Die neue Funke-Verlegerin Julia Becker: "Es ärgert mich, wenn eine Geschichte nachweislich an den Haaren herbeigezogen ist"

04.10.2017
 

So nah haben sie die Presse noch nie an sich herangelassen: Funke-Verlegerin Petra Grotkamp und ihre Nachfolgerin Julia Becker sagen im Interview, was beide an ihren Yellow-Blättern stört und wie es mit der Digitalisierung der Funke-Titel steht.

Im Gespräch mit "kress pro", dem Magazin für Führungskräfte bei Medien, verraten Petra Grotkamp und Julia Becker auch, wie sie die Menschen sehen, die bei dem Groß-Verlag angestellt sind.

"kress pro": Welche Rolle spielen die Mitarbeiter für die Philosophie in einem so großen Familienunternehmen genau?

Julia Becker: Meine Idealvorstellung lautet, dass wir ein Unternehmen gestalten, in dem sich alle Mitarbeiter als große Familie fühlen. Daraus, gemeinsam für eine Sache einzustehen, erwächst eine unglaubliche Motivation und Inspiration. Sie müssen Menschen um sich herum haben, die mit Leidenschaft bei der Sache sind und jeden Tag den Antrieb daraus schöpfen, dass sie überzeugt sind von dem, was sie machen.

"kress pro": Was bedeutet das für Ihr Medienhaus, Frau Grotkamp?

Petra Grotkamp: Wir setzen gerade einen Werteprozess auf, um noch mehr Bewusstsein dafür zu schaffen. Die Werte, an denen wir uns orientieren, sind: unternehmerisches Denken und Handeln, professionelle Spitzenleistung sowie loyales und gemeinsames Handeln. Ich mache das mal am Beispiel der Redakteure deutlich: Hier ist es wahnsinnig wichtig, dass jeder Redakteur es als seine Aufgabe und Pflicht empfindet, so gründlich wie möglich zu recherchieren, unabhängig zu bleiben und sich darauf zu besinnen, um was es geht: nämlich die Leser zu informieren, und zwar nach bestem Wissen und Gewissen, Dinge aufzudecken, auch wenn es manchmal unangenehm ist, und sich dennoch davon nicht abbringen zu lassen. Ich hingegen sehe es parallel als meine Aufgabe an, den Redakteuren ein Arbeiten frei von Repressalien und wirtschaftlichem Druck zu ermöglichen.

"kress pro": Frau Grotkamp, "Digitale Transformation" ist wahrscheinlich das Medienwort des Jahres. Wie digital sind Sie?

Petra Grotkamp: Ich bin digital sehr interessiert. Natürlich lese ich die Zeitung morgens noch immer in haptischer Form. Das Gefühl des Zeitungspapiers zwischen den Fingern, die Spannung, die steigt, wenn man die nächste Seite aufschlägt und sich fragt, welche Geschichten dort wohl für einen stehen, darauf kann und mag ich einfach nicht verzichten. Aber mich interessiert auch, welche neuen Medien heute genutzt werden, und natürlich lese auch ich, wenn ich unterwegs bin, meine Zeitung gerne digital. Unser Ziel ist es heute: Print mit Online zu verbinden und das praktiziere ich auch privat.

"kress pro": Was ist mit der Digitalisierung der FunkeTitel? Bei Ihnen steht ja nach wie vor Print im Vordergrund. Verlegerin Friede Springer hat sich für einen anderen Weg entschieden. Sie setzt fast komplett auf das Digitale und vertraut da ihrem Vorstands-Chef Mathias Döpfner. Verhält sie sich strategisch nicht völlig konträr zu Ihnen?

Petra Grotkamp: Sie haben recht: Ich setze nach wie vor auf Print. Ich habe immer viel Wert darauf gelegt, Print zu erhalten, und das hat sich bis heute nicht geändert - gerade auch, weil ich sehr geprägt bin durch meinen Vater Jakob Funke, der die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", die "WAZ", mit gegründet hat. Ich bin durchaus am Digitalen interessiert, aber ich lege auch großen Wert darauf, dass ich noch täglich die gedruckte Zeitung in der Hand habe, ob nun unsere "WAZ", die "NRZ" oder eine andere Zeitung. Die Verbindung von Digital und Print, das ist mein, das ist der Weg der Funke Mediengruppe.

