"BZ"-Chefin Miriam Krekel: "Es wäre schrecklich, wenn wir unsere Leser nicht mehr unterhalten würden"

 

Die "BZ Berlin" feiert Geburtstag. Chefredakteurin Miriam Krekel hat am kress.de-Telefon verraten, warum sie sich wohl fühlt bei Axel Springer, welche Themen die Berliner bewegen und was guten Boulevard 140 Jahre nach Gründung der "BZ Berlin" ausmacht.

kress.de: 140 Jahre BZ - und Sie sind die erste Frau an der Spitze. Fühlen Sie sich eigentlich wohl bei Axel Springer?

Miriam Krekel: Fragen Sie mich das, weil ich eine Frau bin? Ich bin seit 15 Jahren Journalistin bei Axel Springer, mein Lebensgefährte arbeitet für Axel Springer, ich habe gerade mein zweites Kind hier im Kindergarten angemeldet. Axel Springer lässt mir die Freiheit, die Führung der Chefredaktion mit meiner jungen Familie am besten zeitlich zu organisieren, und ich habe ein großartiges Team, ohne das das niemals möglich wäre. Natürlich fühle ich mich hier wohl!

kress.de: Wofür steht die BZ Berlin heute?

Miriam Krekel: Wir machen modernen Boulevard mit Haltung. Zum einen versuchen wir das Hauptstadtgefühl abzubilden. Gleichzeitig nehmen wir eine politische Haltung ein, die möglicherweise liberaler ist, als das, was viele mit Boulevard verbinden.

kress.de: Gibt es denn noch Themen fernab vom Flughafen BER, die die Hauptstadt in Aufruhr bringen?

Miriam Krekel: Es gibt keine Stadt, die so sehr polarisiert wie Berlin. Schauen Sie auf die Mietproblematik, die sogenannte Gentrifizierung in den Kiezen, die soziale Ungerechtigkeit, die viele Menschen empfinden. Aber schauen Sie auch auf die unglaubliche Vielfalt, gerade in der Kultur. In Berlin gibt es wenig, was die Menschen nicht in Aufruhr bringt.

kress.de: Das sind aber auch Themen, die von den überregionalen Medien aufgegriffen werden. Wäre die "BZ Berlin" in einem anderen Haus, das sich mit Regionalmedien Tag für Tag beschäftigt, nicht besser aufgehoben? Alle anderen Zeitungen außer "Bild" und "Welt" hat Axel Springer schließlich schon verkauft.

Miriam Krekel: Ganz im Gegenteil. Wir besetzen diese Themen, weil wir diese Themen für Berlin besser können als andere. Und wir haben eine großartige Zusammenarbeit mit "Bild", die mit ihren 24 Regionalausgaben ja quasi die größte Regionalzeitung Deutschlands ist.

kress.de: In der Vergangenheit haben Chefredakteure wie Georg Gafron, Franz-Josef Wagner, Florian von Heintze oder Walter Mayer vor allem mit klarer Kante polarisiert. Eine positive Story über Linke hätte es in der BZ Berlin nicht gegeben.

Miriam Krekel: Sie vergessen meinen Vorgänger Peter Huth, der als Chefredakteur die "BZ" in den letzten Jahren mit einem modernen Boulevardjournalismus geprägt hat. Diesen Kurs möchte ich fortsetzen und weiterentwickeln. Daher denken wir nicht in diesen Kategorien, sondern konzentrieren uns auf die Mitte, wir fragen uns täglich, was ist unser Thema, was bewegt die Stadt. Insofern ist es natürlich nicht ausgeschlossen, über Linke positiv zu berichten. "BZ"-Redakteure waren schon zu Bismarcks Zeiten streitbar und wurden verhaftet, weil sie sich gegen die Regierung gestellt haben. Das war 1887. Und so wie sich die Stadt in 140 Jahren verändert hat, hat sich auch die BZ geändert. Warum sollten wir also Themen von vornherein ausschließen? So etwas gibt es nicht.

kress.de: Heute erscheint die BZ Berlin aber viel softer. Wollen die Leser keine harten Themen mehr?

Miriam Krekel: Doch, natürlich funktionieren Nachrichtenthemen weiterhin, sie verkaufen auch und sind sehr wichtig. Aber die Zeitung muss heute vielfältiger sein, wir müssen Themen identifizieren und im BZ-Stil weiterdrehen, die Menschen auch unterhalten. Das ist die Aufgabe von Boulevard.

kress.de: Auch in Berlin gibt es einen Bruch, wie wir am Sonntag bei der Bundestagswahl gesehen haben. Warum gibt es scheinbar kein tatsächliches Berlin-Gefühl?

Miriam Krekel: Das stimmt, es gibt nicht das Berlin-Gefühl. Ich glaube, dass es ganz viele Berlin-Gefühle gibt. Daher versuchen wir, die Stadt mit ihren Kiezen möglichst vielfältig abzubilden. Heute Prenzlauer Berg, morgen Hochhaussiedlung, das ist Berlin.

kress.de: Was können Sie als Chefredakteurin dafür machen, damit die Stadt zusammenwächst?

Miriam Krekel: Das ist ja nicht meine Aufgabe als Chefredakteurin. Aber wir können mit der BZ die Menschen erreichen mit dem, was wir schreiben. Ich bin seit zehn Jahren in Berlin, ich finde die Stadt ganz großartig. Es macht Spaß, über Berlin so viel diskutieren zu können. Sonst wäre es eine langweilige Stadt.

kress.de: Und was macht guten Boulevard, für den Sie stehen, heute aus?

Miriam Krekel: Wir müssen Emotionen wecken, Themen auf den Punkt bringen. Polarisieren, Themen setzen, exklusive Geschichten nach vorne bringen. Es wäre schrecklich, wenn wir unsere Leser nicht mehr unterhalten würden. Gerade weil es so viele unterschiedliche Mitbewerber und Kanäle gibt, ist es wichtig, dass unsere Reporter vor Ort sind, die Stadt spüren und hart recherchieren. Das ist heute wichtiger denn je.

Mit Miriam Krekel, Chefredakteurin der "BZ Berlin", sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hintergrund "BZ Berlin"

Die "Berliner Zeitung", Vorläufer der "BZ Berlin", erschien erstmals am 1. Oktober 1877. Laut IVW verkauft die "BZ Berlin" von Montag bis Samstag 99.975 Exemplare (Quartal 2/2017), die "BZ am Sonntag" hat eine verkaufte Auflage von 43.866 Exemplaren. Bekannt ist die "BZ Berlin" auch für ihren Kulturpreis, den "Berliner Bären", den sie seit 1991 verleiht. Chefredakteurin ist Miriam Krekel, Vorsitzender der Chefredaktionen Julian Reichelt. Stellvertretende Chefredakteure sind Oliver Stüber und Jorin Verges. Blattmacher sind Alex Grömminger, Kim Horn und Stefan Kost. Die "BZ am Sonntag" verantwortet Inga Grömminger, Chefkolumnist ist Gunnar Schupelius, der Chefredaktion gehören außerdem an Torsten Hasse, Axel Lier, Claudia Lux (Textchefin) und Andra Fischer (für "BZ am Sonntag"). Die "BZ Berlin" erscheint in der BZ Ullstein GmbH. Geschäftsführer sind Donata Hopfen und Frank Mahlberg, Verlagsleiter ist Andreas Conradt.

Kress.de-Tipp: Hier gibt es alle Fakten zu 140 Jahre "BZ Berlin".

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