Chefkorrespondent Werner Kolhoff schreibt in der Saarbrücker Zeitung

Nach Jahrzehnten der politischen Stabilität in Deutschland wird die Regierungsbildung nun zum ersten Mal außerordentlich schwierig. Eine erneute große Koalition würde ohnehin ihren Namen nicht mehr verdienen. Gut, dass die SPD so schnell entschieden hat, in die Opposition zu gehen. Das war auch eine Frage der Selbstachtung, denn es gibt eine andere Mehrheit – die Viererkoalition zwischen CSU, CDU, Grünen und FDP. Das ist eine enorme politische Spannweite. Ein solches Bündnis, erstmals im Saarland ausprobiert, wird eine höchst wackelige Angelegenheit. Und es besteht die große Gefahr, dass wichtige Zukunftsthemen von ihm ausgeklammert werden, um den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Und doch muss dieser Weg wenigstens versucht werden.

Chefredakteur Jost Lübben schreibt in der Westfalenpost

Schließlich zeigt das Ergebnis der Bundestagswahl eine drohende Spaltung zwischen alten und neuen Ländern. Die AfD wurde im Osten zur zweitstärksten Partei. Zu den großen innenpolitischen Herausforderungen kommen die außenpolitischen: die Lage der Europäischen Union im Allgemeinen und der Brexit im Besonderen sowie die dramatische Zuspitzung zwischen den USA und Nordkorea. Deutschland benötigt schnell eine stabile neue Regierung. Sehr schnell.

Chefredakteur Andreas Tyrock schreibt in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung

Die Demokratie in Deutschland muss diesen Rechtsruck und die teilweise rechtsextremistischen Auswüchse sehr ernst nehmen, ist aber nach sieben Jahrzehnten so gefestigt, dass sie die Herausforderungen aushalten und bestehen wird. Auf jeden Fall darf spätestens seit der Wahl niemand mehr sagen, man habe diese Entwicklung nicht vorhersehen können.

Chefredakteur Hendrik Groth schreibt in der Schwäbischen Zeitung

Die Verliererin der Bundestagswahl heißt Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin verantwortet ein unerwartet schlechtes Wahlergebnis, das im Inland wie im Ausland je nach politischer Ausrichtung für Unruhe oder Genugtuung sorgen wird. Die Wahlkampfstrategie von CDU/CSU rund um die Parteichefin ist gescheitert. 

Chefredakteur Lars Reckermann schreibt in der Nordwest-Zeitung

Es gibt eine satte, demokratische Mehrheit in Berlin. Das ist einfachste Mengenlehre. Die Mehrheit der Wähler steht hinter einer Großen Koalition. Fast 53 Prozent. Das ist für die SPD ein Dilemma, denn die sozialdemokratische Partei meint, dass sie in der Wählergunst abgerutscht ist, weil sie eben mit der Union zusammen regiert hat. Und jetzt verkündet sie, schon Sekunden nach der Wahl, dass sie in die Opposition geht. Das ist mehr als fahrlässig. Mindestlohn, Frauenquote in Vorständen, auch die Ehe für alle geht aufs Konto der SPD. Und dass sich die Bundeskanzlerin öffentlich für die Rente mit 67 Jahren ausgesprochen hat, ist der Verdienst ihres Koalitionspartners. Politik heißt aber nicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen, weil man Angst hat, in vier Jahren in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen

Chefredakteurin Cordula von Wysocki schreibt in der Kölnischen Rundschau

Dass die Rechtspopulisten durch ein derart weites Tor in den Bundestag einzogen, geht auch auf das Konto der großen Koalition. Die Wahlanalysen weisen einen hohen Anteil von Protestwählern aus, die aus dem Unions-Lager zur AfD zogen. Für das hochemotional diskutierte Flüchtlings-Thema legten die Rechtspopulisten (vermeintlich) einfache Lösungen auf den Tisch, während die Regierungschefin konzeptlos wirkte. Und je weniger Gegenentwürfe die SPD anbot, um so leichter konnte sich die AfD als angeblich einzig wählbare Alternative zu den sogenannten Etablierten profilieren.

