So präsent wie noch nie: Wem Angela Merkel alles Interviews gab (und wem nicht)

 

Der Bundestagswahlkampf 2017 wird auch für die ungewöhnliche hohe Zahl von Interviews in Erinnerung bleiben, die Bundeskanzlerin Angela Merkel gegeben hat. "So präsent war sie nie, so viele Interviews hat sie 2013 und 2009 nicht gegeben", sagt zum Beispiel Berlin-Kenner Michael Bröcker, Chefredakteur der "Rheinischen Post", der Merkel in diesem Jahr sogar gleich zweimal interviewt hat.

Bröcker hat Angela Merkel zuletzt gemeinsam mit Eva Quadbeck, Chefin des "RP"-Parlamentsbüros und Mitglied der "RP"-Chefredaktion, getroffen, für ihn war die Bundeskanzlerin "höflich, konzentriert, knapp, aber auch weitgehend überraschungsfrei", so der "RP"-Chefredakteur zu kress.de.

Sogar für die "taz" hatte Angela Merkel in diesem Jahr Zeit - das erste Mal. "Dafür mussten erst 17 Jahre als Parteivorsitzende und zwölf Jahre als Bundeskanzlerin vergehen", notiert die linksalternative Berliner Zeitung. "Es waren 36 Minuten, aber ziemlich dichte 36 Minuten, wie man der Zeitung entnehmen kann", sagt Chefredakteur Georg Löwisch zu kress.de, der das Gespräch gemeinsam mit Parlamentskorrespondentin Anja Maier geführt hat.

Löwisch freut sich vor allem auch über die exklusiven Aufnahmen, die Anja Weber gemacht hat, "inklusive der Bilder von den Schachfiguren, den Kamelen und Merkels Stuhl, mit dem sie kippelt".

Interviews mit der CDU-Chefin im Wahlkampf gelten weiterhin als Krönung der politischen Berichterstattung. Exklusive Aussagen der Kanzlerin werden von den Nachrichtenagenturen aufgegriffen und in anderen Medien zitiert. Und Merkel kann sich als Amtsinhaberin die Interviewanfragen auswählen.

Dass in die Relevanzdebatte auch Medien drängen, die bislang zwar vor allem für Reichweite, aber weniger für eigene, exklusive Inhalte bekannt waren, zeigt das Beispiel von t-online.de. Mit unfassbarer Wucht hat dort der neue Chefredakteur Florian Harms die Relevanzmaschine angeworfen. Herausgeber Ströer hat massiv in sein digitales Flaggschiff investiert, das bislang ja vor allem als E-Mail-Postfach bekannt ist. Das ändert Harms, erst mit zahlreichen Neuverpflichtungen, jetzt sogar mit einem exklusiven Merkel-Interview, in dem er sie gemeinsam mit Patrick Diekmann auch offen zur Digitalisierung im Land befragt.

Wie aus einer Übersicht des Bundeskanzleramts für kress.de hervorgeht, hat Merkel seit März 2017 mindestens 49 Interviews gegeben.

Überblick der persönlichen Interviews der Bundeskanzlerin 2017 (Stand: 13.09.2017, ohne Gewähr)

März: Saarbrücker Zeitung (Berliner Medien Service), Passauer Neue Presse, Saarländischer Rundfunk-Hörfunk, RAI, ARD Brüssel.

April: Westdeutsche Allgemeine Zeitung (Funke Mediengruppe), Lübecker/Kieler Nachrichten (Redaktionsnetzwerk Deutschland), Kölner Stadtanzeiger (DuMont), NDR-Hörfunk, Radio Schleswig-Holstein.

Mai: Rheinische Post/Ständehaustreff, WDR, Aachener Zeitung/Westfälische Nachrichten/SHZ, WDR 5-Hörfunk, Verlagsgruppe Bistumspresse.

Juni: Wirtschaftswoche, Brigitte-Gespräch (live), Die Zeit.

Juli: Dein Spiegel/Kinderspiegel, ARD Sommerinterview.

August: SuperIllu, ADAC Motorwelt, Die Bunte, Studio 71/YouTuber fragen die Bundeskanzlerin, ZDF (für Dokumentationsfilm), Bild/Bild.de, Welt am Sonntag, Neue Osnabrücker Zeitung, Die taz, ARD (für Dokumentationsfilm), ZDF-Sommerinterview, Der Spiegel, NDR Schwerin, Rheinische Post, Phoenix/Deutschlandfunk: "Forum Politik", RTL "An einem Tisch mit...", Handelsblatt "Deutschland live mit...".

September: ARD/ZDF/RTL/Sat1 TV-Duell, Redaktionsnetzwerk Deutschland, Focus online, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten: "Treffpunkt Foyer", DuMont-Gruppe, Bild am Sonntag, ARD-Wahlarena, Funke Zentralredaktion, NDR-Hörfunk, Saarländischer Rundfunk (TV), Pressebüro Herholz+Buchsteiner.

Merkel wollte sich aber nicht mit allen Medien für ein Gespräch an einen Tisch setzen. So mussten die "Nürnberger Nachrichten" auf ein eigenes Merkel-Interview verzichten. Aus "zeitlichen Gründen" sei es nicht zu einem Interview gekommen, hat Alexander Jungkunz, gemeinsam mit Michael Husarek "NN"-Chefredakteur, aus Kanzleramt und CDU-Zentrale erfahren. Das erscheint ungewöhnlich, weil Merkel in 2017 schließlich zu drei Auftritten in der Region war, so Jungkunz zu kress.de. Im Ballungsraum Nürnberg erreichen die "NN" gut 800.000 Menschen in Print und noch einmal ähnliche viele mit den digitalen Prioritäten, an Reichweite und Relevanz kann es also nicht liegen: "Ob das daran liegt, dass die "NN" sehr oft sehr Merkel-kritisch kommentieren - wir wissen es nicht", so Chefredakteur Alexander Jungkunz.

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