Helmut Kohl: Warnung vor Entertainisierung

30.10.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Teil 26 der großen kress.de-Serie.

Formen von Boulevardisierung der Politik konnten bereits bei Adenauer, Brandt und Schmidt gezeigt werden. Schon 1963 hat Klaus Bölling scharf vor Entertainisierungsgefahren durch das Fernsehen gewarnt. 

Das kommerzielle Fernsehen, das nahezu ausschließlich am Publikumsgeschmack orientiert ist und deshalb in seiner Programmstruktur überwiegend Unterhaltungsangebote sendet, hat die bereits seit Gründung der Bundesrepublik zu verzeichnende Tendenz zum Boulevard allerdings noch einmal drastisch beschleunigt. 

Mitte der neunziger Jahre hatte beispielsweise RTL eine Programmstruktur von 34 Prozent fiktionaler und 16 Prozent nonfiktionaler Unterhaltung, gegenüber 17 Prozent Informations- und Bildungssendungen. 

Auch Informationsformate sind bei den Privaten auf Human-Interest ausgerichtet. 

Apolitische Aspekte wie Person und Image stehen in der Berichterstattung stärker im Mittelpunkt als bei den öffentlich- rechtlichen Anbietern. 

Die Strategie Fritzenkötters, Kohl genau in solche unpolitische Unterhaltungsformate mit prominenten Moderato- ren zu schicken, die entweder bereits bestanden oder extra kreiert wurden, stellt für beide Seiten, Fernsehsender und Politiker, in vielfacher Hinsicht einen Gewinn dar: Das Risiko, durch investigative Fragen desavouiert zu werden, ist durch vorab abgeschlossene Auftrittsverträge, konzeptionelle Kontrolle durch Medienberater und mangelnde, politik-journalistische Kompetenzen der jeweiligen Moderatoren praktisch ausgeschlossen.

Talkshows und ähnliche Formate sind ein freundliches, weiches Umfeld für eine nahezu unredigierte und unkommentierte Selbstdarstellung der politischen Akteure vor einem Millionenpublikum. 

Durch den unterhaltsamen Charakter dieser Formate erreicht man zudem auch all jene Zuschauer, die bei politischen Fernsehsendungen gelangweilt wegschalten. Die Sender profitieren ebenfalls: Sie erhalten attraktive, quotenträchtige und zugleich kostengünstige Inhalte für ihre Sendungen. Nicht Schröder, der für seine Auftritte in reinen Unterhaltungsformaten immer wieder kritisiert wurde, hat diese Möglichkeit als erster erkannt und genutzt. 

Erstaunlicherweise ist es ausgerechnet Helmut Kohl, der als erster Kanzler in einer vollkommen unpolitischen, rein unterhaltenden Talkshow auftrat, obwohl er noch in den achtziger Jahren das Fernsehen mied und als unterlegen galt.

Die Strategie hinter dem auf die Talente und Fähigkeiten Kohls zugeschnittenen, boulevardisierten Fernsehwahlkampf blieb den Medien selbst natürlich nicht verborgen. Wie bereits Willy Brandts  Kampagnen in den sechziger Jahren wurde auch der "Kohl-pur-Wahlkampf" 1994 als "amerikanisch" kritisiert. 

Dazwischen liegen allerdings mehr als dreißig Jahre – um so erstaunlicher, wie konstant sich der Vorwurf der Amerikanisierung hat behaupten können. Auch an dieser Stelle zeigt sich eine hohe Selbstreferentialität von Medien: Einerseits sind sie aus ökonomischen, politischen und vielerlei anderen Gründen an der vermeintlichen "Amerikanisierung" der Politikvermittlung in Deutschland auf das Engste beteiligt. 

Auf der anderen Seite kritisieren sie in einer "Berichterstattung über sich selbst" genau jene subtil werbenden Formen der Dauerpräsenz von Politik und Politikern.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.