Chefredakteur Norbert Thiemann schreibt in den Westfälischen Nachrichten

Ihr schlechtes Abschneiden wird CDU und CSU noch schwer erschüttern, denn Angela Merkel bleibt zum Weiterregieren jetzt nur das Bunt-Bündnis mit FDP und Grünen. Dass Merkel – und insbesondere die 2018 vor Landtagswahlen stehende CSU – in einer solchen Konstellation konservative Inhalte im Bereich der Flüchtlingspolitik und der inneren Sicherheit betonen wollen, um der AfD das Wasser wieder abzugraben, grenzt an die Quadratur des Kreises. Kanzlerinnendämmerung nicht ausgeschlossen.

Chefredakteur Dirk Lübke schreibt im Mannheimer Morgen

Die einstmals großen Volksparteien Deutschlands sind inzwischen fast wie Parteien ohne Volk. Ihr Zuspruch in der Bevölkerung bröckelt und erreicht nun bei der Bundestagswahl einen neuen Tiefpunkt. Die bisher regierenden Großkoalitionäre aus CDU/CSU und SPD erleben ein Abstimmungsdesaster.

Berlin-Chef Guido Bohsem schreibt in der Südwest Presse

Erstmals seit den 50er­Jahren wird wieder eine rechtsnationale Partei im Bundestag sitzen. Der Einzug der AfD ist eine Schande, realistisch betrachtet aber eben keine Katastrophe. Die Demokratie in Deutschland ist stabil und wehrhaft und durchaus in der Lage, sich mit der neuen Kraft von rechts auseinanderzusetzen. Zumal vieles dafür spricht, dass die Partei sich selbst diskreditieren könnte. Doch darf man die neuen Rechten auch nicht unterschätzen. Die anderen Parteien müssen ihr inhaltlich und argumentativ entgegentreten und eben nicht, wie so oft im Wahlkampf, nur mit der Moralkeule.

Chefredakteur Oliver Maksan schreibt in Die Tagespost

Doch Selbstkritik? Zerknirschung? Mitnichten. Auf dem Scherbenhaufen steht eine scheinbar ungerührte Kanzlerin – hätte mir mehr gewünscht, aber sind stärkste Kraft geworden, gegen uns kann keine Regierung gebildet werden, – um die ihre Getreuen von der Leyen, Bouffier und Altmaier einen seligen Reigen tanzen. Bei soviel zur Schau getragener Problemvergessenheit verschlägt es einem den Atem. Doch aussitzen lässt sich das Ergebnis nicht.

Chefredakteur Ralf Geisenhanslücke schreibt in der Neuen Osnabrücker Zeitung

Weniger Streit als im Wahlkampf und mehr Kultur werden in der politischen Auseinandersetzung gefordert sein. Das ist der Auftrag an alle Abgeordnete. Es gehört zu den demokratischen Regeln und zum Grundverständnis, den gewählten Bundestag in seiner Gesamtheit als Wahlwillen des deutschen Volkes zu akzeptieren – also einschließlich der kritisch gesehenen AfD.

Chefredakteur Lutz Schumacher schreibt im Nordkurier

Richtig ist: Mit Ausländerfeindlichkeit und Lob für die angeblichen Heldentaten deutscher Soldaten in den Weltkriegen kommt Deutschland bestimmt nicht voran. Die AfD sollte sich von diesen Tendenzen schleunigst befreien und im künftigen Bundestag die Themen ansprechen, die offenbar größere Teile der Bevölkerung ernsthaft besorgen, wie etwa den rechtsstaatlichen Umgang mit Zuwanderung und Flüchtlingen. Und die Altparteien wären gut beraten, nicht nur auf tatsächliche oder vermeintliche Rechtsextreme einzudreschen, sondern auch diese Botschaft aus dem Wahlvolk ernst zu nehmen.

Politik-Chef Tibor Pézsa schreibt in der HNA

Vor den Fleischtöpfen der Macht verdampfen Ausrutscher im Wahlkampf, Obergrenzen, Steuern und Europa zu lösbaren Fragen. Mehr Polizei wollen jetzt auch die Grünen. Am wichtigsten: Angela Merkel, Meisterin des Ungefähren, weiß, wie man rechts blinkt und links abbiegt.

