Mangels eines Meeres geht's um Aqua-Planing: Eine Liebeserklärung an die Provinz und die Lokal-Kolumne

 

Kolumnisten können in Amerika Millionäre werden und in Deutschland immerhin Bestseller-Autoren wie Axel Hacke, Harald Martenstein oder Meike Winnemuth. Doch die eigentliche Heimat der Kolumne ist die Provinz, in der sie Lokalspitze oder einfach Glosse heißt oder im Rubriken-Titel schon dem Autor huldigt, mit einer Prise Selbstironie, wie in "Joas Notizen aus der Provinz". Paul-Josef Raues Liebeserklärung an die Provinz und die Kolumne im Lokalteil.

Joachim Schmid, den sie Joa nennen, ist 59 Jahre alt und ein typischer deutscher Lokaljournalist: Er blieb und bleibt seiner Heimat treu und arbeitet in der Region, in der er geboren wurde und zur Schule gegangen ist; er studierte Germanistik (aber nicht Sozio- oder Politologie) und volontierte bei der Zeitung, der "NWZ", bei der er heute stellvertretender Redaktionsleiter ist.  Joa Schmid kann schreiben, gut  und verständlich schreiben und schreibt deshalb auch in seiner Freizeit Bücher für Kinder, etwa "Sansyla und das Geheimnis der Sieben". Er hätte leicht bei einer großen Zeitung oder einem Magazin anheuern können, spätestens als ihm vor knapp 25 Jahren der Wächterpreis verliehen wurde. Aber er blieb.

Und dass Joa Schmid blieb, ist ein Glück für seine Leser und für das Lokale, das ein Biotop ist für den Journalismus und die Demokratie. Joa ist einer, der sich um die Welt kümmert und für seine Leser fragt, was die Welt mit Göppingen zu tun hat oder umgekehrt. "Weltkenntnis" nennt Wolf Schneider diese Kardinaltugend des Journalismus  - und die man nicht nur für den "Spiegel", die "Süddeutsche" oder den "Weltspiegel" mitbringen muss.

Für die Begegnung der Provinz mit der Welt ist die Kolumne ein vornehmer Ort. Was hatte, beispielsweise, Göppingen mit der Finanzkrise, Griechenland und einem drohenden Grexit zu tun? Joa Schmid:

"Während man auf dem EU-Gipfel mit Alexis Sorbas ringt, hat sich die sympathische  Stadt am Fuße des Hohenstaufens längst auf einen Grexit eingestellt. Frustrierte Griechenland-Urlauber sollen im Falle eines hellenistischen Falles einfach zu uns kommen. Die Vorbereitungen für den Sandstrand vor dem Göppinger Rathaus sind abgeschlossen und die Stadtoasen in den Mörikeanlagen bereiten sich auf den Touristenzustrom vor: Mangels eines Meeres geht es jetzt um Aqua-Planing, sprich die Suche nach Wassersport-Gelegenheiten.

Nachdem der Vorschlag, Bartenbach zu überfluten und daraus einen Badesee zu machen, aus humanitären Gründen verworfen wurde, kommt die Idee eines Göppinger Lehrers zum Bau einer Surfwelle in der Fils gerade noch rechtzeitig, um die Pläne, das Kreta des Schwabenlandes zu werden, nicht verwerfen zu müssen."

Seit über dreißig Jahren schreibt Joa Schmid seine Samstags-Kolumne. Gut zwei Stunden vor Redaktionsschluss, der ist um 22.30 Uhr, beginnt er am Freitag zu schreiben, wenn die Kollegen schon im Wochenende verschwunden sind. Schmids Buch-Verlegerin nennt die Kolumnen "genial", aber Verleger mögen Übertreibungen, die verkaufsfördernd sind. "Von den Neandertalern lernen, heißt siegen lernen - alles eine Frage des Marketings", kommentiert Schmid, aber meint nicht seine Verlegerin, sondern die Touristen, die den Wert des Fils-Tales und seiner Hotels nicht zu schätzen wissen. Provinz eben.

Kolumnen im Lokalteil sind nicht nur in Göppingen der Liebling der Leser. Die "Thüringer Allgemeine" zum Beispiel hat täglich mehrere Kolumnen mit starken Autoren im Blatt. Eine der beliebtesten war bei den Lesern die Hunde-Kolumne "Herr Lehmann": Drei Bücher sind erschienen, die wegen der Nachfrage sogar in einer Gesamtausgabe angeboten werden. Die begeisterten Leserinnen schickten dem Autor Robert Schmidt, der die "Erlebnisse seines Dackels" schrieb, Liebesbriefe und Huldigungen, sogar Hundefutter in die Redaktion; die Lesungen waren ausgebucht.

