Helmut Kohl: Kommerzialisierungstendenzen der Polit-PR

02.10.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Siebter Teil der großen kress.de-Serie.

Bemerkenswert im Zusammenhang mit der politischen Medienarbeit der achtziger und neunziger Jahre ist vor allem die stetig gestiegene Frequenz des Informationsausstoßes. 

Die Bundes-CDU verbreitete zwischen 1970 und 1990 etwa 600 bis 800 Pressemitteilungen pro Jahr. Die Intensivierung der PR-Aktivitäten lässt sich auch für den Bereich der Pseudoereignisse zeigen. Zwischen 1974 und 1976 trat die Bundespressekonferenz 179-mal zusammen. Im Zeitraum 1984 bis 1987 fand sie bereits 290 Mal jährlich statt. 

Umgekehrt lässt sich die Intensivierung auf der Angebotsseite auch an der Berichterstattung ablesen. 1990 beruhte bereits die Hälfte der Berichterstattung in tagesaktuellen Nachrichtenmedien über die deutsche Innenpolitik auf von PR-Stellen induzierten Pseudoereignissen als Informationsanlass.

Außerdem lässt sich eine Anpassung der politischen Öffentlichkeitsarbeit an die neuen, kommerzialisierten Strukturen des Rundfunks erkennen. 

Besonders kommerzielle Hörfunkstationen, die aus Kostengründen meist unterbesetzt sind und kaum über eigene Produktionskompetenzen im Politikbereich verfügen, wurden mit Informationsangeboten versorgt. 

Statements von Spitzenpolitikern zu tagespolitischen Themen konnten von einem Anrufbeantworter abgerufen werden. Derartige Angebote beschränkten sich allerdings nicht nur auf zitierfähige Aussagen von Spitzenpolitikern. 

Der so genannte "Kommentardienst" des Bundespresseamtes bot 1993 bereits komplett vorproduzierte, regierungsfreundliche Hörfunkkommentare an, die zwei PR-Agenturen im Auftrag des Bundespresseamtes herstellten. Auch dieses Angebot richtete sich vor allem an private Hörfunkstationen. 

Durch ihre professionelle, medienkongruente Produktion suggerierten die Kommentare beim Hörer, es handle sich um objektive Analysen der Redakteure des jeweiligen Senders. Selbst die öffentlich-rechtliche Anstalt MDR nutzte diese PR-Beiträge aus dem Presseamt für seine Hörfunksparte. 1994 griff der Spiegel das Bundespresseamt wegen dieser Vorgehensweise scharf an.

Durch derartige Beispiele wird deutlich, dass die seit den neunziger Jahren spürbare Kommerzialisierung der Medien, ihre immer stärkere unternehmerische Orientierung an Kosten-und-Gewinn-Schemata und der daraus erwachsende ökonomische Erfolgsdruck eine große Chance für politische PR darstellen kann. Kostenlose, passgenau aufbereitete Informationsangebote werden von vielen Redaktionen aus Kosten- und Zeitgründen dankbar übernommen. Ähnliche Tendenzen wurden für den Bereich der Boulevard- und Illustriertenpresse bereits bei Adenauer und Brandt dargestellt.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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