Chefredakteur Florian Harms schreibt auf t-online

Diese Bundestagswahl ist eine Zäsur. Sie hat extreme Sieger und Verlierer produziert, und sie ist ein Ventil der Stimmung im Land – so deutlich wie selten zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Nach vier routinierten, aber zähen Jahren haben die Menschen die Nase gestrichen voll von der Großen Koalition. Sie wollen eine andere Politik, und sie wollen sie jetzt. Ob Flüchtlingskrise, Bildungschaos, soziale Spaltung oder stockende Digitalisierung: Die Antworten der "GroKo" reichen den Bürgerinnen und Bürgern nicht mehr. Deshalb ist es gut, dass die SPD sofort nach der ersten Hochrechnung ihren Gang in die Opposition angekündigt hat.

Chefredakteur Jochen Arntz schreibt in der Berliner Zeitung

In einer Straße mit hundert Wählern haben sich mehr als 13 der Nachbarn für eine rückwärtsgewandte, in Teilen offen rechtsradikale Partei entschieden. In einem Mietshaus mit 40 Parteien leben in fünf Wohnungen Unterstützer der AfD. Statistisch gesehen. In der Realität sind es vor allem im Osten Deutschlands ganze Mietshäuser, in denen die Bewohner sich einig sind: Wir wollen ein anderes Land, darum wählen wir AfD. Die Ergebnisse in Brandenburg sind deutlich.

Chefredakteurin Bascha Mika schreibt in der Frankfurter Rundschau

Die Rechtsradikalen werden versuchen, im Reichstag ihren rohen Stil fortzusetzen, Hetze, Häme und Verhöhnung als Mittel der politischen Auseinandersetzung zu etablieren. Der Bundestag ist in Gefahr, zum Resonanzboden für eine völkische Agenda und paranoide Verschwörungstheorien zu werden, die – derart verstärkt – den öffentlichen Raum um so einfacher erobern könnten. Um das liberale Selbstverständnis einer offenen Gesellschaft schleichend, aber systematisch auszuhöhlen.

Parlaments-Korrespondentin Ulrike Ruppel schreibt in der BZ Berlin

Aber darum ging es auch gar nicht. Es ging darum, dass es für konservative Wähler, die von den Kehrtwenden bei Wehrpflicht, Atomenergie, Grenzschutz, Ehe für alle usw. nichts halten, keine vernünftige Alternative mehr gibt – und manche daher die unvernünftige wählten. Und es ging darum, dass der Elefant im Raum im Wahlkampf weitgehend ignoriert wurde: die Angst vor unkontrollierter Zuwanderung und die Frage nach unserer kulturellen Identität, die über das Grundgesetz und die gemeinsame Sprache hinausgeht.

Chefredakteur Hartmut Augustin schreibt in der Mitteldeutschen Zeitung

Die Debatte um die Zukunft der beiden Parteien ist eröffnet, und es stellen sich mehrere Fragen: Wie dicht sind sie an den Wählern überhaupt noch dran, wenn so viele Stimmen verloren gehen? Was wissen beide von den Sorgen, Ängsten und Sehnsüchten der Menschen? Es zeigt sich einmal mehr, dass gute wirtschaftliche Fakten wie ein hohes Steueraufkommen und eine geringe Arbeitslosigkeit nicht ausreichen, vielen Wählern die Angst vor der Zukunft zu nehmen - gerade im Osten. Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt zwar aus diesem Teil Deutschlands, doch im Kanzleramt scheint ihr die Sensibilität für den Landstrich langsam verloren zu gehen.

