Eine Wahl und die Medien, der Osten und die AfD

 

JOURNALISMUS! Der ostdeutsche Mann hat die AfD stark gemacht: Diese Erkenntnis der Wahlforscher hat Paul-Josef Raue wenig überrascht, auch nicht das Kopfschütteln westdeutscher Journalisten über den Osten. Haben dort Politik und Medien versagt? Oder versteht der Westen immer noch nicht, was in den Nach-Einheits-Jahren passiert ist? In seiner Kolumne erinnert Raue an ein Interview vor vier Jahren, das schon erklärte, was zurzeit geschieht.

Die Geschichte ist so alt wie die Menschheit, sie wiederholt sich immer wieder: Nach einer verlorenen Schlacht wird der Bote hingerichtet, der die Niederlage meldet. Heute sind die Medien der Bote. Nach der Bundestagswahl erleben wir das uralte Spiel: Die Verlierer grummeln, die Medien seien schuld.

Die "Hochschule für Politik" in München fand heraus, was keinen überrascht: Je mehr die AfD online bei  Google und der "Zeit" auftauchte, umso mehr Bürger wollten sie wählen. Was nun Ursache ist und was nur Wirkung, konnten die Forscher nicht entdecken; allein der zeitliche Zusammenhang sei schon auffällig.

In einer anderen Umfrage, von den Öffentlich-Rechtlichen in Auftrag gegeben, kam heraus: Nur 19 Prozent glauben, ARD und ZDF hätten eher einseitig berichtet. Darunter müssen die 12,6 Prozent AfD-Wähler gewesen sein, das sind knapp sechs Millionen. Die Rundfunkräte dürften befriedet sein.

Im Osten wählten die Bürger, vor allem die männlichen, noch stärker den Protest. Wenn Journalisten im Westen daraus folgern, der Osten sei verloren, ist das ebenso unrealistisch wie die Hoffnung, es gebe nur noch graduelle Unterschiede zwischen West und Ost. Wer die Entwicklung in der Nach-DDR beobachtet hat, den überrascht kaum der Wahlausgang im Osten: Er war absehbar.

Ich blättere noch einmal in einem großen Interview,  das ich vor vier Jahren mit Hans Hoffmeister geführt habe: Er ist ein Journalist, der als einer der ersten Westdeutschen in den Osten kam und als Chefredakteur über zwei Jahrzehnte in Thüringen blieb. Wer die Menschen in Torgau, Rathenow und Bitterfeld verstehen will, muss sich die Jahrzehnte nach der Revolution anschauen.

Die Wut im Osten gründet in der Revolution vom Herbst 1989.  Die Slogans damals waren ähnlich denen heute von Pegida und AfD. "Schreibt die Wahrheit!", forderten die Revolutionäre 1989, sie hätten die SED-Zeitungen auch als "Lügenpresse" beschimpfen können. Was ist zwischen der Revolution und Pegida passiert?

Hans Hoffmeister erinnert sich daran, wie er in den Osten kam: "Ich wurde mit Werdegängen von Menschen konfrontiert, deren Tapferkeit ich nur bewundern kann. So mancher Wessi hätte das nicht fertiggebracht - aus der Gartenzwergidylle, wo sie immer noch hocken und auf ihre Zwerge gucken. Dabei habe ich nichts gegen Gartenzwerge, ein schönes Thüringer Produkt."

Mit der "Gartenzwerg-Idylle" meint er die Arroganz vieler Westdeutscher, die aus ostdeutscher Sicht nicht schwächer geworden ist - und die einer der Gründe ist, warum sich so viele in Dresden und Erfurt von Politik und Politikern abwenden, die westdeutsch dominiert ist.

"Ist es immer noch so schmutzig bei euch in Ostdeutschland?", fragten Hoffmeisters Bekannte in Ostwestfalen, wenn er in den neunziger Jahren zu Besuch kam. Heute wird "so schmutzig" in "so braun" abgewandelt. "Diese Ignoranz, Verachtung, können wir hier im Osten nicht vertragen. Das macht uns rasend", sagte Hoffmeister - und diese Ignoranz und Verachtung führt zu Ergebnissen wie bei der Bundestagswahl. Es fehlt der Respekt vor dem Leben und der Geschichte der anderen.

