Ein Essay über Medienmacher: "Die Blase, das sind wir"

28.09.2017
 

Journalisten sind heute eine homogene Berufsgruppe, die über fast identische Lebenserfahrungen und Weltbilder verfügt. Das schadet der Branche und der Demokratie. Was können wir tun? Ein Essay von Christina Gruber.

Lügenpresse, auf die Fresse. Wir Medienmacher sind beleidigt, denn uns wird allerhand unterstellt: Wir unterschlügen Informationen, heißt es aus dem Publikum. Wir seien gesteuert von der Regierung, verbreiteten Unwahrheiten. Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel, und das tut weh. Wir halten dagegen: Moment, wir sind doch diejenigen, die die Kompetenz besitzen, Sachverhalte zu recherchieren, zu hinterfragen, einzuordnen. Wir allein können die Plausibilität von Fakten prüfen. Wir sind doch die Unparteiischen, die objektiv berichten. Sind wir das wirklich?

Unsere Redaktionen sind heute weitgehend homogen besetzt: gutbürgerlicher Hintergrund, Abitur, Auslandsjahr, "Was mit Medien"-Studiengang, Redakteur. Egal, ob "Bild" oder Bento, ob "SZ" oder "ze.tt", ob "WiWo" oder "Welt Online": Ein großer Teil der Journalisten unter 50 verfügt über gleichlautende Biografien, Werdegänge und Lebenserfahrungen, die zu einem nahezu identischen Weltbild führen. Und unsere Freunde sind auch - alles Medienleute. Die abgeschlossene Lebenswelt der Journalisten führt zunehmend zu einer ganz eigenen Wahrnehmung der Realität. Ein klarer Fall von "Blinder Fleck" - während wir die Filterblasen unseres Publikums beklagen, sind wir für unsere eigene Filterblase blind.

Statt Recherche lieber gleich eine Meinung haben

Wir haben immer weniger Zeit für Außentermine oder Recherche. Damit haben wir auch immer weniger persönlichen Kontakt zu anderen Menschen, Weltbildern und Ansichten. Was wird auf Plausibilität abgeklopft und was wird von vornherein als plausibel abgehakt, weil es wunderbar in unser Weltbild passt? Und mit wem in der Redaktion, mit wem in unserem Umfeld wollen wir denn wirklich kontrovers debattieren, wenn alle dieselben Ansichten haben?

Sind wir noch diejenigen, die Sachverhalte recherchieren und dann einordnen? Onlineredakteure wissen genau, dass ein objektiver Bericht, eine klassische nachrichtliche Headline im Netz und vor allem in den Social-Media-Kanälen unterdurchschnittlich klickt. Auf der Jagd nach immer mehr Reichweite funktioniert alles, was polarisiert, eine starke Meinung nach außen schreit. Und so wird die journalistische Dreifaltigkeit Hinterfragen-Recherchieren-Einordnen allzu oft darauf reduziert, gleich eine Meinung zu haben und sich den Rest zu schenken. Dann wirkt es ein wenig wie Heuchelei, erst das Publikum mit möglichst polarisierenden, eindimensionalen Headlines aufzuwiegeln, um sich danach öffentlich über "diese Wut und diesen Hass" bei den Leserkommentaren zu sorgen.

Erziehungsjournalismus mit "Ich"-Botschaft

Sind wir diejenigen, die objektiv berichten? Auf der Re:publica 2017 sollten führende Redakteurinnen junger Onlinemagazine beschreiben, wie sie ihre Zielgruppe an die mitunter sperrigen Politik-Themen des Wahljahrs heranführen werden. Die Antworten klangen streckenweise so, als sei die unparteiische und ausgewogene Berichterstattung dem Erziehungsjournalismus zum Opfer gefallen. Zur Frage, wie denn mit der AfD redaktionell umzugehen sei, wurde zurückgefragt: "Versuchen (sic!) wir jetzt weiter objektiv Bericht zu erstatten?" Um sich dann selbst die Antwort zu geben, man wolle dieser Partei dann doch nicht so viel Raum in der Berichterstattung geben. Das "ich finde", "ich denke", "wir in der Redaktion meinen aber" rangiert offenbar über der Dienstleistung, ausgewogen zu berichten und den Leser seine eigene Meinung bilden zu lassen.

Nach dem Brexit und der Trump-Wahl kam ein kurzer Moment der Selbsterkenntnis - die Leser, die Wähler, leben zum Teil offenbar in irgendeinem anderen, weitgehend unbekannten Universum. Doch bevor irgendwer den Gedanken weiterdenken konnte, hatten wir schon einen besonders schönen Erklär-Ansatz parat: WIR sind die "Elite" - und diese Leser, diese Wähler, die nicht so denken wie wir, das sind die "Abgehängten". Vom Praktikanten bis zum Chefredakteur, alles "Elite", die auf ihrem selbstgebastelten Podestchen um das fehlgeleitete "Volk da unten" bangt. Und in all diesen besorgten Artikeln, die darüber sinnierten, dass die "Politik- und Medien-Elite" den Bürger nicht mehr versteht, schwang auch immer ein Quäntchen selbstzufriedener Überheblichkeit mit.