Stephan Lamby schreibt auf Dbate

Viele AfD-Wähler dürften sich insgeheim nicht in die NS-Zeit zurücksehnen, sondern in die Adenauerära, mit ihrer streng standardisierten deutschen Leitkultur – aufgepeppt höchstens durch ein wenig Dieter Bohlen und Helene Fischer anstelle von Peter Alexander und Heino. Das Adenauer-Deutschland wird selbst von den AfD-Wählern verklärt, die es gar nicht erlebt haben, weil sie entweder zu spät oder im anderen Teil Deutschlands geboren wurden. Das Adenauer-Deutschland ist ein Synonym für ein Land, das sich erfolgreich gegen fremde Einflüsse abschottet (die vielen Gastarbeiter, die ab Mitte der 1950er Jahre in die Bundesrepublik kamen, wurden als billige Arbeitskräfte gebraucht und am Rande der Gesellschaft geduldet. Von einer „Durchmischung des deutschen Volkes“ war damals nicht die Rede). Das Adenauer-Deutschland ist aber auch ein Synonym für ein Land, das sich jedem politischem und gesellschaftlichem Fortschritt widersetzt.

Chefredakteur Michael Schilling schreibt in der Abendzeitung München

Deutschland, einig Vaterland? Wer daran - 28 Jahre nach der Wiedervereinigung - geglaubt hat, darf das seit gestern vergessen. Die ultrarechte Wut, vor allem im Osten, ist keine Warnung an Merkel und ihr Kabinett, sondern ein Beben. Und ein Beleg dafür, dass die Flüchtlingskrise in ihrer politischen Wirkung diesen Namen auch verdient hat - weil sie vielen Deutschen in dieser Form ein Trauma war, dessen Folgen nun ablesbar geworden sind.

Jan Rübel schreibt auf Yahoo

Fangen wir mit dem Positiven an. Die Wahlbeteiligung ist höher als bei der vergangenen Bundestagswahl vor vier Jahren, das tut der Demokratie ebenso gut wie mehr Vielfalt im Parlament, wo nun sieben Parteien in sechs Fraktionen sitzen werden. Das wird sich auch bei der neuen Bundesregierung zeigen, wo wahrscheinlich Union, FDP und Grüne zu einer Koalition zusammen gezwungen werden könnten, weil die gerupfte SPD eine Verschnaufpause vom Regieren dringend benötigt – und kein anderes Bündnis hätte die erforderliche Mehrheit.

Bettina Freitag, Chefin von NDR 1 Welle Nord

Für die Gesellschaft, für uns alle, werden die Zeiten lebhaft, weil nach diesem Wahlergebnis ein Weiter-So völlig ausgeschlossen ist. Zu viele Menschen fühlen sich mit ihren Ängsten allein gelassen. Die Angst vor angeblicher Überfremdung, mit der die AfD auf Stimmenfang ging, verdeckt nur das bei viel mehr Menschen tiefsitzende Gefühl, dass es in dieser Gesellschaft nicht mehr an jeder Stelle gerecht zugeht. Es wird spannend zu sehen, wie Politiker und Parteien verlorenes Vertrauen wieder zurückgewinnen wollen. Lebhafte Zeiten sind eine Herausforderung für die Demokratie, wenn wir Glück haben, sind sie sogar eine Chance für Demokraten.

Chefredakteur Joachim Dorfs schreibt in der Stuttgarter Zeitung

Zurück zu Angela Merkel: Nach menschlichem Ermessen wird sie nun ihre vierte Regierung führen. Es gilt, entscheidende Weichen zu stellen, nicht nur zur Integration, sondern vor allem zur Zukunft Europas und dem Weg Deutschlands in die digitale Welt. Hier hat sie bisher Ambitionen vermissen lassen, dabei sind große Schritte erforderlich. Und noch etwas gilt es für sie zu tun: Es wird langsam aber sicher Zeit, an ihre Nachfolge zu denken. Nach den Regierungen Merkel I (ab 2005) bis Merkel IV (ab Ende 2017) sollte es ein Kabinett Merkel V nicht geben. Demokratie lebt auch vom Wandel.

Chefredakteur Carsten Fiedler schreibt im Kölner Stadt-Anzeiger

Die wichtigste gesamtgesellschaftliche Aufgabe aller Fraktionen im Bundestag wird es sein, die AfD zu entzaubern. Der Soziologe Heinz Bude sieht im Deutschland des Jahres 2017 „Milieus der Kränkung“ und „Milieus der Vernunft“. Die große Frage der nächsten Jahre lautet vor allem für Union und SPD: Wie können Wähler, die aus Enttäuschung, Wut und Angst die AfD gewählt haben, zurückgewonnen werden? Die Wahl vom Sonntag, das steht fest, verändert unser Land. Viel stärker, als die meisten von uns ahnen.

