Helmut Kohl: Nutzen für beide Seiten

06.10.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Teil 10 der großen kress.de-Serie.

Auf der Ebene der Kanzler-PR etablierte sich das Verständnis der Beziehung von PR und Journalismus als eines, das auch dem gegenseitigen Nutzen dienen kann, weiter. 

Die bereits bei von Eckhardt und noch intensiver bei Klaus Bölling erkennbare professionelle Dienstleistungsmentalität wurde bei Kohls Stab fortgesetzt. 

Missliebige Medien wurden nicht von relevanten Informationen ausgeschlossen, sondern im Gegenteil professionell betreut, um die jeweiligen Redakteure gewogen zu halten. Sowohl Eduard Ackermann als auch Andreas Fritzenkötter pflegten auf Arbeitsebene durchaus intensiven Kontakt zu ausgesprochen Kohl-kritischen Medien. 

Zu diesen von Kohl mit einem faktischen Interviewboykott belegten Medien zählen im Printbereich vor allem das von ihm als "Hamburger Mafia" bezeichnete Konglomerat aus „Zeit“, „Stern“ und „Spiegel“. 

Dem „Spiegel“ hatte Kohl seit 1975 demonstrativ kein Interview mehr gegeben. Außerdem verbindet Kohl mit der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Frankfurter Rundschau“ sowie mit den Fernsehmagazinen "Monitor" und „Panorama" eine "herzliche" Feindschaft. 

Hierbei handelt es sich genau um jene Medien, die bis 1982 die sozial- liberale Koalition publizistisch gestützt hatten. Dennoch wurden sie mit Informationen beliefert, was für die Professionalität von Kohls Medienverantwortlichen spricht. 

Kohl war über diese Kontakte stets informiert und hat sie trotz seines offiziellen Boykotts ausdrücklich begrüßt. Selbst der größte persönliche Groll machte ihn nicht blind für das Gewicht dieser Medien bei der Bildung der öffentlichen Meinung in Deutschland. Dieser Punkt wird uns später, in der zweiten Hälfte der Kanzlerschaft Schröders, noch einmal begegnen.

Trotz der besonnen Politik von Kohls Medienstab gegenüber kritischen Medien wird über ihn jedoch ähnliches wie bereits über Adenauer berichtet: Kohl soll seinem Ärger über vermeintlich falsche Darstellungen immer wieder persönlich Luft verschafft haben, indem er zum Hörer griff und sich bei Chefredakteuren beschwerte. Bei der Heimatzeitung seines Wahlkreises, der "Rheinpfalz", soll Kohl sogar auf die Entlassung missliebiger Journalisten gedrängt haben.

Ein derartig ungezügeltes Verhalten lässt jedem Medienberater die Haare zu Berge stehen und ist der größte anzunehmende Unfall, der im Umgang mit der Presse passieren kann. Angesprochen auf diesen Vorfall, bestätigte Andreas Fritzenkötter zwar, dass Kohl durchaus persönlich in Redaktionen anrief, wenn er sich falsch verstanden fühlte. Er wies jedoch den Vorwurf zurück, Kohl habe versucht, in Personalentscheidungen einzugreifen – im Allgemeinen und bei der "Rheinpfalz" im Speziellen.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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