Märchenstunde mit David Schraven

 

"Kress" hat sich erlaubt, das Rechercheportal Correctiv kritisch zu hinterfragen. Dann traf uns der Zorn des Gründers.

Wenn Sie bei der Lektüre dieses Artikels den Eindruck haben, dass es um eine kritische Abrechnung mit dem Correctiv-Gründer David Schraven geht, liegen Sie goldrichtig. Wenn Sie den Eindruck haben, dass das Motiv dafür persönlicher Natur ist, liegen Sie daneben. Ich kenne ihn nicht und kann mich nicht erinnern, ihm einmal begegnet zu sein. Früher hatte ich den Eindruck, dass er ein aufrechter Kämpfer für den investigativen Journalismus in Deutschland ist. Heute habe ich den Eindruck, dass David Schraven vor allem ein aufrechter Kämpfer für seine Eigeninteressen ist und sich mit vielem, was er tut, im Widerspruch zu dem bewegt, wofür er in den Augen vieler steht: Freiheit der Presse, Fairness gegen Kollegen, Unabhängigkeit. Vier Widersprüche:

1. Schravens Umgang mit kritischen Fragen

"Kress"-Autor Marvin Oppong stellte David Schraven im März eine Reihe von Fragen zur Finanzierung von Correctiv und möglichen Interessenskonflikten. Noch ehe unsere Recherche im April ("kress pro" 3/17) überhaupt veröffentlicht wurde, äu­ßerte Schraven sich ausführlich, reagierte aber gleichzeitig schwer genervt und drohte mit rechtlichen Schritten. Auf Facebook schrieb er zudem eine Wutrede über die Recherchemethoden. Die Brost-Stiftung, die Correctiv mit mehr als 3 Millionen Euro stark gefördert hat, ließ Fragen von einer renommierten Medienrechtskanzlei beantworten. Wir dachten: Hoppla, da wird aber von allen ordentlich Druck gemacht.

2. Schravens Umgang mit kritischen Beiträgen

Dann erschien der Beitrag in der April-Ausgabe von "kress pro" und schlummerte hinter der Paywall. Der Kern der Geschichte ist ein Verdacht im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Bodo Hombach, Vize-Chef der Brost-Stiftung, als Ethikrat-Chef von Correctiv. Ende Mai stellten wir die Kurzfassung unseres Artikels online. Jetzt folgte die nächste persönliche Attacke Schravens auf Facebook: "Marvin Oppong hat sich eine Verschwörungstheorie ausgedacht und diese trotz Gegenrede einfach so frei von der Leber aufgeschrieben." Hier überschreitet Schraven klar eine Grenze, er diffamiert den Autor. Marvin Oppong hat ebenso wenig etwas "frei erfunden" (O-Ton Schraven), wie die Mitarbeiter von Correctiv dies tun. Er hat Quellen für seinen Beitrag und er hat Indizien recherchiert. Hätte Schraven geschrieben: "Du schreibst Mist. Deine Quellen sind mies", wäre das okay. Aber er unterstellt im Grunde, dass Oppong lügt. Das ist niederträchtig. Und gerade für den Chef eines Rechercheportals inakzeptabel.

In Schravens Facebook-Community brandete für seine Wutrede dagegen warmer Applaus auf. Nur ein User hielt dagegen und schrieb: "Ich finde es falsch, einen Kollegen, auch wenn er einem lästig sein mag, lächerlich zu machen und an den Pranger zu stellen. Das gehört sich nicht."

Schraven nahm dann sein gutes Recht in Anspruch, rechtlich gegen den Beitrag vorzugehen. Er hätte auch vorher einfach anrufen können und "Kress" hätte ihm die Gelegenheit gegeben, das ganz publizistisch auszufechten. In Form eines Interviews oder einer Gegenrede zum Beispiel.

So aber erwirkte Correctiv nach anwaltlicher Abmahnung eine einstweilige Verfü­gung gegen die Berichterstattung vor dem Landgericht in Hamburg. Correctiv wollte durch die einstweilige Verfügung erreichen, dass der Beitrag mit dem geäußerten Verdacht nicht mehr ver­öffentlicht werden darf. Wir wollten erreichen, dass die Geschichte wieder zugänglich ist. Der Kompromiss: Der Beitrag darf wieder veröffentlicht werden. Wir haben uns aber dazu verpflichtet, die Berichterstattung zum Verdacht nur noch mit ausführlichen Erläuterungen von Correctiv zu veröffentlichen.

Wäre es zum Hauptverfahren gekommen, hätten wir unser Recht auf Verdachtsberichterstattung ausgerechnet gegen ein Rechercheportal durchsetzen müssen. Das ist immer heikel, weil man seine Quellen natürlich schützen will.

3. Schraven und die Finanzierung von Correctiv

Die Brost-Stiftung hat Correctiv mit mehr als 3  Millionen Euro gefördert. Ohne diese Förderung würde es das Rechecheportal in seiner heutigen Form wohl nicht geben. Der Vorstand der Brost-Stiftung besteht aus drei Männern.