Chefredakteur Christian Nitsche schreibt im Bayerischen Rundfunk

Ziehen sich die Koalitionsgespräche über Monate hin, so wird unweigerlich der Gedanke aufkommen, es müssten Neuwahlen abgehalten werden. Union und SPD hätten die Gelegenheit, bis zu Neuwahlen in der Flüchtlingspolitik konsequenter zu handeln und zum Beispiel der Erwartung der meisten Deutschen zu entsprechen, abgelehnte Asylbewerber konsequenter abzuschieben. Allerdings ein riskantes Manöver, das die Stimmanteile der SPD und Union nicht unbedingt stärken könnte. So blicken die Wähler am Wahlabend eher ratlos drein und fragen sich zurecht: Wie soll Deutschland in dieser Lage politische Stabilität verkörpern? Die Antwort sind die Parteien noch schuldig!

Elmar Theveßen, stellvertreter Chefredakteur vom ZDF, schreibt auf heute

Viele der AfD-Wähler sind nicht autoritär, nicht rechtsextrem. Viele, besonders im Osten, klagen zu Recht über zu viel Soße der Harmonie in Zeiten großer Koalitionen. Die Regierungsparteien haben Sorgen vieler Bürger zu lange, zu wenig beachtet. Das muss sich ändern! Wir brauchen mehr heftigen Streit in der Sache, mehr Ringen um den richtigen Weg - aber mit Anstand und Respekt vor Andersdenkenden und vor unverzichtbaren Pfeilern unserer Demokratie. Die AfD muss sich jetzt entscheiden, ob sie sich dazu bekennt.

Chefredakteur Constantin Blaß schreibt im Express

Die Partei, die Angst, Hass, Unsicherheit und offen den Rassismus schürt, ist drittstärkste Kraft in Deutschland. Erschreckend! Doch wer wird zukünftig regieren? Zu Schwarz-Gelb hat es nicht gereicht. Wieder die „GroKo“ kommt - laut SPD - nicht in Frage, wäre ohnehin ein Schlag ins Gesicht des Wahlvolkes. Bleibt noch Schwarz-Gelb-Grün als einzige echte Option.

Politik-Redakteur Reinhard Veser schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Wer am Sonntag für die Grünen stimmte, tat das also in dem Bewusstsein, dass es nicht nur Rhetorik war, wenn die Partei vor der Wahl alle Koalitionsoptionen offenließ. Die Grünen haben besser abgeschnitten als erwartet; an dem Ergebnis können sie auch ablesen: Ihre Wählerschaft hat offensichtlich weniger Schwierigkeiten als ein großer Teil ihrer Funktionäre damit, wenn sich die Grünen in Richtung Mitte orientieren.

Stefan Kuzmany, Leiter des Hauptstadtbüros von Spiegel Online

In den letzten Jahren lebten wir in einem anomalen Zustand, zu verantworten hat ihn die CDU-Chefin und Kanzlerin Angela Merkel. Durch die Entkernung ihrer Partei, der sie sämtliche konservativen Positionen ausgetrieben hat, hat sie Platz geschaffen am rechten Rand, hat unzufriedene Konservative in die Arme der Rechtspopulisten getrieben. Durch ihre Übernahme sozialdemokratischer Themen hat sie den Sozialdemokraten jedes Wasser abgegraben, bis diese schließlich bis auf knapp über 20 Prozent verdurstet sind.

Chefredakteur Georg Löwisch schreibt in der taz

Für die Grünen hat es sich ausgezahlt, dass sie ernsthaft bei ihren Themen blieben, statt sich am AfD-Grusel aufzurichten. Ob die Linkspartei jetzt mehr Protestpartei wird? Rot-Rot-Grün im Bund kann man jedenfalls vergessen. Bisher brachten die drei trotz Mehrheit im Parlament nichts zustande. Jetzt könnten sie nicht mal, wenn sie wollten. Dafür wird über Jamaika verhandelt werden, denn die SPD will erst einmal nicht über eine neue Große Koaliton reden.

