Helmut Kohl: Die funktionalen Sprecher

05.10.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Neunter Teil der großen kress.de-Serie.

In der Amtszeit Kohls entwickelte sich auch die Tendenz, dass der Regierungssprecher durch funktionale Sprecher, also Minister oder Abgeordnete, die aufgrund ihres Amtes, aber nicht aufgrund ihrer PR-Kompetenz oder PR-Zuständigkeit vor die Kamera treten, von der öffentlichen Bühne zurückgedrängt wurde. 

Die politischen Akteure erklärten ihre Politik immer öfter selbst in den Medien, anstatt dies ihren Sprechern zu überlassen. Während Regierungssprecher wie von Eckhardt und Bölling noch selbst Prominente waren, die viele Deutsche kannten und häufig in den Medien wahrnahmen, war dies jetzt in zunehmendem Maße nicht mehr der Fall. 

Eine Routineform, die sich in diesem Zusammenhang entwickelt hat, ist die Interviewbereitschaft von Spitzenpolitikern am späten Abend und am frühen Morgen. 

Diese Terminflexibilität von Ministern und Spitzenakteuren, die uns heute selbstverständlich erscheint, ist erst seit Mitte der achtziger Jahre üblich geworden. Der leise Rückzug der Sprecher verdeutlicht, dass mediale Politikvermittlung in der politischen Auseinandersetzung zunehmend zur "Chefsache" wurde. 

Mittlerweile haben die Spitzenpolitiker ihre Sprecher vollständig in die zweite Reihe gedrängt. Es gibt – besonders im Fernsehen – kaum mehr eine politikfreie Zone, wo kein Minister oder Parteigrande kocht, plaudert oder auf Torwände schießt. Dass in derartigen Formaten die jeweiligen Sprecher auftauchen, die ohnehin kaum jemand mehr kennt, wäre demgegenüber für Publikum wie Wer- bekunden kaum attraktiv.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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