Helmut Kohl: Von Bitburg nach Berlin

18.10.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Teil 18 der großen kress.de-Serie.

Auch auf dem Feld der außenpolitischen Profilierung konnte Kohl erst in der zweiten Amtshälfte eine positive Medientendenz erreichen, weil die ersten Jahre seiner Kanzlerschaft ebenfalls eher von Fehlgriffen und bisweilen unsicherem Agieren geprägt waren.

Bemerkenswert bei außenpolitischen Medieninszenierungen Kohls war seine Affinität für historische Bezüge: "Kohl schätzt würdige und historisch überhöhte Inszenierungen, aber er besitzt kein Pathos." 

Die förmliche Sucht des studierten Historikers nach "inszenierter Geschichte" brach sich vor allem in demonstrativen Versöhnungsgesten mit den ehemaligen Kriegsgegnern Deutschlands an symbolhaften Orten Bahn. Eine gelungene, in den Geschichtshaushalt der Deutschen eingeflossene Inszenierung dieser Art war die Versöhnungsgeste zwischen Kohl und François Mitterand auf dem Soldatenfriedhof von Douaumont bei Verdun am 22. September 1984. 

Auf dem Schlachtfeld von Verdun waren 1916 mehr als 600.000 deutsche und französische Soldaten gefallen. Das gemeinsame Innehalten, Hand in Hand über den Gräbern der blutigsten Schlacht des Ersten Weltkriegs, ist ein ähnlich stark emotionalisiertes Symbol für europäische Versöhnung geworden wie der "Kniefall von Warschau". Den kurzzeitigen Prestigegewinn, den Kohl durch den "Handschlag von Verdun" verbuchen konnte, machte er aber bereits nach wenigen Monaten wieder zunichte, als er am 5. Mai 1985 mit Ronald Reagan einen Soldatenfriedhof in Bitburg besuchte. 

Am 24. Dezember 1944, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, war Bitburg zu 85 Prozent zerstört und von den Amerikanern offiziell zur "toten Stadt" erklärt worden. 

Auf dem Ehrenfriedhof Kolmeshöhe liegen amerikanische und deutsche Soldaten, darunter allerdings auch Angehörige der Waffen-SS. 

Dieser Umstand sorgte vor allem im Ausland für heftige Reaktionen. Jüdische Organisationen, darunter auch der deutsche Zentralrat protestierten scharf. 

Im Oktober 1986 leistete sich Kohl erneut einen verbalen Fehlgriff, der die außenpolitischen Beziehungen der Bundesrepublik zur Sowjetunion schwer belastete. Auf einer Pressekonferenz bemerkte er als Replik zum neuen Reformkurs des Staats- und Parteichefs der UdSSR, Michail Gorbatschow:  "Er ist  ein moderner kommunistischer Führer, der sich auf Public Relations versteht. Goebbels war auch ein Experte in Public Relations. Man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen dürfen."

Aufgrund derart unglücklicher Auftritte auf außenpolitischem Parkett, das stark durch symbolhafte Handlungen und für Medien inszenierte Ereignisse bestimmt ist und entsprechendes Talent erfordert, schaffte Kohl es bis 1989 nicht, zum außenpolitischen Renommee von Adenauer, Brandt oder auch Helmut Schmidt aufzuschließen. Abgesehen von der Inszenierung von Verdun kann bei Kohl bis zur Wiedervereinigung von einer medienwirksamen, außenpolitischen Profilierung nicht die Rede sein.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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