"Welt"-Chefreporter Ansgar Graw kritisiert Trump-Berichterstattung: "Weniger Reflexe und dafür mehr Hintergründe"

 

Acht Jahre beobachtete Ansgar Graw die amerikanische Politik als Washington-Korrespondent der "Welt". Nach seiner Rückkehr hat der Chefreporter mit "Trump verrückt die Welt" ein Buch über die USA unter dem neuen Präsidenten geschrieben. Seine These: Die Politische Korrektheit hat einen Anteil am "politischen Tsunami", den die Amerikaner mit der Wahl entfacht haben. kress.de hat mit dem 56-Jährigen gesprochen.

 

kress.de: Viel Aufsehen hat Ihr selbstkritischer "Welt"-Aufmacher nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ausgelöst. Er hieß: "Wie konnte ich mich nur so irren?" Nun schreiben Sie zum Schluss Ihres Trump-Buches: "Dieser Präsident bleibt." Kann es sein, dass Sie sich wieder irren?

Ansgar Graw: Ja, damals habe ich mich geirrt. Weder zunächst seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten noch später die Wahl ins Weiße Haus hätte ich für möglich gehalten. Obwohl ich mich dabei in umfassender Gesellschaft nahezu aller US-Kollegen und Experten befand, ärgert mich diese falsche Prognose. Und Voraussagen bleiben schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Darum: Wenn ich jetzt schreibe, Trump bliebe, heißt das nicht zwingend, er werde 2020 wiedergewählt.

kress.de: Sondern?

Ansgar Graw: Dass bestimmte Gedanken und Inhalte bleiben werden. Nehmen Sie sein "America first". Nach dem Multilateralismus Obamas und seiner Vorgänger sagt Trump jetzt, wir machen alles andere erst einmal davon abhängig, ob es den USA nutzt. Das wird auch nach Trump bleiben. In diesem Zusammenhang müssen Sie auch die Forderung an die Nato-Partner nach den Ausgaben von zwei Prozent des BIP für Verteidigung sehen. Das hat übrigens Donald Rumsfeld schon 2006 verlangt. Und auch ein nächster Präsident wird diese lange vor Trump vereinbarte Selbstverpflichtung nicht mehr unter den Tisch fallen lassen, sondern daran erinnern, dass es nicht sein könne, dass die USA für die gemeinsame Verteidigung zahlen, während die Europäer das Geld in ihre Sozialsysteme stecken.

kress.de: Sie wollen "ein faires Bild" von Trump zeichnen, schreiben Sie im Vorwort. Hat sich Trump-Bashing inzwischen überholt? Langweilt es?

Ansgar Graw: Ich gehe noch einen Schritt weiter. Ein reines Bashing hatte nie seine Berechtigung. Wenn Sie aber ein Bashing mit Argumenten meinen, wird das nie überholt sein, solange der Präsident weiterhin so haarsträubende Fehler begeht. Dennoch gehört zu einem Gesamtbild auch, dass Trump gewisse Stärken hat.

kress.de: Sie sind wirklich nicht als Trump-Anhänger bekannt. In Ihrem Buch belegen Sie nun, dass zumindest einige Vorwürfe gegen den Präsidenten in den amerikanischen Medien nicht der Wahrheit entsprachen bzw. arg konstruiert waren. Erleichtert das Trump den "Fake News"-Vorwurf?

Ansgar Graw: Da stimme ich Ihnen zu. Das, was es an "Fake News" über ihn gab, hat ihm bei seiner Dämonisierung der Medien sicherlich geholfen. Aber wenn wir auf ernstzunehmende Medien schauen, müssen wir festhalten, dass über ihn nur sehr wenige "Fake News" verbreitet wurden, mit denen Fakten falsch dargestellt wurden. Ausnahmen, die es leider gab, benenne ich in meinem Buch.

kress.de: Da war die Geschichte über die angeblich verschwundene Büste von Martin Luther King im Weißen Haus einen Tag nach seiner Inauguration. Mit dieser Falschmeldung, so behauptet Trump bis heute, sollte er als Rassist gebrandmarkt werden.

Ansgar Graw: Ja, das nimmt Trump bis heute als Beispiel für die Bösartigkeit der Journalisten. Und diese Nachricht war ein schwerer Fehler. Allerdings gehört zur ganzen Geschichte, dass der verantwortliche Reporter, der für das "Time Magazine" arbeitet, diesen nach 45 Minuten korrigiert hat. Trump nutzt das trotzdem immer noch als Steilvorlage. Die Wahrheit ist, dass Trump deutlich mehr "Fake News" verbreitet als die Journalisten. Das fing schon mit den Feierlichkeiten zu seiner Amtseinführung an. Da behauptete er, es seien mehr Menschen gekommen als zu der von Obama. Das ließ sich anhand der Fotos beider Veranstaltungen sehr leicht als Lüge entlarven.

kress.de: Die amerikanischen Journalisten sind also Trump gegenüber nicht voreingenommen?

