Roland Schatz über "zu viel Aufmerksamkeit der AfD in den Medien": "Sichtbarkeit entscheidet über Erfolg an der Wahlurne"

 

Während sich ARD und ZDF aktuell über eine eigene Umfrage eine ausgewogene Vorwahl-Berichterstattung bestätigen lassen, sieht Roland Schatz, Gründer und CEO des Forschungsinstituts MediaTenor, das ganz anders. Laut seinen Untersuchungen haben vor allem die AfD und die FDP durch "zu viel Aufmerksamkeit in den Medien" an der Wahlurne profitiert. "Die Medienpräsenz half, Zielgruppen zu mobilisieren", so Schatz.

Unterm Strich attestiert MediaTenor den deutschen Medien eine wichtige Agenda-Setting-Funktion - und eine besondere Verantwortung, der offenbar nicht alle Journalisten gleichermaßen nachkamen. "Kein Medium kann den Gesetzen der Quantenphysik entkommen", so Schatz. "Seit John Wheeler wissen wir, dass sich Gegenstände durch Betrachtung verändern." 

Anders als viele Medien behaupten, dass sie nämlich angeblich keinen Einfluss auf die Agenda der Wähler gehabt hätten, hat sich laut Roland Schatz gezeigt, "dass die schiere Sichtbarkeit von Kandidaten und Parteien über den Erfolg an der Wahlurne entscheidet". Tatsächlich habe die Medienberichterstattung im Vorfeld der Bundestagswahl vor allem die AfD begünstigt, auch wenn sie oft weniger mit konkreten Inhalten als mit Personalthemen und dem zerrissenen Innenleben der Partei zum Thema wurde. "Im Unterschied zur FDP, die ebenfalls außerparlamentarisch agiert, und zur Linken, im Parlament sitzt, bekam die AfD zeitweise mehr als doppelt so viel Medien-Aufmerksamkeit", blickt MediaTenor zurück.

Bezogen auf die Berichterstattung in den großen Fernseh-Nachrichten "Tagesschau", "Tagesthemen" sowie "heute" und "heute-journal" kommt die Untersuchung zu dem Ergebnis: "Für die ARD- und ZDF-Nachrichten war die AfD schon vor der Wahl viertstärkste Partei", so die Analyse. "Ohne Regierungsverantwortung erhielt die Protest-Partei die gewünschte Plattform."

Besonders stark macht sich das bei der Personalisierung bemerkbar: So bekam die AfD-Vorsitzende Frauke Petry in den ZDF-Nachrichtenformaten mehr Sichtbarkeit als weitere prominente Politiker-Kollegen - auch wenn Berichte über sie hauptsächlich negativ eingefärbt waren. Laut MediaTenor war die Sichtbarkeit von Petry bei "heute" und im "heute-journal" höher als jene des SPD-Fraktionsvorsitzenden Thomas Oppermann. Spitzenkandidat Alexander Gauland von der AfD kam bei "Tagesschau" und "Tagesthemen" in etwa auf die gleiche Sichtbarkeit wie der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet.

Laut MediaTenor zeigte sich zudem eine starke Einsichtigkeit in der Perspektive, die die Medien auf die AfD gerichtet hatten. "Lässt man die parteipolitischen Themen und Wahlen außen vor, dann sind es vor allem die Themen Flüchtlinge/Zuwanderung, Innere Sicherheit und Verfassung, mit denen die AfD wahrgenommen wurde." Die möglichen Antworten der Protestpartei zu anderen Inhalten wie Rente, Bildung und Steuern schafften es nicht in die mediale Agenda.

Ein ernüchterndes Fazit der Untersuchung im Rückblick: "Keine Partei wird so intensiv wie die AfD mit ihrem Innenleben und ihren Personen in den Medienwahrgenommen", heißt es bei MediaTenor. "Darüber bleiben Sachfragen - selbst im Wahljahr 2017 - im Hintergrund." Ausnahme: In der untersuchten Print-Landschaft nahm sich zumindest die "FAS" deutlich intensiver auch den Sachthemen der AfD an, als dies die Mitbewerber taten. 

Hintergrund: Für die aktuelle Untersuchung "Medien wirken - nicht nur bei 'Ein Herz für Tiere', sondern auch im Wahlkampf" hat MediaTenor International alle 90.923 Berichte über Parteien und Politiker in 18 deutschen Meinungsführer-Medien zwischen dem 1. Januar 2015 und dem 20. September 2017 ausgewertet. Im Fokus standen dabei unter anderem "Bild", "BamS", die "FAZ Sonntagszeitung", "Spiegel", "Focus, "Welt am Sonntag", aber auch die ARD-"Tagesschau", die ARD-"Tagesthemen", "ZDF heute", das "heute-journal", die Politikmagazine der Öffentlich-Rechtlichen wie "Fakt", "Frontal 21", "Monitor" oder "Panorama" und der Deutschlandfunk.

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Ihre Kommentare
Kopf
H.Georg Eiker

H.Georg Eiker

Eiker - Coaching & Strategische Politikberatung - Medientraining
Inhaber

02.10.2017
!

Geehrter Herr Schatz,
Zitat:..."dann sind es vor allem die Themen Flüchtlinge/Zuwanderung, Innere Sicherheit und Verfassung, mit denen die AfD wahrgenommen wurde."...JA,und das hat seinen Grund. Und der liegt nicht in der "Medienlandschaft."
Den finden sozial-&politikwissenschaftlich Interessierte bei A. MASLOW & der MASLOW-PYRAMIDE ! Damit erspart man sich "Kaffeesatzleserei & unterkomplexes Talkshow-Geschwafel über "Ost-West-Ursachen & "Falschwahrnehmungen" der Wähler.
MfG H. Georg Eiker


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