Der Vorsitzende heißt Wolfgang Heit. Er leitete als ärztlicher Direktor viele Jahre die Kliniken Essen-Süd, heißt es bei der Brost-Stiftung. Mit einer Recherche ("Euros für Ärzte") zeigte Correctiv, welche Mediziner Geld von Pharmafirmen angenommen haben. Auch der Chef der Brost-Stiftung findet sich in der Liste, die Correctiv auf seiner Internetseite zugänglich macht. Bayer hat demnach im Jahr 2016 genau 5.214,41 Euro an Reisekosten für Heit übernommen.

Der stellvertretende Vorsitzende der Brost-Stiftung heißt Bodo Hombach, der als Ex-Politiker bestens vernetzt ist und selbst im Fokus von Recherchen steht. Der "Spiegel" schrieb im Januar: "Als Kanzleramtsminister stolperte Bodo Hombach über den Bau seines teuren Hauses in Mülheim. Ausgerechnet dieses Haus lässt 17 Jahre später eine Stiftung kaufen. Im Vorstand: Hombach."

Ebenfalls im Stiftungsvorstand ist der Partner einer großen Kanzlei. Seine Tätigkeiten dort: u.a. M&A und Private Equity. Die Mandanten: national und international.

Frage: Wenn Sie sich drei Entscheidungsträger über die Finanzierung für ein investigatives Rechercheportal aussuchen dürften, würden Sie dann einen ehemaligen Medizinprofessor auswählen, der Geld von der Pharmabranche annimmt? Oder einen Ex-Kanzleramtsminister, der selbst im Zentrum von investigativen Recherchen steht? Oder den Partner einer Kanzlei, der in der Wirtschaft zahlreiche Kontakte hat?

Nein. Weil man auf diese Weise viele mögliche Interessenskonflikte riskiert. Nun ist es schwer in Deutschland, Gelder für gemeinnützigen Journalismus zu gewinnen. Da kann man sich seine Financiers womöglich nicht immer aussuchen. Vorbildlich ist die Konstellation allerdings nicht. Zudem hat Correctiv das Problem noch befeuert, indem es Bodo Hombach zum Chef des Ethikrates gemacht hat.

4. Schraven als Verteidiger von Bodo Hombach

Das Verhältnis von Bodo Hombach zu David Schraven scheint ohnehin recht eng: Als der "Spiegel" Hombach im Januar angriff, schwang sich Schraven öffentlich zu langen Verteidigungsargumentationen auf. Dabei war Correctiv im "Spiegel"-Beitrag nur am Rande erwähnt worden.

Ähnlich war es in unserem Fall. Auch hier hat sich Schraven weit für Hombach aus dem Fenster gelehnt. Man muss es wohl doch einmal sagen: Chefs von Investigativportalen sollten sich nicht zum Sprecher von Ex-Politikern machen.

(Disclaimer: "Kress"-Verleger Johann Oberauer war vor Jahren in eine Auseinandersetzung mit Bodo Hombach geraten. Für Interessierte: Die "SZ" hat das Thema im Dezember 2004 aufgeschrieben. Das Ganze hatte auf die Berichterstattung keinen Einfluss. Was sich zum Beispiel dadurch belegen lässt, dass das "medium magazin" aus dem Oberauer-Verlag Correctiv bereits zweimal ausgezeichnet hat.)

Als "Meedia" über den Streit zwischen "Kress" und Correctiv berichtet hat, habe ich Schraven kritisiert. Der schrieb uns daraufhin eine Mail. "Ich finde es nicht okay, so zu tun, als hätte ich eine Geschichte über das Finanzierungsmodell von Correctiv angegriffen. Ich habe die Märchenstunde angegriffen. Das ist was anderes." Schraven schrieb weiter: "Ihr könnt jederzeit unser Finanzierungsmodell hinterfragen. Das ist total okay."

Das werden wir tun. Wenn wir alle mal uralt und gelassen im Schaukelstuhl sitzen, werde ich David Schraven vielleicht mal unsere Quellenlage schildern. Ich bin mir ziemlich sicher: Er hätte die Geschichte an unserer Stelle auch gebracht.

Nachtrag: David Schraven schreibt zu dem Beitrag:

"David Schraven hat Anfang Juni Kontakt zu Kress gesucht, um das juristische Verfahren außergerichtlich zu beenden. Sein Gesprächsangebot wurde an 'Kress Pro'-Chefredakteur Markus Wiegand weitergereicht. Wiegand lehnte jedoch zeitnahe Gespräche ab. 'Wir können gerne reden, aber offenbar ist das Ganze ja bereits ein juristisches Thema, so dass mir die Stossrichtung nicht ganz klar ist.' Schraven schrieb: 'Ich hab gedacht, wir reden, um es nicht zu weit zu treiben. Manchmal ist reden besser. Als sich juristisch rumzustreiten.' Wiegand wollte jedoch nicht. 'Die Argumente in der Sache werden dann wohl die Anwälte austauschen müssen, nachdem Sie diesen Weg beschritten haben.' Für Schraven sah das so aus, als lege 'Kress Pro' keinen großen Wert auf Gespräche."

Autor: Markus Wiegand, Chefredakteur von "kress pro"

kress.de-Tipp: Der Beitrag "Märchenstunde mit David Schraven" von "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand ist in der aktuellen Ausgabe von "kress pro" (7/2017) erschienen. Die Ausgabe gibt es in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

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