Helmut Kohl: Auf dem Boulevard des Privatfernsehens

20.10.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Teil 20 der großen kress.de-Serie.

Die zwei Mediengesichter des Helmut Kohl lassen sich auch und vor allem anhand seiner Beziehung zum Medium Fernsehen nachzeichnen. In der ersten Hälfte seiner Amtszeit bis zur Wiedervereinigung blieb Kohl im Fernsehen weit hinter dem zurück, was sein Vorgänger Helmut Schmidt aus den Möglichkeiten der "Mattscheibe" entwickelte. Dies wiegt insofern doppelt schwer, als Kohl durch die Dualisierung des Rundfunks sogar wesentlich mehr Optionen zur telemedialen Selbstdarstellung besessen hätte als jeder andere Kanzler vor ihm. Kohl galt aber als ausgesprochen fernsehscheu.

Medienpolitisch sorgte der Regierungswechsel 1982 für einen Urknall. Nach der Amtsübernahme trieb die neue Regierung Kohl die technische und politische Durchsetzung des privaten Rundfunks voran. Der erste private Fernsehsender Deutschlands, Sat.1, wurde unter maßgeblicher Beteiligung der Mainzer Staatskanzlei und dem damaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel gegründet. 

Für den "Spiegel" wurde das Programm von Sat.1 sogar direkt in der Mainzer Staatskanzlei konzipiert.

Die SPD versuchte zwar zunächst, derartige Versuche auszubremsen. Im Laufe der achtziger Jahre bildete sich aber eine erkennbare Verbindung zum Bertelsmann-Konzern heraus, mit dem man in Nordrhein-Westfalen mit RTL ein Gegenwicht zu Leo Kirchs Sat.1 schaffen wollte. Die parteipolitische Interessenlage lässt sich plastisch ablesen an der ursprünglichen Vergabe von terrestrischen Frequenzen: Unionsgeführte Länder bevorzugten Sat.1, SPD-geführte Länder RTL.

Im selben Zeitraum kam es neben der Ausweitung des Angebotes an Sendern auch zu einer stetigen Ausweitung des Angebotes an Sendeformaten mit politischen Inhalten. Bis 1987 blieb die "Elefantenrunde" hierbei das entscheidende ritualisierte Vorwahlereignis des Fernsehwahlkampfs. 

Ab 1990 fand diese Runde dann erstmals aus Opportunitätsgründen nicht mehr statt. Aus der Sicht von Kohl und seinen Beratern wären durch den Einzug der Grünen und der PDS in den Bundestag nun zu viele Parteien in der Sendung vertreten gewesen. Das Risiko wurde für den ohnehin fernsehunsicheren Kanzler größer als die Chance zu positiver Selbstdarstellung.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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