Helmut Kohl: Kanzleramt als Vermarkter

25.10.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Teil 23 der großen kress.de-Serie.

Die bestimmende Rolle des Kanzleramtes bei der Vermarktung der Person des Kanzlers im Fernsehen zeigte sich insbesondere im Wahlkampf 1994. 

Er war fast ausschließlich auf das Fernsehen und die Generierung von Free Media in diesem Medium abgestellt. Verantwortlich für die konzeptionelle Planung und Umsetzung des Fernsehwahlkampfs war nicht die Partei, sondern waren Ackermann und Fritzenkötter. 

Die Kontakte zu den Entscheidungsträgern des Privatfernsehens besorgte Kohls ehemaliger Regierungssprecher Peter Boenisch, der als Schnittstelle zwischen Wahlkampfmanagement der Partei und dem federführenden Kanzleramt ein eigenes Büro im Adenauer-Haus bezog und gleichzeitig im Kanzleramt selbst eingebunden war. 

Boenisch hatte gute Kontakte zu Helmut Thoma und Mark Wössner von der   Bertelsmann-Gruppe, zu den Springer-Erben und zu Leo Kirch. Vor allem der Medienmogul Kirch und der Springerkonzern unterstützten Kohls Fernseh-PR entscheidend. Der Sender, der zum dominierenden Förderer Kohls wurde, war Sat.1.

Peter Boenisch hatte neben seinem Vertrag mit dem Kanzler auch einen Beratervertrag mit dem Kirch-Sender. 

Außerdem verband Boenisch eine enge Freundschaft mit Heinz Klaus Mertes, dem Programmdirektor Information von Sat.1.

Das ebenso erfolgreichste wie umstrittenste Format, das aus dieser Kooperation von Sat.1 und dem Kanzleramt entstand, war die 1993 ausgestrahlte Reihe "Zur Sache Kanzler" mit Heinz Klaus Mertes als Stichwortgeber. Andreas Fritzenkötter und das Kanzleramt entwarfen das Konzept, der Sender stellte die Technik.

Die sechsmal dreißig Minuten langen Interviewfolgen hatten trotz der ungünstigen Sendezeit um 22.10 Uhr jeweils eine Sehbeteiligung zwischen zwei und vier Millionen.

Selbst Fritzenkötter räumte ein, dass die Redakteure, die Kohl befragen sollten, "weniger kritische Journalisten" waren. Dieses Format kann als nur halbherzig versteckte Wahlkampfhilfe Kirchs für Kohl gedeutet werden.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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