Chefredakteur Michael Bröcker schreibt in der Rheinischen Post

Der 24. September 2017 ist ein historisches Datum: Mit dem Einzug der AfD in den Bundestag rückt das Land nach rechts. Damit endet eine Ära - jene der wohltemperierten, konsensgeprägten Nachkriegs-Republik.

Chefredakteur Sven Afhüppe schreibt im Handelsblatt

Es gibt nicht viele gute Signale, die von dieser Bundestagswahl ausgehen. Die beste Botschaft ist noch, dass Angela Merkel weitere vier Jahre die Geschicke des Landes maßgeblich bestimmen kann. In einer Zeit, in der die Unordnung zur neuen Weltordnung geworden ist, wirkt die CDU-Chefin wie ein verlässlicher Ruhepol. Die Menschen in Deutschland haben sich für politische Stabilität und gegen Experimente mit einem Neuling in der Bundespolitik, Martin Schulz, entschieden. Das ist nachvollziehbar.

Herausgeber Berthold Kohler schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Merkel hat doch nicht so viele Wähler becirct, wie es noch bis vor vier Wochen aussah, weswegen sogar die CSU mit dem Konterfei der Kanzlerin warb. Ihre Popularität hatte nach dem Tief im Flüchtlingsherbst alte Höhen erklommen, weil Deutschland sich im Meer der Krisen wie eine Insel der Glückseligen ausnimmt: politisch stabil, ökonomisch gesund. Schulz gelang es nicht, die hier und da glimmende Unzufriedenheit zu einer Wechselstimmung anzufachen. Die Wähler nahmen ihm einfach nicht ab, dass die SPD vier Jahre lang in der Opposition gewesen sei.

Chefredakteurin Barbara Hans schreibt auf Spiegel Online

Schulz wählt einen komfortablen Weg: Die AfD, so seine Botschaft, ist Merkels Problem und eines der Union. Doch auf einem zu schlanken Fuß kann man schlecht stehen. Es scheint an diesem Abend ein wenig so, als sei die Opposition die noblere Regierung. Auf der Strecke bleibt dabei die SPD selbst, als einst so stolze Partei. Sie tut so, als übernähme sie die Verantwortung, in Wahrheit stiehlt sie sich fort.

Chefredakteur Martin Krigar schreibt im Westfälischen Anzeiger

Dass die AfD nicht zu den irgendwie denkbaren Koalitionären gehört, versteht sich zum Glück von selbst, auch wenn sie seit gestern endgültig drittstärkste politische Kraft in Deutschland ist. Die AfD ist und bleibt vor allem destruktiv. Sie hat keine echten Konzepte fürs Land, sie findet keine Abgrenzung am rechten Rand. Die AfD ist keine Lösung.

Chefredakteur Stefan Sohr schreibt in der Nürnberger Zeitung

Am Ende zählt das, was hinten rauskommt – Helmut Kohls Leitspruch bedeutet für Merkel zwar, dass sie ihre vierte Kanzlerschaft antreten wird, allerdings um den fatalen Preis einer deutlich geschwächten Basis.

Chefredakteur Alexander Boecker schreibt auf DerWesten

Bundespolitik ist immer auch Lokalpolitik. Das, was vor Ort ankommt, was sich dort ändert. Es täte jedem Bundespolitiker gut, ein paar Tage in Gelsenkirchen-Schalke zu verbringen, in Duisburg-Marxloh, in Essen-Altenessen. Und sich zu fragen: Ist das wirklich das Beste, was wir für die Menschen hinbekommen?