Das Thema und das Erzähl-Talent des Autors spielen stets eine Rolle, aber vor allem mögen die Leser: Einer von uns schreibt über das Leben in der Nachbarschaft, er nimmt die Provinz nicht nur ernst, sondern schätzt sie. Die Kolumne verbindet Leser und Redakteur, und sie wird geschätzt - auch wenn die Lesewerte nicht umwerfend hoch sein sollten.

Umstritten sind Kolumnen unter Redakteuren: Zu banal, raunt es durch die Konferenz, direkt provinziell, sagt einer, dem beim Rotwein die befreundete Oberstudienrätin klagt: "Wer liest denn sowas? Auf welches Niveau wollt ihr denn noch sinken?" Manch Lokalredakteur verzweifelt und hört auf, da es nicht leicht ist, täglich ein Thema zu finden und man nicht unentwegt über morgendliche Probleme vor dem heimischen Kleiderschrank schreiben kann.

Im "Handbuch des Journalismus" erzählen wir die Geschichte von Helmuth Rücker, der in der Lokalredaktion Regen im Bayerischen Wald jahrelang die Lokalspitze geschrieben hatte. Er gab auf, zumindest wollte er nicht mehr täglich glossieren; Anlass war die Klage eines Lesers: "Manchmal habt's einen Krampf drin, dass es einem d'Schuh auszieht." Doch die Leser protestierten massenhaft - und gerade die, die ihm am heftigsten auf die Zeh gestiegen sind.

Das sind die zehn Regeln für eine erfolgreiche Kolumne:

1. Die Kolumne muss regelmäßig erscheinen: Täglich oder wöchentlich (in einer Zeitung aber an einem festen Tag). Ein anderer Rhythmus irritiert die Leser. Wenn beispielsweise Meike Winnemuth im Stern nur noch vierzehntäglich schreibt, weil sie ihr Leben aufgeräumt hat, dann verstört sie ihre Leser: Sie ist nicht mehr verlässlich, sie ist nicht mehr jede Woche an ihrem angestammten Platz. Wenn amerikanische Kolumnisten in Urlaub fahren, schreibt die Zeitung: "NN ist im Urlaub, in vier Wochen schreibt er, wie gewohnt, an diesem Platz." Der Leser mag Ordnung im Küchenschrank genauso wie in der Zeitung.

2. Der Autor muss sichtbar sein - am besten mit einem Porträtbild und einer Ein-Satz-Vita. Wenn das Objekt der Kolumne wichtiger ist als der Autor, kann man das Objekt oder eine Kunstfigur zeigen wie den Dackel in der "Herr Lehmann"-Kolumne.

3. Hat die Redaktion einen starken Schreiber, muss er auch schreiben - aber regelmäßig, auch wenn er sich, wie die meisten Diven, nur hinsetzen will, wenn die Muse ihn küsst.

4. Schreiben mehrere Autoren für eine Kolumne, muss sie etwas verbinden wie die gemeinsame Lokalredaktion, in der sie arbeiten, oder ein Thema wie Sport, Kultur oder Wetter.

5. Das Thema sollte entweder im Kolumnen-Titel erkennbar sein, in Überschrift oder Vorspann, spätestens im ersten Satz. Ausnahmen sind Wohlfühl-Kolumnen, etwa Lokalspitzen wie "Guten Morgen", "Moment mal" oder "Stine Stöber" - eben der tägliche Gruß aus der Redaktion.

6. Die Lokalspitze steht unbedingt auf der ersten Lokalseite, oben in der rechten oder linken Spalte, sie ist kurz, prägnant und taugt zum Weiter-Erzählen. Sie darf alles: mal heiter sein, mal kritisch;  mal verspielt, mal ernst; mal neckisch, mal zum Tode betrübt - sie muss nur im Dorfe bleiben.

7. Alle anderen Kolumnen können länger sein, aber sie müssen erzählen und erzählen - nichts langweilt mehr in einer Kolumne als alles Belehrende. Als Helmuth Rücker für seine Lokalspitzen den Deutschen Lokaljournalistenpreis bekam, lobte Dieter Golombek für die Jury: "Er verdient den Preis, weil er nicht belehrt."

8. Auch Lokalspitzen müssen für den Leser relevant sein. Denni Klein, der Chef von "Lesewert": "Belanglos sind Kolumnen vom Format 'Heute ist eine schwarze Katze über meinen Weg gelaufen, und ich überlege, wie mein Tag wird' (Originalthema)." Diese Wohlfühl-Kolumnen brauchen, so Klein, unbedingt einen roten Faden: "Heimatgefühl, lokale Besonderheit, emotionalisierendes Themenspektrum.  Allerdings sind diese Formate selten konstant auf hohem Niveau, was sie nur empfehlenswert macht, wenn die Autorenqualität gesichert ist."