Ansgar Graw: Doch, sind sie. Vier Mal so viele Journalisten neigen den Demokraten zu wie den Republikanern. Schon deshalb gibt es dort Vorbehalte gegen Trumps Partei. Aber ein Journalist, der eine bestimmte Position hat, muss, wenn er Profi ist, trotzdem in der Lage sein, die andere Position fair darzustellen. Den meisten gelingt das, aber nicht allen.

kress.de: Dennoch bemängeln Sie in Ihren Buch, die Berichterstattung in amerikanischen Medien sei nicht ausgewogen. Sind wir in Deutschland - gerade was Trump betrifft - da wirklich besser?

Ansgar Graw: Ausgewogenheit kann nicht heißen, dass genauso viele positive wie negative Artikel veröffentlicht werden. Wenn etwas schlecht ist, muss man das auch schreiben. Nehmen Sie an, die deutsche Nationalmannschaft verliert ein wichtiges WM-Spiel und hat eine furchtbare Leistung abgeliefert. Da können Sie doch keine Quote einführen und sagen, 50 Prozent der Medien berichten trotzdem positiv und nur der Rest negativ. Fehlende Ausgewogenheit ist nicht identisch mit Voreingenommenheit.

kress.de: Apropos deutsche Medien. Die Frage danach haben Sie nicht beantwortet.

Ansgar Graw: Ich möchte da gar nichts beschönigen. Teilweise wird negativ berichtet, ohne dass dabei fundiert argumentiert wird. Ich wünsche mir weniger Reflexe und dafür mehr Hintergründe. Zu oft wird ausgeblendet, welche Gründe zu Trumps Wahlsieg geführt haben.

kress.de: Sie werfen Trump vor, unmittelbar nach dem Wahlsieg eine "Kriegserklärung" an die Medien formuliert zu haben. Und: "Bis dahin waren Journalisten und Politiker in Washington Mitglied eines gemeinsamen Clubs." Ist das eine nicht so schlimm wie das andere?

Ansgar Graw: Wenn Politiker und Journalisten einen gemeinsamen Club bilden oder sich zumindest so verhalten, ist das problematisch. Da haben Sie Recht. Mit dieser fehlenden Distanz verschwindet auch die Fairness. Und deswegen finde ich es auch gar nicht so übel, dass Trump die Medienszenerie durchgeschüttelt hat. Dass jetzt auch Journalisten von Sendern aus der Provinz in den Pressekonferenzen des Weißen Hauses per Skype dazugeschaltet werden, ist okay. Denn gerade die Menschen, für die sie berichten, sind lange vernachlässigt worden. Diese Maßnahme frischt die Szene auf.

kress.de: Die Berichterstattung über den Präsidenten folge mitunter dem Prinzip: "Er ist schuldig, bis er seine Unschuld beweist." Spielt diese Verbissenheit nicht einem wie Trump sogar in die Hände?

Ansgar Graw: Ja, das tut es. Wenn Medien den Eindruck erwecken, sich an ihm festzubeißen und etwas unterstellen, was nicht bewiesen ist, schadet das der Glaubwürdigkeit und nutzt am Ende Trump. Aber dass die Medien Trump niedergeschrieben haben, kann man nun wirklich nicht sagen. Vielmehr hat die Empörung über seine peinlichen Tweets und auch über das Audio, in dem er sagte, er könne als Star jede Frau begrapschen, von viel wichtigeren Dingen abgelenkt.

kress.de: Die da wären?

Ansgar Graw: Dass er zum Beispiel seit den 1970er Jahren Kontakte zur Mafia und auch später zur Organisierten Kriminalität hatte und sogar mit dieser zusammengearbeitet hat. So ein Mann gehört nicht ins Weiße Haus. In der Berichterstattung sind diese Dinge durch Trumps fortlaufende Peinlichkeiten an den Rand gespült worden. Insofern hat ihm die Verbissenheit, mit der relativen Kleinigkeiten nachgejagt wurde, tatsächlich geholfen.

kress.de: Offenbar sind die gegenseitigen Anfeindungen von amerikanischen Journalisten und Trump eine Win-win-Situation; Sie nennen Trump sogar einen "Glücksfall" für die Medien. Denn die Auflagen und Reichweiten schießen in die Höhe. Steckt vielleicht sogar Kalkül dahinter?