Chefredakteur Stefan Bergmann schreibt in der Emder Zeitung

Die Große Koalition ging kaum ein großes Thema an. Probleme bei der Integration von Flüchtlingen? Angst vor Terrorismus? Umgang mit dem extremen Teil des Islam? Das Armuts-Instrument Hartz IV? Eine Rente, die nach jahrzehntelanger Arbeit viele Menschen nicht ernähren kann? Es gab viele Fragen, aber keine Antworten. Die Koalition lächelte Sorgen und Ängste der Menschen einfach weg - oder verweigerte sich der Diskussion gleich ganz, in Gestalt einer sphinxhaften Angela Merkel. Die Konsens-Politik einer Großen Koalition stärkt die politischen Ränder. Das war schon immer so. Denn Menschen, außerhalb der Mitte, fühlen sich nicht mehr vertreten.

Chefredakteur Manfred Lachniet schreibt in der Neuen Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung

Schon immer hat man vermutet, dass rund 15 Prozent der Wähler in Deutschland sich eher einen autoritären Staat wünschen als einen, in dem die unterschiedlichsten Interessen miteinander konkurrieren müssen. Früher trat diese Gruppe nicht in den Blick: Weil sie Zuhause blieb, für eine Splittergruppe stimmte oder noch ein Fünkchen ihrer Vorstellungen in der CDU/CSU vermutete. Manche auch anderswo. Doch damit ist es vorbei.

Chefredakteur Ulf Poschardt schreibt in der Welt

Auch wenn die Kanzlerin beim Blick auf ihre Partei genug zu tun hat, sollte sie sich fragen, warum Koalitionspartner bei ihr derart geschreddert werden. Mit großem Hunger hatte sich die Kabinettschefin die Themen und Positionen der Sozialdemokraten einverleibt und das Profil der Union entschärft. Die FDP wurde zwischen 2009 und 2013 in der Koalition mit Merkel fast vernichtet, und jetzt ist eben die SPD im Eimer. Keine Reklame für die Kanzlerin als künftigen Regierungspartner.

Innenpolitik-Chef Jasper von Altenbockum schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Der "Schulz-Hype" signalisierte zwar, dass es durchaus ein Bedürfnis nach einem frischen Gesicht und solider Politik gab; aber die SPD kann dieses Bedürfnis nicht einmal dann befriedigen, wenn ihr Vorschusslorbeer in Hülle und Fülle entgegengebracht wird. Die Zersplitterung der Parteienlandschaft ist auch Resultat dieses Unvermögens.

Chefredakteur Alexander Marguier schreibt im Magazin Cicero

Es müssten von beiden Parteien also schon sehr viele im Wahlkampf aufgestellte Hürden abmontiert werden - von der Europa- über die Steuer- bis hin zur Verkehrs- und Migrationspolitik -, damit Jamaika keine ferne Karibikinsel bleibt."

Chefredakteur Stefan Hans Kläsener schreibt in der shz

Wie kann man eigentlich Kanzlerin einer Republik bleiben, wenn man eine Wahl so deutlich verloren hat? Übrigens nicht zum ersten Mal. Aber Angela Merkel profitiert von der noch größeren Schwäche anderer. So ist das im Bund, so ist das in Europa. Weil die anderen so schwach sind, bleibt sie am Ende übrig.

Chefredakteur Christoph Pepper schreibt im Mindener Tagblatt

Wir werden sie jagen, wir holen uns unser Volk und unser Land zurück". Man musste nur Alexander Gaulands ersten Ergebnisjubel hören, um zu wissen, welche AfD da in den Bundestag einzieht. Wie anderswo in Europa bietet der organisierte Rechtspopulismus nun auch dort nicht nur den Enttäuschten und Verbitterten eine Chance, Protest zu artikulieren, sondern leider auch dem braunen Bodensatz eine Chance zum Auftrumpfen. Die deutsche Demokratie sollte gefestigt genug sein, damit umzugehen. Alarmismus und Hysterie wären schlechte Ratgeber, Haltung und Konsequenz gute.

Chefredakteurin Birgit Wentzien schreibt im Deutschlandfunk

Die AfD wird nationalbürgerliche Politiker entsenden und Spitzenvertreter, die für eine Mischung aus Bürgerlichkeit und Eifertum stehen. Es werden aber auch gewählte Volksvertreter kommen, die rassistische Parolen nicht scheuen. Gefallene frühere Unionspolitiker sind nachweislich darunter.

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