Zweistelliger Mio-Umsatz, 50 Mitarbeiter: Warum für Burkhard Graßmann das "Focus"-Siegelgeschäft so wichtig ist

25.09.2017
 

Rund ein Viertel der Erlöse der "Focus"-Gruppe hängen heute nicht mehr an Anzeigen und Vertrieb. Zu den neuen, fruchtbaren Feldern gehört das Siegelgeschäft. "Woanders haben wir Mitarbeiter abgebaut, hier haben wir aufgebaut", sagt BurdaNews-Geschäftsführer Burkhard Graßmann. Für das Siegelgeschäft ist Print das Trägermedium. 

Im Interview mit "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand spricht BurdaNews-Chef Burkhard Graßmann auch über "die Kollegen vom Baumwall" und den Einstieg in den Weinhandel.

"kress pro": Wie viel Prozent der Erlöse der "Focus"-Gruppe hängen heute nicht mehr an Anzeigen und Vertrieb?

Burkhard Graßmann: Rund ein Viertel. Darunter fallen: Siegel, Lizenzgeschäft und Events.

"kress pro": Welches Geschäft macht Ihnen am meisten Freude?

Burkhard Graßmann: Das ist unser gesamtes Siegelgeschäft von "Focus" und Deutschlandtest. Wir testen Produkte und Dienstleistungen und die Unternehmen dürfen mit den unabhängigen Siegeln werben, wenn sie uns dafür eine Lizenzgebühr zahlen. Damit erreichen wir inzwischen einen zweistelligen Millionenumsatz mit wunderbaren Renditen. Allein in diesem Bereich beschäftigen wir rund 50 Mitarbeiter. Woanders haben wir abgebaut, hier haben wir aufgebaut.

"kress pro": Ohne Auszeichnung als bester Anbieter kauft ein Unternehmen kein Siegel. Wie unabhängig sind die Tests?

Burkhard Graßmann: Es ist ein häufiger Irrglaube, dass sich Unternehmen in die Bestenlisten einkaufen können. Das ist nicht möglich, da sind wir sehr strikt. Alles andere würde das Geschäftsmodell unterlaufen. Beim Thema E-Bikes haben wir jetzt sogar selbst eine Test-Infrastruktur eingerichtet. Von den besten Direktversicherern bis zum besten Arbeitgeber reichen Ihre Vergleiche. Wie viele Siegel vergeben Sie inzwischen und was kostet die Firmen die Nutzung? Wir bedienen diverse Märkte. Die Kosten variieren dabei jeweils. Das lässt sich also so pauschal nicht beantworten.

"kress pro": Seit wann setzen Sie auf das Geschäft?

Burkhard Graßmann: "Focus Money" hatte damit unter Frank Pöpsel im Finanzbereich begonnen. Das hat  uns inspiriert, den gesamten Gesundheitsbereich aufzubauen und "Focus Gesundheit" und "Focus Diabetes" zu gründen. Darin finden Sie Listen mit den besten Ärzten und Kliniken. Denen bieten wir an, damit zu werben. Wir haben uns zuerst mit der Marke und dem Markenkern beschäftigt und dann überlegt, was kann man daraus entwickeln. Wichtig ist, dass es zur Marke "Focus" passt.

"kress pro": Von "Focus Gesundheit" und "Focus Diabetes" drucken Sie laut Mediainformationen 100.000 Stück. Wozu brauchen Sie heutzutage noch das Printheft?

Burkhard Graßmann: Print ist das Trägermedium für das Geschäft, um eine Akzeptanz bei denjenigen zu finden, denen Sie die Siegel verkaufen. Der Nutzer sucht digital, aber die Ärzte und Kliniken brauchen die Hefte gedruckt im Wartezimmer. Zusätzlich haben wir mit der digitalen Arztsuche ein Classified-Geschäft aufgebaut. Wir bieten allen 280.000 Ärzten in Deutschland die Möglichkeit, sich darzustellen.

"kress pro": Gruner + Jahr hat in den vergangenen zwei Jahren 18 Titel lanciert. Wie viele haben Sie neu gegründet?

Burkhard Graßmann: Wir haben "Focus Business" und "Focus Spezial" als neue Reihe eingeführt. Und das Abenteuermagazin "Free Men's World". Das sind schon drei. Das Motormagazin "Grip" haben wir ausprobiert und wieder eingestellt.

"kress pro": Warum versuchen Sie nicht mehr? Sehen Sie keine Lücken?

Burkhard Graßmann: Es ehrt mich, dass Sie BurdaNews als eine von vier Burda-Gruppen mit dem Großunternehmen Gruner + Jahr vergleichen und wenn Sie mir sagen, wo Gruner + Jahr im Männersegment mehr gemacht hat als wir, dann höre ich Ihnen auch gerne weiter zu.

"kress pro": Warum der scharfe Unterton? Sie haben eine andere Strategie und uns interessiert warum.

Burkhard Graßmann: Ich möchte mich gar nicht länger über die Kollegen vom Baumwall unterhalten, weil ich deren Geschäft zu wenig kenne. Ich kenne unser Geschäft und kann sagen: BurdaNews ist bei der Transformation von Geschäftsmodellen sicher führend. Wir sind vor zwei Jahren über ein Media-for-Equity-Modell bei Vicampo in den Weinhandel eingestiegen. Im vergangenen Jahr haben wir über Burda-Marken 600.000 Flaschen Wein verkauft. Über zwei Drittel der gesamten Bestellungen wurden dabei über Focus generiert. Dazu haben wir in diesem Jahr in Roast Market investiert, einem Online-Kaffeehandel. Und wir haben mit TV Spielfilm live einen Streaming-Dienst aufgebaut, der heute über zwei Millionen registrierte Nutzer verzeichnet.

"kress pro": Gruner + Jahr sucht im alten Geschäftsmodell Nischen und lanciert Zeitschriften für kleine Segmente.

Burkhard Graßmann: Und wir machen lieber ein Siegelgeschäft oder beteiligen uns am Weinhandel, weil es renditestark ist.

kress.de-Tipp: Das Interview ist ein Auszug aus der Titelgeschichte aus "kress pro" 6/2017. Darin sagt Burkhard Graßmann auch, wie er mit der Marke "Focus" heute mehr Geld verdient als vor fünf Jahren, wie gefeuerte Chefredakteure reagieren und welche Frage er dem "Spiegel" gerne mal stellen würde. Die Ausgabe gibt es in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

Zur Person: Burkhard Graßmann ist seit Mai 2011 Geschäftsführer der Burda News Group. Darin sind die "Focus"-Gruppe und Titel wie "Playboy" und "Fit for Fun" gebündelt. Zusätzlich leitet der 51-Jährige seit Jahresbeginn den Burda-Vermarkter Burda Community Network (BCN). Der Verlagsmanager war zuvor drei Jahre lang Sprecher der Geschäftsführung von Payback. Zwischen 2000 und 2008 arbeitete er im Vorstand von T-Online, zuletzt als Bereichsvorstand T-Com.

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