Die Ära Helmut Kohl: Personalkarussell im Bundespresseamt

27.09.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Vierter Teil der großen kress.de-Serie.

Während das Bundeskanzleramt von 1982 bis 1998 mit Ackermann und Fritzenkötter das Machtzentrum der Kanzler-PR darstellte, war das Bundespresseamt ein Personalkarussell ohnegleichen: In sechzehn Jahren verschliss Kohl sieben Regierungssprecher, die alle bis auf Peter Boenisch zu keiner Zeit über einen "direkten Draht" zum Kanzler verfügten. 

Dies war aufgrund der von Kohl geschaffenen exponierten Sonderstruktur im Kanzleramt auch kaum möglich: Überschneidungen und Kompetenzkonflikte waren unvermeidlich, da die beiden Kohl-Vertrauten Aufgaben übernahmen, die vorher genuin im Zuständigkeitsbereich des Presseamtes gelegen hatten. 

In der gesamten Ära Kohl hielt erstmals nicht mehr der Regierungssprecher den allmorgendlichen Pressevortrag, sondern Ackermann und später Fritzenkötter. 

Andreas Fritzenkötter erklärte im Gespräch, dass er "hinter den Kulissen der Hauptansprechpartner der Journalisten war". Ackermann führt aus, seine Hauptaufgabe sei es gewesen, "im Laufe des Tages für die Presseleute zur Verfügung zu stehen, wenn sie eine Frage hatten oder meinten, auf den Regierungspressekonferenzen kam nicht genug rüber".

Der Bedeutungsverlust des Bundespresseamtes unter Kohl lässt sich auch an weiteren Aufgabenfeldern dokumentieren: Ackermann gibt an, er habe viele Informationsgespräche mit Kohl im Kanzleramt organisiert. Fritzenkötter erläutert, er sei für die Bearbeitung von Interviewanfragen an den Kanzler zuständig gewesen. 

Außerdem haben beide Kohl bei Fernsehauftritten begleitet und diese inhaltlich und konzeptionell mit dem Kanzler vorbereitet. Außerdem erklärt Fritzenkötter, dass die jeweiligen Regierungssprecher sich mit ihm bezüglich der Auftritte vor der Bundespressekonferenz stets abgestimmt hätten. 

Dies waren bei allen Kanzlern vor und nach Kohl klassische Domänen des Regierungssprechers. Aus diesen Aussagen lässt sich ableiten, dass seit 1982 der Informationsfluss, der bei allen anderen Kanzlern über den Regierungssprecher lief, nun über das Kanzleramt abgewickelt wurde. Dem Bundespresseamt entzog Kohl so das Pfund zum Wuchern gegenüber den Medien: relevante Informationen. Gerd Langguth beschreibt in seinem Buch, dass der Bedeutungsverlust der Regierungssprecher unter Kohl auch von den Medien wahrgenommen wurde: "Die Journalisten wussten, dass sie vom eigentlichen Regierungssprecher keine wirklichen Informationen erhielten."

Die Dominanz des Kanzleramts in Sachen politischer PR erreichte ihren Höhepunkt 1998, als Kohl den Regierungssprecher Peter Hausmann entließ und durch Otto Hauser ersetzte. Die Leitung des Presseamtes übernahm aber nicht Hauser, sondern Kanzleramtsminister Friedrich Bohl. 

Der in diesem Jahr anstehende Wahlkampf wurde – ähnlich wie in der jungen Bundesrepublik bei Adenauer – abgekoppelt von der Partei von Kohl und seinen engsten Getreuen aus dem Kanzleramt geführt. Dieses Amt bekam im immer aussichtsloseren Wahlkampf den Charakter einer Wagenburg des scheidenden Kanzlers. 

Andreas Fritzenkötter meint hierzu, das Kanzleramt habe dem damaligen CDU-Generalsekretär Hintze nicht zugetraut, den schwierigen Wahlkampf gegen den medienerprobten Gerd Schröder kompetent zu führen. Fritzenkötter spricht zwar allgemein vom Kanzleramt. Was und vor allem wen er damit meint, liegt jedoch auf der Hand: Kohl war es, der Hintze persönlich isolierte. 

Außerdem engagierte Kohl für viele äußerst überraschend den ehemaligen "Bild"-Chefredakteur Hans-Hermann Tietje als Sondermedienberater, der sogar an der exklusiven Morgenlage teilnehmen durfte. Fritzenkötter erklärt dies ebenfalls mit der Befürchtung Kohls, Hintze sei mit dem 98er Wahlkampf überfordert. 

Karl-Heinz Niclauß wertet diesen Schritt jedoch vor allem als "Panikentscheidung" Kohls. Dem "Dauerkanzler" wurde im Laufe des Jahres 1998 immer mehr bewusst, dass sein so lange leuchtender Stern nun endgültig im Sinken begriffen war. Er versuchte sich trotzig und mit aller Macht gegen den Verlust des Kanzleramtes an den jüngeren und dynamischeren Gerhard Schröder zu wehren. Die Berufung von Tietje ist nur ein Beispiel für das nervöse Aufbäumen Kohls gegen den drohenden Machtverlust.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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