Journalisten, der "Urnengang", die Sorgen der Bürger und die Langeweile

 

JOURNALISMUS! Ein langweiliger Wahlkampf? Wer Lokal- und Regionalzeitungen liest, erlebte das Gegenteil. Paul-Josef-Raue beschreibt in seiner Kolumne: Statt Merkel und Schulz spielten die lokalen Kandidaten und die Sorgen der Bürger die Hauptrolle. Die meisten Lokalzeitungen präsentierten die Wahl als Unterhaltung - in dem Sinne, dass Menschen und ihre Sorgen zum Gesprächs-Stoff wurden.

Grabesruhe gab es nur in der Sprache der Journalisten. Ein Wort ist offenbar unausrottbar: Der "Urnengang". Die "Westdeutsche Zeitung" kündigt "Wahlversprechungen kurz vor dem Urnengang an", die "Mittelbayerische" sieht die Stadt Regensburg gut gerüstet für den "Urnengang", und die "Süddeutsche" schaute jungen Wählern beim "Urnengang" zu.  Schon vor zwanzig Jahren geißelte Wolf Schneider die Unsitte, Synonyme gegen den Leser einzusetzen, und wählte als Beispiel: "Der Leimener beim Urnengang"; gemeint war Boris Becker, in Leimen geboren. Gibt es eine Zeitung, die ohne den "Urnengang" über diesen Wahlkampf kam?

Die Lokal- und Regionalzeitungen nutzten die Wahl, um ihre Stärken zu zeigen: Sie kennen die Probleme der Menschen und debattieren darüber mit den Politikern, die aus ihren Städten und Kreisen in den Bundestag gewählt werden sollen. Da wird der "Volksvertreter" lebendig. Manche Redaktionen genossen den Wahlkampf und zelebrierten regelrecht das Hochfest der Demokratie:

  • Der "Südkurier" in Konstanz zeigte einen prall gefüllten Saal, in dem vor sechshundert Jahren ein Papst gewählt wurde und in dem kurz vor der Wahl sechs Kandidaten, allesamt männlich, diskutierten.

  • Der "Mannheimer Morgen" legte der Montagsausgabe vor der Wahl ein eigenes 28-seitiges Magazin bei, in dem die Redaktion gut achtzig Direktkandidaten aus Mannheim und Umgebung vorstellte, den Spitzenkandidaten im Bund sechs kurze Fragen stellte wie "Müssen wir Angst haben, wenn wir auf ein Konzert gehen?" oder "Welches Emoji senden Sie unseren Lesern?" und erklärte, was Abgeordnete machen.

  • Das "Flensburger Tagblatt" ("shz.de") lud am Mittwoch vor der Wahl sechs Leser zu einem Speed-Dating ein: Sechs Leser fragen sechs Politiker aus Schleswig-Holstein in jeweils sechs Minuten.

  • Die "Südwest-Presse" in Ulm nahm die immer wieder zu lesende Kritik auf, große Themen und Sorgen der Bürger würden ignoriert. Auf einer kompletten Seite ging der Parlaments-Korrespondent beispielsweise der Frage der sozialen Gerechtigkeit nach, er beschrieb, wie die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, und analysierte, warum die Formel von Martin Schulz nicht zündete: Nur weil es Deutschland gut geht, geht es nicht allen Deutschen gut.

Solch komplette Seiten füllenden Essays, Analysen und Reportagen setzt die "Südwest-Presse" seit einiger Zeit bewusst ein und besinnt sich darauf, was eine Zeitung so exzellent kann: Sie leuchtet den Hintergrund aus, erklärt die Welt - und überlässt Aktualität und schnelle Aufregung dem Netz und dem Fernsehen.

Die gar nicht guten alten Zeiten sind bei den meisten Zeitungen vorbei, in denen die Politiker im Wahlkampf ihre Pressemitteilungen ablieferten, die Zeilen zählten und bei Verleger oder Chefredakteur protestierten, wenn die Redaktion nicht nach ihrer Pfeife tanzte. Und falls heute ein Kandidat doch in überkommene Verhaltensmuster zurückfällt?

Politikers Ärger mit der Redaktion wird im Blatt zum Thema - wie in Gelsenkirchen, wo der SPD-Kandidat und Vize-Parteichef die "WAZ"-Redaktion unter Druck setzen wollte. Er rief per Mail und auf Facebook seine 2900 Mitglieder auf, ihren "Unmut gegenüber der Redaktion zum Ausdruck zu bringen". Er verkniff sich auch nicht den Hinweis: Es könne ein "Trost" sein, dass die Auflage der "WAZ" zurückgegangen sei.

Anlass des Ärgers war eine große, über zwei Seiten laufende Analyse über die Stimmung der Parteibasis im Ruhrgebiet nach der verlorenen Landtagswahl: Zu Wort kamen SPD-Mitglieder aus Herne, Duisburg, Bochum, Essen, Bottrop, Mülheim und Gelsenkirchen. Im Wortlaut konnten die "WAZ"-Leser die komplette Frust-Mail des Kandidaten lesen.

Alexander Marinos, der stellvertretende "WAZ"-Chefredakteur, kommentierte: "Die Reportage zur SPD im Ruhrgebiet hat der Parteibasis eine Stimme gegeben. Sie hat vielen aus dem Herzen gesprochen. Gäbe es die regionale Tageszeitung nicht, stünde es schlecht um unabhängige Berichterstattung vor Ort und damit um politische Teilhabe in Stadt und Land. Ein lokal verwurzelter Politiker kann sich das nicht ernsthaft wünschen."