"kress pro": Hat Print denn noch eine Zukunft?

Petra Grotkamp: Ja, davon bin ich überzeugt. Print wird sich neben Digital halten.

"kress pro": Haben Sie denn gar kein Problem mit den Inhalten?

Julia Becker: Ich liebe die Vielfalt der Frauenzeitschriften - übrigens auch bei anderen Verlagen. Auch wenn ich mit der Yellow-Berichterstattung in unserem Hause manchmal nicht ganz einverstanden bin. Mich ärgert es, wenn eine Geschichte nachweislich an den Haaren herbeigezogen ist. Dass Yellow Unterhaltung ist und immer auch etwas Spekulatives dazu gehört, ist selbstverständlich. Die Informationen dürfen nur nicht aus der Luft gegriffen sein, sondern müssen auf gründlicher Recherche beruhen ...

"kress pro": Gutes Stichwort. Kürzlich wurde bekannt, dass die schwedische Kronprinzessin ein Kind erwartet.

Julia Becker: Hätten Sie die Funke-Titel gelesen, hätten Sie das schon vor 14 Monaten gewusst. So sind wir manchmal. Im Ernst: Das ist ein Fall, der zu einer Berichterstattung gehört, mit der wir absolut nicht einverstanden sind. Da ist eine Grenze überschritten.

"kress pro": Was machen Sie dagegen?

Petra Grotkamp: Gegen Dinge, die unter die Gürtellinie gehen, verwahren wir uns und haben zuletzt auch Schritte dagegen unternommen. Es wurde mit Erfolg gegen uns prozessiert und die Summen sind nicht unerheblich, die wir zahlen mussten.

Julia Becker: Wichtig sind zunächst zwei Dinge: Erstens nehmen wir so etwas wahr, weil wir die Titel tatsächlich lesen. Zweitens haben wir ein Bewusstsein für diese Titel, die vom Inhalt und Auflagenverlust her einer besonderen Herausforderung gegenüberstehen. Schon die Diskussion darüber ist der erste Schritt, um das zu ändern. Der zweite ist eine klare Positionierung, was in diesem Segment tragbar ist und was nicht.

"kress pro": Boulevard- und Yellow-Blätter schaffen sich teilweise eine eigene Realität, indem sie selbst Leute zu Promis aufbauen. Stichwort: Big Brother. Wie sehen Sie das?

Julia Becker: Dafür gibt es ein einfaches Argument: Die Leute wollen das lesen. Und das finde ich an Zeitschriften übrigens das Faszinierendste. Warum kauft Lieschen Müller genau diese Zeitschrift? Das ist kein Spontankauf. Sie entscheidet sich bewusst dafür, sie will diese unterhaltenden, auch spekulativen Geschichten lesen und sie gibt dafür bares Geld aus. Und das wird auch so bleiben. Im Digitalbereich wird die "Aktuelle" nie so funktionieren wie das Printprodukt. Und das ist eine sehr beruhigende Erkenntnis.

kress.de-Tipp: Das Interview, das kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük geführt hat, ist ein Auszug aus der Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe von "kress pro" (7/2017). Darin sagen Funke-Verlegerin Petra Grotkamp und ihre Nachfolgerin Julia Becker auch, was sie antreibt und welche Strategie sie für die Zukunft verfolgen. Und sie verraten, warum Petra Grotkamp schlaflose Nächte beim Kauf der Brost-Anteile hatte und warum Funke bald drei Geschäftsführer haben könnte. Die Ausgabe gibt es in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

Zur Person: Petra Grotkamp ist die jüngste von vier Töchtern von Jakob Funke, der gemeinsam mit Erich Brost die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" gegründet hat. Die "WAZ" ist die Keimzelle der heutigen Funke Mediengruppe. Petra Grotkamp ist in zweiter Ehe verheiratet mit Günther Grotkamp, dem langjährigen Geschäftsführer und Architekten der früheren "WAZ-Gruppe". Sie hat drei Kinder.

Julia Becker ist das zweitälteste Kind von Petra Grotkamp. Sie ist dreifache Mutter und verheiratet mit Otto Becker, Bundestrainer der Springreiter, und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Münster. Ab dem 1. Januar 2018 übernimmt sie den Vorsitz des Aufsichtsrats der Funke Mediengruppe.

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