Kanzler der Einheit: Helmut Kohl und sein Bild in der Öffentlichkeit

22.09.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Erster Teil der großen kress.de-Serie.

Anhand der Kanzlerschaft Helmut Kohls wird deutlich, wie stark die Gestaltung der PR auch von der Person des Kanzlers und seinen persönlichen Präferenzen abhängig ist. In seine sechzehnjährige Kanzlerschaft fällt mit der Dualisierung des Rundfunks ab 1984 die bislang folgenreichste Veränderung der deutschen Medienlandschaft. 

Obwohl Kohl als erstem Kanzler auch ein privat-kommerzieller Rundfunk als Bühne der Präsentation zur Verfügung stand, nutzte er die neuen Möglichkeiten moderner Fernsehkommunikation bis in die zweite Hälfte seiner Kanzlerschaft nicht. 

Kohl galt als kommunikativer Phlegmatiker mit einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber Medien, insbesondere dem Fernsehen. "Die Zeit" urteilte über Kohls Verhältnis zum Journalismus: "An eine Kanzlerschaft, die derart hermetisch wirkt wie die Helmut Kohls, kann man sich jedoch nicht erinnern." Gerd Langguth warf Kohl sogar völlige Unkenntnis der Methoden moderner politischer Kommunikation vor. Auf der anderen Seite wird die Qualität der Arbeit von Kohls Medienberatern selbst vom politischen Gegner positiv bewertet. 

Kohls Kanzlerschaft lässt sich in zwei Phasen unterteilen: die erste Phase von 1982 bis zur Wiedervereinigung und die zweite Phase von der Wiedervereinigung bis zu seiner Abwahl 1998. Erst in der zweiten Phase schaffte es der sechste Kanzler der Bundesrepublik, eine positive Medientendenz zu erreichen und sein Medienimage zu verbessern. Das tiefe Misstrauen und Freund-Feind-Denken, das Kohl gegenüber Journalisten entwickelte, hat er sich aber trotz seiner erstaunlichen Wandlung vom Medientollpatsch zum Medienlieblingerhalten: "Unter der Oberfläche lauert stets ein eigentümliches Misstrauen. Dieses Grundmuster ist über all die Jahre intakt geblieben." Hierzu meinte der während Kohls Zeit in Mainz zuständige Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Hannes Schreiner: "Er konnte Journalisten eigentlich von Anfang an nicht leiden. Aber er denkt, dass sie, wenn sie gut mit ihm auskommen, auch Gutes über ihn schreiben müssen. Wenn sie das nicht tun, betrachtet er das als Verrat. Er hat kein Verständnis für ihre professionelle Unabhängigkeit – er versteht natürlich, dass die Presse unabhängig sein muss, kann das aber nicht auf individuelle Journalisten übertragen." 

Dieses aufschlussreiche, kleine Medienpsychogramm Kohls lässt erkennen, dass der Pfälzer die Mechanismen des schon vielfach beschriebenen Tauschgeschäfts zwischen Medien und Politik nicht oder nur begrenzt durchdrang.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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