9. "Eine spitze Feder wirkt Leser-bindend, aber auch nur wenn Themen dafür taugen", weiß Denni Klein. Klug ist es, wenn eine Kolumne schwierige, aber wichtige Themen aufgreift.

10. Ironisch werden sollte nur der, der's kann und weiß, dass die meisten Leser keine Ironie verstehen. Wer unbedingt Satiren drucken will, sollte es deutlich machen - auch wenn's weh tut.

Leseprobe: Joa Schmid

"Holleri du dödl di", erschienen in der NWZ am 22. Februar 2014, ist eine von Joa Schmids Lieblingskolumnen; in seinem Buch auf Seite 138:

Manchmal dauert es länger, bis originelle Ideen auch die sympathische Stadt am Fuße des Hohenstaufens erreichen. Vor immerhin 36 Jahren hatte Vicco von Bülow selig mit seiner Jodelschule - "Holleri du dödl di, diri, diri dudl dö" - Furore gemacht und erst jetzt hat man auch in Göppingen erkannt, wie wohltuend das für die Gesundheit ist. "Jodeln für jedermann im Christophsbad", hieß es in der Klinik-Kapelle, von wo eine weithin bekannte Solo-Jodlerin ihre Stimme "in geschwungenen Kaskaden" über das Filstal hallen ließ. Leider konnten wir den Workshop nicht besuchen, weswegen wir unsere Phantasie mit uns durchgehen lassen müssen.

Wir vermuten, dass es sich um eine Veranstaltung eben jenes "Instituts für modernes Jodeln" handelte, an dem einst schon  Loriot die einschlägige Kehlkopfakrobatik lehrte. Wir wollen mal hoffen, dass sich die Kursleitern dabei nicht - wie einst Frau Hoppenstedt - als gemeine "Jodelschnepfe" beschimpfen lassen musste. Schon weil Jodeln tatsächlich ein Stück deutscher Kultur ist. Jodelkurse haben in München und Umgebung Hochkonjunktur, wo das Singen von Silbenfolgen wie "Holaria" oder "Holadio" sogar in der Staatskanzlei oder bei CSU-Versammlungen in Wildbad Kreuth beliebt ist. Vielleicht, weil es auch beim Jodeln auf die Stimme ankommt.

Sogar politische, pardon afrikanische Pygmäen sollen sich auf das Jodeln verstehen. Insofern bewegt sich die Solojodlerin im Christophsbad auf der Höhe der Zeit, wenn sie den Menschen das richtige "Schnackeln" beibringt, was mit dem merkwürdigen Paarungsverhalten geschlechtsreifer Großstädter überhaupt nichts zu tun hat, sondern den hörbaren Übergang von der Brust- zur Kopfstimme beschreibt. Ein herzhaftes "Holareiduljö" gilt als absoluter Höhepunkt des "Schnackelns" und natürlich als richtige Antwort auf die gerade bei uns fröhlichen Kampf-Jodlern beliebt Frage "Wie schallt's von der Höh?".

Wir gehen mal davon aus, dass auch beim Jedermanns-Jodeln im Christophsbad mindestens ein "Jodeldiplom" als Abschluss gewunken hat, was ja die eigentliche Attraktivität solcher Kurs ausmacht. Natürlich nur, wenn man nicht den gleichen Fehler wie Frau Hoppenstedt begeht, die auf einschlägiges Nachfragen nur ein einfaches "Dö dudl dö" herausbrachte, was ihr Lehrer zurecht als "Zweites Futur bei Sonnenaufgang" missbilligte.

Wir jedenfalls schlagen das Göppinger Jodeldiplom hiermit als touristische Antwort auf profane Gartenschauen in der weitläufigen Umgebung vor. Wie sagte noch Frau Hoppenstedt? "Da hab ich das Gefühl, dass ich auf eigenen Füßen steh, da hab ich was Eigenes." Wie das gehen soll? Ganz einfach: "Holleri du dödl di, diri, diri dudl dö."

Der Autor

Paul-Josef Raue nennt als seine Berufsbezeichnung im Ruhestand gerne: "Kolumnist"; gerade erscheint im Klartext-Verlag seine Kolumnen-Sammlung "Luthers Stil-Fibel. 50 Kolumnen für Journalisten, Pressesprecher, Politiker und alle, die attraktiv schreiben wollen". Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er schreibt Kolumnen in verschiedenen Regionalzeitungen, berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

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