Ansgar Graw: Damit unterstellen Sie die These, die Medien hätten insgeheim darauf hingearbeitet, dass Trump ins Weiße Haus eingezogen ist. Und das ist nun wirklich abwegig. Richtig ist aber, dass viele aufgrund des Unterhaltungsfaktors froh waren, dass Trump von Anfang an bei den Primaries dabei war. Das war tatsächlich ein Glücksfall, weil er für Aufsehen sorgte, mit vielen Wahlkampfregeln brach und so das Interesse der Menschen auf sich zog. Das sorgte für steigende Auflagen und Einschaltquoten sowie rasant nach oben schnellende Klicks.

kress.de: Die Political Correctness machen Sie als "unfreiwilligen Wahlhelfer" Trumps aus und benennen dafür ein skurriles Beispiel. So warfen ihm Journalisten vor, im Zusammenhang mit Terror vom "radikalen Islam" gesprochen zu haben. Ist Trump das Pendel, mit dem die Amerikaner gegen solche Tabuisierungen zurückschlagen?

Ansgar Graw: Eindeutig! Laut Umfragen sehen mehr als 70 Prozent der Amerikaner die Political Correctness als ernsthaftes politisches Problem an. Sie haben den Eindruck, die Wirklichkeit werde mit Worthülsen vernebelt. Der Eiertanz um die Verwendung des Wortes "radikaler Islam" war da ein sehr wichtiger Punkt. Obama hat sich immer geweigert, es zu verwenden und über George W. Bush wurde dasselbe gesagt, was allerdings nicht stimmt.

kress.de: Obama hat sich sogar bei einer Staatsanwältin entschuldigt, die er nicht nur die klügste, sondern auch die attraktivste in den ganzen USA genannt hatte.

Ansgar Graw: Ihm wurde vorgeworfen, er habe die Frau auf die Äußerlichkeiten reduziert, was definitiv nicht stimmt, weil er sie zunächst als die Klügste bezeichnet hatte. Die Entschuldigung haben viele Amerikaner Obama übler genommen als seine ursprüngliche Aussage, weil er damit vor der Political Correctness eingeknickt war. Übrigens wüsste ich gern, wie sich seine telefonische Entschuldigung bei ihr für dieses Kompliment angehört hat. Dieser Fall zeigt, welches Ausmaß die Politische Korrektheit in den USA angenommen hat. Und davon haben viele genug. Trump war für sie das Ventil dafür, ja.

kress.de: Der in amerikanischen und in deutschen Medien so viel gescholtene versprochene "Mauerbau" zu Mexiko sei für viele Menschen der wichtigste Grund gewesen, Trump zu wählen, schreiben Sie. Können Sie uns das bitte erklären?

Ansgar Graw: Ganz einfach: Die Mauer steht für drei Sachen gleichzeitig, die nicht "den Amerikanern" wichtig sind, aber jener knappen Hälfte, die für Trump stimmte. Sie verbinden damit nicht nur das Vorgehen gegen die illegale Einwanderung, sondern auch gegen die Drogenimporte. Insbesondere Heroin stellt ein riesiges Problem in der weißen unteren Mittelschicht im mittleren Westen dar. Deren Lebenserwartung sinkt aufgrund des Konsums, während die aller anderen Bevölkerungsgruppen steigt. Sie müssen sich vorstellen, dass Heroin zum Beispiel in Pennsylvania nur 30 bis 40 Cent mehr kostet als Zigaretten. Und drittens verstanden viele die Mauer als Versicherung, dass Arbeitsplätze nicht länger nach Mexiko oder China abwandern. Dabei ist das ein Mythos. Drei Viertel sind der Automatisierung zum Opfer gefallen - nicht der Verlagerung von Produktionsstätten.

kress.de: Für Ihre kritischen Fragen an Trump in der gemeinsamen Pressekonferenz mit Merkel haben Sie viel Lob erhalten - auch von den amerikanischen Medien. In Ihrem Buch weisen Sie das Kompliment für Ihren "Mut" nun zurück. Warum?

Ansgar Graw: Ich habe diese Fragen doch nicht in Pjöngjang oder Ankara gestellt. Dort geht man mit kritischen Fragen an den Machthaber ein Risiko ein. Aber in Amerika? Bei aller Kritik an Trump, die USA sind nach wie vor ein Rechtsstaat, in dem die Meinungsfreiheit hochgehalten wird. Insofern waren meine Fragen an den Präsidenten ganz normales journalistisches Handwerk.

kress.de-Tipp: Ansgar Graw, Trump verrückt die Welt, 240 Seiten, Preis: 20,00 Euro, ISBN: 978-3-7766-2807-4.

Ihre Kommentare
Kopf

Fx

28.09.2017
!

Ich muss Herrn Graw weitgehend zustimmen, allerdings war die Berichterstattung über Clinton und Obama mindestens ebenso fragwürdig - wenn auch in anderer Weise. Der hier erwähnte "Mauerbau" ist auch pure Augenwischerei. Diese Mauer wurde als Zaun bereits vor Jahrzehnten gebaut und seitdem von ALLEN Präsidenten ausgebaut und aufgerüstet, teilweise auch schon als Mauer. Was hier als Skandal dargestellt wurde ist de facto Kontinuität. Neu war lediglich, dies als Wahlkampfthema zu nutzen.


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