Helmut Kohl: Gravitationszentren der Kanzler-PR

25.09.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Zweiter Teil der großen kress.de-Serie.

Der informelle Regierungsstil, der sich unabhängig vom Dienstweg in der Mentalität des "mittelalterlichen Lehnsherrn" auf wechselseitige Treueverhältnisse und persönliche Gefolgschaften stützt, ist charakteristisch für Kohl und galt auch für die Organisation seiner Öffentlichkeitsarbeit. 

In Kohls Kalkül spielten die Personen, weniger ihre Funktionen, die entscheidende Rolle. Er war der erste Kanzler, der weite Teile der politischen Öffentlichkeitsarbeit aus dem Bundespresseamt herauslöste und unmittelbar ins Bundeskanzleramt und damit in seine persönliche Nähe verlagerte. 

Die Planungsabteilung des Kanzleramtes löste er auf und schuf stattdessen für seinen Weggefährten Eduard Ackermann, der Kohl bereits als Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in Medienfragen betreut hatte, eine Abteilung für gesellschaftliche und politische Analysen, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Seit Kohl Oppositionsführer in Bonn war, stellte Ackermann seine wichtigste Schnittstelle zu den Medien dar. Jetzt übernahm ihn Kohl ins Kanzleramt.

Mit seinen vierzig Jahren Presseerfahrung und den hieraus erwachsenen, unzähligen Kontakten in alle Zirkel und Winkel des politisch-medialen Komplexes im "Raumschiff Bonn" war Ackermann für Kohl ein wichtiger Frühwarner – nicht zuletzt deshalb, weil der sich stets vor möglichen Widersachern und Rebellen in den eigenen Reihen fürchtete. 

Beispielsweise warnte Ackermann den Kanzler 1989 vor der bevorstehenden innerparteilichen Revolte durch den Kreis um Heiner Geißler, Rita Süßmuth und Kurt Biedenkopf. Die Informationen hatte er von einem Journalisten erhalten. In unserem Gespräch sagte er: "Wenn ich denen mal ein Bonbon gab, konnte ich davon ausgehen, dass ich umgekehrt auch informiert wurde, wenn es mal ernst wurde." 

Genau diese Form des zwanglosen und unvoreingenommenen Austauschs mit Journalisten blieb Kohl im Grunde bis heute fremd. "Die Zeit" lobte die tausend Ohren, die Kohls Mann für die Medien zu haben schien: "Ackermann ist ein vielgerühmter Kärrner, der die Luft singen hört, sobald  sich draußen im Land etwas zusammenbraut." 

1991 wechselte dann CDU-Parteisprecher Andreas Fritzenkötter, vor allem wegen seiner vorzüglichen Kontakte zum Privatfernsehen, als weiterer PR-Berater ins Kanzleramt. Bis 1995 ergab sich zwischen Ackermann und Fritzenkötter eine relativ klare Arbeitsteilung: Fritzenkötter kümmerte sich um die Fernsehauftritte Kohls, Ackermann fungierte weiter als Informationsmakler und pflegte das politisch-mediale Netzwerk. Nach der Pensionierung Ackermanns übernahm Fritzenkötter dessen Aufgaben vollständig und wurde damit zum engsten Medienberater Kohls.

Vor allem Ackermann gehörte zu dem, was immer wieder als die "politische Familie "Kohls bezeichnet wird. Dieser exklusive Kreis von langjährigen Kohl-Vertrauten genoss Sonderlegitimationen, die andere zwar qua Amt, aber faktisch nicht besaßen. 

Er bestand vor allem aus den Teilnehmern der Morgenlage in Kohls Büro. Die täglich stattfindende, persönliche Informationsrunde des Kanzlers setzte sich unabhängig von Hierarchieebenen vor allem aus persönlichen Vertrauten Kohls zusammen. Dies waren in den allermeisten Fällen der Chef des Bundeskanzleramtes, der Staatsminister im Bundeskanzleramt, der Leiter der Abteilung 2 Außenpolitik, Kohls persönliche Referentin und Büroleiterin Juliane Weber, Eduard Ackermann – später Andreas Fritzenkötter – sowie der jeweilige Chef des Bundespresseamtes und der Leiter der betreffenden Inlandsabteilung.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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