Helmut Kohl: Ambivalenter Sonderapparat für PR

02.11.2017
 
 

Wie kaum ein anderer Bundeskanzler vor ihm urteilte wohl niemand so hart über Journalisten wie der am 16. Juni 2017 verstorbene Helmut Kohl. Warum war er fast allen Medien so abgeneigt? Wie hat er das Land geprägt und die politische Kommunikation verändert? Und: wie war sein Verhältnis zu den Medien wirklich? Teil 28 der großen kress.de-Serie.

Der Sonderapparat für PR, den Kohl sich im Kanzleramt über die Jahre aufbaute, muss ambivalent gewertet werden. Anhand der skizzierten Beispiele im Zusammenhang mit der Fernsehstrategie  Kohls wird deutlich, dass Fritzenkötter, "getarnt" in einer direkt dem Kanzler unterstellten Abteilung, wesentlich flexibler planen und gestalten konnte als der Regierungssprecher. 

Dies gilt insbesondere für den Umgang mit privaten Fernsehsendern. 

Einem Regierungssprecher wären die praktisch im Kanzleramt entstandenen, Kohl-freundlichen Fernsehsendungen im Wahlkampf 1994 rechtlich als unzulässige Wahlwerbung ausgelegt worden. Deshalb erweist sich die Konstruktion im Nachhinein als ausgesprochen modern. Selbst "Die Zeit" erkannte an: "Wo immer mehr und immer hungrigere Medien von einer gleich bleibenden Zahl von Spitzenpolitikern gefüttert werden wollen, muss neu gedacht und koordiniert werden. Der Bundeskanzler [Helmut Kohl] war einer der ersten, die das in der Nase hatten."

Ackermann und Fritzenkötter können als Spindoctors klassischer Prägung bezeichnet werden. Sie traten nicht öffentlich als Sprecher des Kanzlers in Erscheinung, sondern agierten hinter den Kulissen als "Strippenzieher" und Manager der öffentlichen Meinung. 

Beide arbeiteten in der Hauptsache nicht mit den klassischen Instrumenten der Öffentlichkeitsarbeit wie Pressemitteilungen oder Pressekonferenzen, sondern taktierten gezielt im Hintergrund. Ihr Hauptinstrument war das Telefon. 

Ackermann meint, er habe am Tag über hundert Telefonate geführt, ähnliches gilt für Fritzenkötter. 

Sie fungierten als Informationsfilter, die die Kommentarlage und das Meinungsklima durch strategische Informationsweitergabe, das Auslegen falscher Fährten oder das bewusste Durchsickernlassen von vertraulichen Neuigkeiten an Journalisten lenken konnten. 

Ackermann und Fritzenkötter stehen zudem beide für eine Arbeitsweise, bei der die persönliche Vernetzung wesentlich wichtiger ist als ein bürokratischer Apparat – ein Faktor, der für das Spindoctoring von zentraler Bedeutung ist. 

Auf der anderen Seite haben aber Adenauer und vor allem Schmidt bewiesen, dass auch ein Regierungssprecher als zentraler Medienberater und enger Vertrauter des Kanzlers fungieren kann, wenn er bestimmte berufliche Kompetenzen mitbringt und  vom  Regierungschef  mit  entsprechenden  politischen Kompetenzen ausgestattet wird. 

Die Kehrseite der Medaille des Modells des persönlichen "Kanzlersprechers" liegt in der faktischen Verurteilung des Bundespresseamtes zu informationspolitischer Impotenz und den infolgedessen geschürten Machtkämpfen zwischen Kanzler- und Presseamt.

Für den Wahlkampf 1994 wurde erstmals die Wiesbadener Agentur Zoffel-Hoff-Partner engagiert. Hetterich wertet in seiner Studie dieses Engagement als Vergabe einer klassischen Aufgabe des politischen Systems, nämlich der Politikvermittlung, an eine externe Instanz. Ihm zufolge wurde die komplette Öffentlichkeitsarbeit von dieser Agentur übernommen.

Dies wäre in der Tat ein dramatischer Einschnitt in der bisherigen Tradition politischer Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland. Im Gespräch mit Andreas Fritzenkötter sowie durch eigene Recherchen konnte allerdings ermittelt werden, dass die Zoffel-Hoff-Partner-Werbeagentur GmbH – wie der Name bereits zeigt – eine Werbeagentur ist, die lediglich als Ergänzung zur Agentur von Mannstein, der Solinger "Hausagentur" der CDU, hinzugezogen wurde. 

Fritzenkötter betont in unserem Gespräch richtigerweise, in Deutschland sei es praktisch undenkbar, dass eine PR-Agentur, die auch Industriekunden betreut, extern die Kanzler-PR übernimmt. "Milka und Merkel" wird es hierzulande auf absehbare Zeit deshalb kaum geben. 

Dies deckt sich mit den bislang vorgestellten Konstellationen: Erfolgreiche PR betrieben die Kanzlerberater immer dann, wenn sie dem Amtsinhaber in einem intensiven, auf Loyalität gestützten Vertrauensverhältnis verbunden waren und wenn ihre Einblicke in interne Vorgänge tief genug waren, um abschätzen zu können, welche kommunikativen Maßnahmen am sinnvollsten ergriffen werden sollten.

Autor: Lars Rosumek

kress.de-Hinweis: "Die Kanzler und die Medien" heißt das Buch von Lars Rosumek aus dem Jahr 2007, aus dem kress.de in einer großen Serie das Porträt über Bundeskanzler Helmut Kohl, im Amt von 1982 bis 1998, veröffentlicht. Das Buch ist weiterhin als E-Book im Campus Verlag erhältlich.

 

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