Helmut Kohl: Mutiger im Umgang mit Medien

27.10.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Teil 25 der großen kress.de-Serie.

Die Strategie, den Kanzler in Unterhaltungsformaten zu platzieren und so ein Millionenpublikum zu erreichen, forcierten Kohls Berater nach 1994 stetig. 

Kohl selbst wurde im Umgang mit dem Medium immer mutiger. So kam es 1996 zu einer Weltpremiere: Kohl trat erstmals in einer völlig unpolitischen Talkshow des ORF als alleiniger Gast auf. 

Dass diese Premiere ausgerechnet in Österreich stattfand, ist vermutlich auf die engen Kontakte Kohls zu seinem ehemaligen Medienberater, dem früheren stellvertretenden ORF-Intendanten Gerd Bacher, zurückzuführen. 

Im September desselben Jahres kam es dann auch in Deutschland erstmals zu einem derartigen, "unpolitischen" Talkshowauftritt Kohls in der Sendung "Boulevard Bio". Alfred Biolek gilt im deutschen Fernsehen bis heute als einer der konziliantesten und aus Sicht des Befragten bequemsten Fragensteller. 

Über die Themenpalette des Formats schrieb die "Berliner Zeitung" bissig: "Bisher plauderte man bei Alfred Biolek stets über Themen wie 'Alter Mann, junge Frau', 'Und die Moral von der Geschicht', und 'Späte Väter'. Dazu hat Helmut Kohl vermutlich nichts zu sagen. Für die Sendung mit ihm ist ausnahmsweise kein weiterer Gast eingeladen. So kann es nur ein Thema geben: 'Ich!'."

Entsprechend fiel auch das Gespräch zwischen Kohl und Biolek aus: Es ging fast nie um Politik, stattdessen erzählte Kohl ausführlich über das Karamellpuddingrezept seiner Frau.

Hinter diesem im leichten Plauderton daherkommenden Auftritt steckt eine klare Strategie. 

Die Fernsehvermarktung Kohls mit Hilfe von Unterhaltungsformaten muss als Boulevardisierung von Politik, gestützt vor allem auf das Privatfernsehen, gewertet werden. 

Nach Andreas Dörner hat sich in fast allen modernen Gesellschaften die Politikvermittlung entertainisiert. Er begründet dies mit dem Aufbrechen festgefügter Milieus, Lager und Parteibindungen und dem Wandel zu einem nach marktgesetzten organisierten Politiksystem: Politik auf der "Vorderbühne" wird zur buhlenden Dauerwerbesendung um die vermeintlichen Wähler von morgen.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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