Helmut Kohl: Die neue CDU

28.09.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Sechster Teil der großen kress.de-Serie.

Die meisten Reorganisationsmaßnahmen der CDU in den siebziger Jahren, an denen Kohl maßgeblich beteiligt war, dienten dazu, die Politikvermittlungskompetenz der Partei zu stärken und die nach der Abwahl Kurt Georg Kiesingers weggefallenen Möglichkeiten der Exekutive, wie etwa das Bundespresseamt, durch parteiinterne Dienstleister zu ersetzen. 

PR-Know-how brachte vor allem Peter Radunski ein. Seit 1973 war er Hauptabteilungsleiter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, später langjähriger Bundesgeschäftsführer der CDU. Er definierte drei Kampagnenformen: die politische, die Werbe- und die Parteienkampagne, wobei er der politischen Kampagne, besonders im Fernsehen, die höchste Bedeutung zumaß. 

Außerdem wurde die wachsende Mediendichte und steigende Bedeutung medienbezogener Öffentlichkeitsarbeit seit Mitte der siebziger Jahre mit einer stärkeren Zentralisierung der Politikvermittlung beantwortet. Sie drückt sich in der von Radunski etablierten Strategie des "One Voice"-Prinzips aus: Dissens sollte, wenn, dann nicht öffentlich diskutiert werden. 

Die politischen Positionen sollten von der Bundesspitze bis auf die lokale Mitgliederebene inhaltlich und formal "mit einer Stimme", also einheitlich kommuniziert werden. Dies galt auch für die visuelle Kommunikation. 

Unter Radunski entstand ein verbindliches, bundesweit einheitliches Corporate Design der CDU. Diese moderne Kommunikationsstrategie, die heute in jedem Unternehmen zum Standardrepertoire gehört, bedarf einer starken Zentralisierung der Kommunikationsstrukturen und wird vor allem von der Parteibasis als Verlust an Mitspracherechten kritisiert. Bis heute wird in allen großen Parteien der Bundesrepublik die Etablierung moderner, integrierter Kommunikationskonzepte kritisch beäugt. Die Angst ist groß, dass die Anhängerbasis ähnlich wie in den USA zu Fähnchen schwenkendem Zierrat der Medieninszenierung marginalisiert wird.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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