Helmut Kohl: Medienfixierung von Parteitagen

04.10.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Achter Teil der großen kress.de-Serie.

Ein weiterer Trend, der sich seit den achtziger Jahren beobachten lässt, ist die vollständige Medienfixierung von Parteitagen. 

Sie richten sich seither vor allem an die berichtenden Journalisten und sind immer weniger ein offenes, programmatisches Forum für die eigenen Anhänger. Dies lässt sich auch an Zahlen verdeutlichen: Waren 1961 zum CDU-Bundesparteitag noch 430 Journalisten akkreditiert – für damalige Verhältnisse eine außergewöhnlich hohe Zahl –, so nahmen an der entsprechenden Veranstaltung 1985 bereits weit über tausend Journalisten teil. 

Bei den Parteitagen kommt ebenso wie in allen anderen Feldern von Politikdarstellung das Beobachterprinzip zum Tragen: Derjenige, der weiß, dass er beobachtet wird, ändert sein Verhalten und passt es an die Erwartungen der Beobachtenden an.

Die minutiöse Medienregie, die Parteitagen spätestens seit der Ära Kohl zugrunde liegt, wird anhand des CDU-Parteitags 1996 deutlich: Das Bild für die Kameras wurde Monate im Voraus ausgelotet, damit hinter den Rednern stets das CDU-Signet und der Slogan "Handeln für die Zukunft" im Bild sichtbar waren.

Damit kein Hinterkopf eines Delegierten störte, wurde ein Podium für die Fernsehsender mit schwingungsfreien Aufbauten errichtet. Farbexperten hatten das Weiß der Stellwände hinter den Rednern auf Strahlkraft gemessen. Außerdem wurde vordefiniert, welche Parteipersönlichkeiten von der Kamera schräg hinter Kohl noch eingefangen werden und welche für den Zuschauer verborgen bleiben sollten. 

Auch das Timing wurde an Medienaspekte angepasst: Die Wahl des Vorsitzenden wurde auf 17 Uhr terminiert, so dass sie in allen Hauptnachrichtensendungen als Aufmacher erscheinen konnte. Für die Nachtjournale und Morgenmagazine wurde dann wieder neuer Informationsstoff angeboten.

Der legendäre Leipziger Parteitag der SPD 1998, der immer wieder als die "Mutter aller Medienparteitage" hochgejubelt wird, war also weder eine Ausnahmeerscheinung noch ein besonderes Novum. Das Ritual der Veranstaltung, das perfekte Timing und die Dokumentation von innerer Geschlossenheit waren Versatzstücke aus dem Arsenal der CDU-Erfolge der achtziger und neunziger Jahre.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.