Helmut Kohl: "Männerfreundschaften" für das außenpolitische Profil

19.10.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Teil 19 der großen kress.de-Serie.

Das außenpolitische Bild von Helmut Kohl ändert sich im Herbst 1989 grundlegend. 

Aus den Wendereignissen und der Wiedervereinigung konnte Kohl persönlich sein größtes, bis heute nachwirkendes Prestige ableiten. "Männerfreundschaften" und "Strickjackendiplomatie" prägten das neue außenpolitische Profil Kohls. 

Er wurde jetzt als ein international geachteter Staatsmann, "großer Europäer" und Kanzler der Einheit wahrgenommen, der bei seinen Amtskollegen großes Ansehen genoss. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht diesen grundlegenden Imagewandel. 

1984 reiste ein entnervter Kohl, von Medienvertretern wegen der Wörner-Kießling-Affäre bis ins Ausland verfolgt, nach Israel. 

Auf diesem sensiblen Terrain leistete er sich zwei grobe Ausrutscher, die in Deutschlands Medienlandschaft breit kolportiert wurden. 

Bei einer Führung durch die Gedenkstätte Yad Vashem wies der Kanzler den Fremdenführer zurecht, er kenne die deutsche Geschichte, man brauche ihn nicht zu belehren. 

Seine Rede vor dem israelischen Parlament stellt ein Beispiel für Kohls mitunter unbedachte, nicht ausgearbeitete Rhetorik dar. Hier prägte er die umstrittene Formel der "Gnade der späten Geburt". 

Diese Wendung wurde in Deutschland vor allem von Kohl-kritischen Medien heftig kritisiert und als Versuch gewertet, die Nachkriegsgeneration von ihrer Verantwortung für Krieg und millionenfachen Mord freizusprechen. 

Auf dem Höhepunkt des persönlichen Prestigegewinns des Kanzler 1996 griff "Die Zeit" plötzlich das zwölf Jahre zurückliegende Thema wieder auf und relativierte die eigenen Angriffe: "Die erste Israelreise übrigens wäre ein gutes Beispiel dafür, wie überallergisch wir Journalisten gelegentlich darauf blickten. Kohls Wort von der "Gnade der späten Geburt", von einem Mitreisenden aufgeschnappt, für das er leidenschaftlich aufgespießt worden ist, war wohl wirklich nicht viel mehr als ungelenk."

Die beiden Zeitmarken 1984 und 1996 und die völlig unterschiedliche Tonlage der Berichterstattung über ein und dasselbe Ereignis – die retrospektive Entdramatisierung eines ehemals großen Skandals zur "Jugendsünde" die eben "nicht viel mehr als ungelenk" war – verdeutlichen, dass die Beurteilung der Kanzler in den Medien stark konzeptgesteuert, durch Vorurteile und subjektive Vorerfahrungen geprägt ist.

Medienimages sind der Ausdruck dieser Konzeptsteuerung. Sie funktionieren selbstreferentiell: Aspekte, die mit dem vorhandenen Konzept übereinstimmen, werden öfter in die Berichterstattung aufgenommen, während Aspekte, die dem Konzept zuwiderlaufen, häufiger ignoriert werden. Politische Öffentlichkeitsarbeit versucht die Konzeptsteuerung und Selbstreferentialiät von Medienimages zu nutzen, indem immer wieder die gleichen, dem (positiven) Image zugehörigen Bilder und Assoziationsketten in den unterschiedlichsten Zusammenhängen hergestellt und angeboten werden.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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