Helmut Kohl: Personalisierung des Politischen

17.10.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Teil 17 der großen kress.de-Serie.

Der Wahlkampf 1994 lief exakt nach dem von Fritzenkötter entwickelten Medienkonzept ab und war vollkommen auf die Person Kohls ausgerichtet. 

Insofern war das Wahljahr 1994 nach 1953, 1961 und 1972 ein weiteres, zentrales "Musterjahr" für die Personalisierung des Politischen in Deutschland. 

Anders als bei den vorherigen personenorientierten Kampagnen konzentrierten sich die Strategien der Kandidaten jetzt allerdings erstmals beinahe ausschließlich auf das Fernsehen. 

Sowohl Kohl als auch sein Herausforderer Rudolf Scharping führten im Fernsehen einen präsidialen Wahlkampf, bei der die politische Mannschaft eine untergeordnete Rolle spielte und alles auf den Zweikampf zwischen Amtsinhaber und Herausforderer fokussiert war. Kennzeichnendes Merkmal war die Präsentation beider Spitzenkandidaten in Unterhaltungsformaten des Privatfernsehens, wie es sie in der politischen Geschichte der Bundesrepublik bis dahin nicht gegeben hatte. 

Kohl schaffte es im Laufe des Jahres 1994, verlorenes Terrain Schritt für Schritt gut zu machen, und sicherte in einer fulminanten Aufholjagd am Ende mit knappem Vorsprung seine Kanzlerschaft.

Die Arbeit am Kanzlerimage setzte Fritzenkötter über den letztlich erfolgreichen Wahlkampf hinaus fort.

Ein weiteres, entscheidendes Jahr ist in diesem Kontext 1996, in dem Kohl den ersten Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, in der Länge der Amtszeit übertraf. Dieser historische Amtsrekord bot Fritzenkötter die Gelegenheit für eine großangelegte Imagekampagne, die das Ziel verfolgte, Kohl zu einem politischen Kultobjekt zu stilisieren: "Er versuchte die Idee in zahllose Journalistenköpfe zu pflanzen, inszenierte Feierlichkeiten und Publikationen, die Junge Union vertrieb kleine, quietschende Gummikanzler." 

Auch diese Kampagne wurde auf die Bedürfnisse von Fernsehmedien zugeschnitten. Herzstück waren Auftritte Kohls in unpolitischen Unterhaltungs- und Talkformaten. Flankiert wurde die Fernsehinszenierung durch verschiedene Pseudoereignisse und Formen von symbolischer Politik. 

So besuchte Kohl zum Beispiel das Volkswagenwerk im mexikanischen Puebla und bestieg dort einen "New Beetle". Die Botschaft lag auf der Hand: Er läuft und läuft …, ist alt und trotzdem neu. Dieser Zusammenhang zwischen dem "unkaputtbaren" Käfer und dem Dauerkanzler Kohl wurde von zahlreichen Medien dankbar aufgegriffen und entsprechend vermittelt. 

Der "Stern" veranstaltete im Haus der Geschichte eine Vernissage mit Kanzlerfotos des Porträtfotografen Konrad R. Müller. Passend zum Amtsjubiläum reihte sich Kohl auch publizistisch in die Galerie der großen Kanzler der Außenpolitik, Adenauer und Brandt, ein. Er veröffentlichte im Propyläen-Verlag ein Buch unter dem Titel "Ich wollte Deutschlands Einheit". Geschrieben wurde es von den beiden "Bild"-Redakteuren Kai Diekmann und Ralf Georg Reuth auf der Grundlage von ausführlichen Interviewgesprächen mit dem Kanzler. Herausgekommen ist ein im Reportagestil verfasster, mit langen wörtlichen Interviewpassagen gesättigter Bericht. Die Idee hatten Diekmann und Fritzenkötter entwickelt, der gesamte Inhalt wurde durch das Kanzleramt autorisiert.

Das Echo auf die von Fritzenkötter inszenierte "Personality Show" rund um Kanzler Kohl war beeindruckend. Besonders die Medien, die in der ersten Hälfte seiner Amtszeit besonders kritisch mit Kohl umgegangen waren, vollzogen jetzt einen Wechsel ihrer publizistischen Linie. 

Einzig "Die Zeit" blieb in diesen Monaten der Jubiläen, Amtsrekorde und Ehrungen als letzte Bastion ihrer Position treu. Sie fragte: "Wo bleibt die kritische Distanz zum Kanzler in den Medien? "Aber trotz des Personenkults, den Fritzenkötter um Kohl inszenierte, und des greifbaren Prestigegewinns, den dieser seit der Revolution von 1989 erzielen konnte, war er dennoch kein charismatischer Kanzler im klassischen Sinne – anders als Adenauer und Brandt. 

Eine vom tiefen Glauben an die persönliche Integrität und fast religiöser Faszination geprägte Verehrung des Kanzlers, wie wir sie bei Adenauer und vor allem bei Brandt kennen gelernt haben, bestand bei Kohl zu keiner Zeit.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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