Wir bleiben auf dem hohen Ross und klatschen sogar Beifall, wenn es dem Community-Management gelingt, besonders schlagfertig und sarkastisch auf ungelenk formulierte Publikumsmeinungen zu reagieren. "Haha", rufen da die Lehrerkinder, die Arztsöhne und Professorentöchter, "seht nur, wie eloquent WIR sind. Seht nur, wie dumm die anderen sind." Auf der Re:publica flackerte zumindest kurz so etwas wie Selbsterkenntnis auf: "Wir kreisen wahnsinnig um uns selbst", reflektierte eine junge Kollegin. "Vielleicht müssen wir davon weggehen, dass wir nur Leute haben, die auf einer Journalistenschule waren."

Wer mit den anderen Akademikern ohne Außenkontakt im Office-Knast mit Kicker sitzt, versteht den Brandenburger Hartzer, den Hamburger Polizisten und die Kassiererin aus Göttingen tatsächlich nicht mehr.

Wege aus der Blase

Wir können die Redaktionen wieder diverser besetzen und öffnen für Quereinsteiger und Bewerber ohne akademische Abschlüsse, aber mit frischen, authentischen Sichtweisen. In dem verzweifelten Wunsch, sich zu verjüngen, haben viele Redaktionen in den vergangenen Jahren versucht, gerade die älteren, angeblich technisch nicht versierten Redaktionsmitglieder loszuwerden. Deren umfassendere Lebenserfahrung fehlt nun auch.

Wir können die Zugänge zu journalistischen Ausbildungen so gestalten, dass auch Arbeiterkinder und Migrantenkinder eine größere Chance haben, das Auswahlverfahren zu bestehen. Wir können lernen, andere Blickwinkel und Biografien zu schätzen, anstatt sie auszugrenzen. Wir können einen regelmäßigen Realitäts-Check in Ausbildungen und Redaktions-Weiterbildungen installieren. Was spricht gegen das Fach "Horizont erweitern" neben Reportage-Übung und Snapchat-Storytelling? Wenn Journalisten-Schulen und Redaktionen regelmäßig Fachleute der Medienbranche zum Gespräch laden, können in der gleichen Regelmäßigkeit auch Polizistinnen und Kassierer, Sanitäter und Rentnerinnen, Türsteher oder Soldatinnen aus ihrer Realität berichten.

Wir können wieder mehr Zeit für Recherche und Themenentwicklung einplanen, gerade in Onlineredaktionen. Dass sich mit den ganzen voneinander abgeschriebenen, auf den jeweiligen Redaktionssprech kuratierten Mittelmaß-Artikeln mit Rechtschreibfehlern kein Blumentopf mehr gewinnen lässt, dürfte sich herumgesprochen haben. Ein eigener Zugang zu einem Thema, Besinnung auf den eigenen Markenkern und eigene, reflektierte Inhalte lassen sich nur herstellen, wenn die Journalisten auch ein Mindestmaß an Zeit haben, sich mit einem Thema zu befassen. Dann wird vielleicht sogar wieder telefoniert, anstatt nur im eigenen Saft zu twittern.

Wir können es den Onlineredaktionen der "Süddeutschen" und der "Zeit" nachmachen. Den Kollegen war bereits aufgefallen, wie wenig miteinander gesprochen wird. Mit dem Democracy Lab fahren die "SZ"-Redakteure durch Deutschland, um gerade in kleineren Ortschaften und Städten mit den Lesern über deren Leben zu reden. "Zeit Online"-Chefredakteur Jochen Wegner schrieb einen ganzen Artikel darüber, wie er sich im Rahmen des "Deutschland spricht"-Projekts seiner Redaktion mit jemandem außerhalb seiner Filterblase traf. Mal einfach mit Leuten reden, die eine andere Meinung haben - früher Journalisten-Alltag, heute innovatives Projekt. Und von diesen Projekten brauchen deutsche Medien noch viel, viel mehr.

Wir können einen Advocatus Diaboli einstellen. Jemanden, der den Mainstream der eigenen Redaktion-Denke hinterfragt und keine Hemmungen hat, immer wieder den ganzen Lehrerkindern, Arztsöhnen und Professorentöchtern Paroli zu bieten.

Und wir können einfach mal das Label "Meinungselite" aus unseren Köpfen streichen und andere Meinungen aushalten. Wir können Dienstleister für unser Publikum sein. Nicht Oberlehrer.

Autorin: Christina Gruber, freie Autorin, Beraterin und Dozentin für Journalismus und Kommunikation 

kress.de-Tipp 1: Der Essay von Christina Gruber ist neben vielen weiteren spannenden Storys, Cases, Rankings und Studien in "kress pro" 6/2017 erschienen. Die Ausgabe gibt es in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

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Ihre Kommentare
Kopf

Marie M.

30.09.2017
!

Danke. Einfach nur danke für diesen Beitrag. Der Journalismus verrät sich und seine Leser/Zuschauer aus finanziellen Gründen seit Jahren selbst. Was ich im Netz auch bei Spiegel, Zeit & Co. lese, ist boulevardeskes, kaum aushaltbares Clickbaiting. Was ich mir wünsche: Weniger Meinung, mehr echter Journalismus mit Haltung. Werten. Sachlichkeit. Objektivität. Reportagen. Gut gemachte, ehrliche Headlines. Keine Marktschreierei. Bitte! Tut echt weh, was aus vielen Qualitätsmedien geworden ist.


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