Lokal- und Regionalredaktionen können es sich nicht leisten, die Sorgen ihrer Leser zu ignorieren. So trifft der Vorwurf, Medien hätten große Themen vernachlässigt, kaum auf die Zeitungen zu. Die Kritik der Missachtung der Bürgersorgen fällte Roland Schatz, Gründer vom "Media Tenor", nach Auswertung der zwanzig deutschen "Meinungsführer-Medien":

"Zu Recht sahen sich die Fernsehsender nach dem TV-Duell von Merkel und Schulz der Kritik ausgesetzt, dass viele drängende Fragen auf der Strecke geblieben sind, insbesondere solche, die den Alltag in Deutschland bestimmen: Rente, Pflege, Familie, Bildung.  Der in diesen Tagen oft bemühte Vorwurf vom müden, langweiligen Wahlkampf hat seine Ursache auch in der Diskrepanz zwischen Medien-Berichterstattung und Wählerinteressen."

"Wie gehen wir mit der AfD um?" Dies war die brennendste Frage in den Redaktionen, und sie die brennendste im Bundestag werden. Es gab und gibt keine Lösung, die alle zufrieden stellt. Ging eine Lokalredaktion mit der AfD um wie mit den etablierten Parteien, hörte sie den Vorwurf: "Das ist ja Werbung für die Nationalisten." Ignorierte sie weitgehend die AfD, kam der Vorwurf: "Ihr unterschätzt die Gefahr" - oder: "Ihr unterdrückt eine demokratische Partei."

Bisweilen gingen die Redaktionen auch der Märtyrer-Strategie der AfD auf den Leim und ließen sich provozieren. Prompt reagierte die AfD, gut einstudiert: Ihr seid Teil des Systems, ihr lügt, wie es euch gefällt!  Aber die meisten Redaktionen durchschauten die Strategie, ließen sich nicht auf das Spiel "Ehrliche Volksvertreter gegen parteiische Journalisten" ein und wahrten Neutralität - auch wenn es einigen sichtlich schwer fiel.

Neutral heißt nicht, auf Recherchen zu verzichten.

Sebastian Leber gab im "Tagesspiegel" wieder, was 19 Direktkandidaten der AfD wirklich sagten - unkommentiert und umso wirkungsvoller. Der Rechtsanwalt Dubravko Mandic beispielsweise, Direktkandidat im Wahlkreis Tübingen, schrieb auf Facebook von einem "entstehenden rechtsradikalen Netzwerk zwischen AfD und Identitärer Bewegung" und sah den Unterschied zur NPD "vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützerumfeld, nicht so sehr durch Inhalte";  Barack Obama nannte er einen "Quotenneger".

Im März, ein halbes Jahr vor der Wahl, hatte das Recherche-Team "Correctiv" ein "Schwarzbuch AfD" herausgegeben: Wie finanziert sich die Partei? Wie eng sind die Verbindungen zu Rechtsradikalen?  Was steht genau im Parteiprogramm? Wie ist die Strategie gegenüber den Medien? Wie will die Partei Journalisten instrumentalisieren?

War es ein langweiliger Wahlkampf? Nein, zumal eine solche Diagnose auch die Medien treffen müsste. Ein Wahlkampf spiegelt den Zustand der Gesellschaft - und der Medien. Ist die Mehrheit der Bürger zufrieden, gut genährt und optimistisch, aber vorsichtig wegen der Unruhe in der Welt, dann müssen sich Journalisten schon anstrengen, um Deutschland zum Brodeln zu bringen. Peter Hahne hat es beispielsweise dreißig Minuten lang im ZDF versucht: "Die Macht der Angst: Seit geraumer Zeit lebt Deutschland in Angst! Ist das richtig? Haben wir Deutschen Angst im eigenen Land vor Gewalt, Terrorismus und Krieg? Oder ist diese Stimmung herbeigeredet, aufgebauscht von den Medien? Was ist dran, an German Angst?"

"Angst essen Hahne auf", kommentierte "Übermedien" die Debatte und warf Hahne vor, "das Geschäft der AfD zu erledigen unter freundlicher Mithilfe des Journalisten Ulrich Reitz und des Psychiaters Christian Dogs." Auch die Debatte zwischen den Medien funktionierte.

Im Wahlkampf erlebten wir jedenfalls nichts, was den Bürgern Angst machen musste. Es gab offenbar keine massiven russischen Manipulationen wie bei den US-Wahlen. Alexander Sängerlaub von der "Stiftung Neue Verantwortung" erklärt den Unterschied zum Wahlkampf in den USA so: Bei uns viel geringere Bedeutung von Social Media als Quelle von Nachrichten, eine weitaus weniger polarisierte politische Landschaft und viel höheres Vertrauen in klassische Medienangebote.

Die Bürger waren jedenfalls neugierig und gingen zahlreicher zur Wahl als vor vier Jahren. Rund 14 Millionen machten beim Wahl-O-Mat im Internet mit, so viele wie nie zuvor. Und nach einem gar nicht langweiligen Wahlkampf und einem auf- und erregenden Wahltag dürfte zudem sicher sein: Auch in Berlin werden die Sorgen der Menschen wieder intensiv diskutiert werden. Lokalzeitungen wissen, wie notwendig das ist.

Der Autor

Paul-Josef Raue gewann 1993 mit seiner Redaktion der Oberhessischen Presse in Marburg den Deutschen Lokaljournalistenpreis für das Konzept: "Wir machen die Wahl zu einem Ereignis". Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er schreibt Kolumnen in verschiedenen Regionalzeitungen, berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.