Viele im Osten verstehen nicht, warum in westdeutschen Medien die AfD für ihren Nationalismus so diffamiert wird. Wie sprachen CDU-Politiker nach der Einheit? Hoffmeister erinnert sich an den Thüringer Ministerpräsident Bernhard Vogel und eine Rede: "Rechts von uns gibt es nichts. Im Wahlkampf sagte er auf dem Marktplatz in Suhl: 'Man wird ja noch stolz auf Deutschland sein dürfen!' Und dann reckten sie die Arme und schrien alle: Ja, Ja! Vogel fügte noch hinzu: Gott schütze unser deutsches Vaterland! Und die Leute schrien: Ja, Vaterland!"

Als Vogel so sprach, war Alexander Gauland noch hochrangiges Mitglied der CDU. Heute sagt er, er habe sich der AfD angeschlossen, weil die CDU diesen Vaterlands-Kurs verlassen habe.

Der Nationalismus vieler Ostdeutscher ist die Basis für Gauland und die AfD geworden, aber für viele Westdeutsche auch ein Indiz, dass die Menschen "drüben" immer noch nicht die Demokratie verstanden haben. Doch widersprach der ehemalige Chefredakteur aus Weimar schon vor Jahren: "Sie sind im Kern in der Demokratie angekommen, auch wenn manche Diskussion für Ostdeutsche sehr mühsam nachzuvollziehen ist. Diese ständigen Polit-Streitereien, immer hin und her, das ist anstrengend für sie. Das kann man als Journalist auch nicht ändern, auch nicht simplifizieren. Dieser von mir gern 'Meinungskampf' genannte Prozess muss stattfinden." Doch endgültig vorbei sei die Zeit der Runden Tische. "Diese Vertrauens-Seligkeit, dieses 'Wir sind ja alle eins' können keine Instrumente der Demokratie sein."

Nach einem Anschlag auf die Erfurter Synagoge, im Jahr 2000 an Hitlers Geburtstag, hatte Ministerpräsident Vogel den "Thüringen Monitor" in Auftrag gegeben, eine regelmäßige Repräsentativ-Befragung der Thüringer Bürger: Wie steht's mit der Demokratie? "Da ist es an manchen Stellen in Thüringen reichlich dunkel", stellte Hoffmeister fest, "es wird auch nicht heller, es stagniert." So ist es immer noch.

Hoffmeister: "Gerade das Fehlen eines gesellschaftlichen Engagements stellt der Thüringen-Monitor fest. Eigentlich hätte Ministerpräsident Vogel dieses Engagement, das er aus dem Westen kannte, reichlich fördern müssen - und die Zeitungen selbstverständlich auch. Dazu war Vogel zu prätentiös." So bekam Bernhard Vogel, der elf Jahre Ministerpräsident war, auch nicht mit, wie sich die Milieus wandelten: Die ehemaligen DDR-Bürger wollten nicht nur eine "Ansage" bekommen, wie zu SED-Zeiten, sondern forderten "ihre eigene Mitverantwortung".

So stagnierte nach Hoffmeisters Einschätzung die demokratische Entwicklung im Osten. "Daran sind auch die Zeitungen nicht unschuldig", meinte er selbstkritisch, "auch vielleicht grad unsere etwas agitatorisch-missionarisch betriebene Zeitung", die "Thüringische Landeszeitung". Die politische Bildung hätte Fahrt aufnehmen müssen, aber stattdessen herrschte Stillstand. Und dieser Stillstand erklärt vieles von dem, was Journalisten und Politiker im Westen irritiert und erregt.

Quellen

  • Hochschule für Politik: "Süddeutsche Zeitung", 30.9.17, Medienseite

  • Das Raue-Buch "Hans Hoffmeister - Harmonie ist mir suspekt"

Der Autor

Paul-Josef Raue gründete im Januar 1990 in Eisenach die erste deutsch-deutsche Zeitung. Er war Chefredakteur der "Volksstimme" in Magdeburg und der "Thüringer Allgemeine" in Erfurt.  2015 veröffentliche der Klartext-Verlag sein Buch "Die unvollendete Revolution. Ost und West - Die Geschichte einer schwierigen Beziehung". Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, auch in Braunschweig, Frankfurt/Main und Marburg. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er schreibt Kolumnen in verschiedenen Regionalzeitungen, berät Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und unterrichtet an Hochschulen.

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