meinung des dänischen Journalisten Ulrik Haagerup viel Vertrauen zurückgewinnen, wenn sie Themen konstruktiver angehen. Um Kollegen näher zu bringen, wie sie dies schaffen, hat Haagerup das Buch "Constructive News" veröffentlicht.

Ende Juli hat Haagerup seine Aufgabe als Chefredakteur des Danske Radio, also des Dänischen Rundfunks, beendet und inzwischen das Constructive Institute gegründet. Unter anderem veranstaltet er nun die erste weltweite Konferenz zum Thema.

kress.de-Tipp 2: Die deutsche Fassung von "Constructive News" erscheint im Medienfachverlag Oberauer und kann im Online-Shop bestellt werden.

Die Global Constructive Journalism Conference findet von 26. bis 27. Oktober 2017 in Aarhus, Dänemark, statt. Hier gibt es weitere Infos und die Möglichkeit, sich anzumelden.

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