"FAS"-Wirtschafts-Chef Rainer Hank: "Jedes journalistische Handwerkszeug über Bord geworfen"

 

Macht hat keinen guten Ruf. Rainer Hank, Leiter der Wirtschafts- und Finanzredaktion der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", möchte das ändern. Sein soeben erschienenes Buch heißt "Lob der Macht". kress.de hat mit dem Ludwig-Erhard-Preis-Träger über die Leugnung von Macht, Ohnmacht und die Macht der Medien gesprochen. Diese ist ihm zu verstärkend und zu wenig korrigierend.

kress.de: Ihnen geht es um die Rehabilitierung der Macht. Wer hat sie denn diskreditiert?

Rainer Hank: Etwas gestelzt könnte man sagen: Der öffentliche Diskurs. Weniger gestelzt muss ich antworten, die Moralisierung der öffentlichen Unterhaltung hat die Macht diskreditiert. Um es zugespitzt zu formulieren: Die Diskreditierung der Macht ist ein rhetorischer Triumph des Gutmenschentums.

kress.de: Wie meinen Sie das?

Rainer Hank: Schauen Sie sich die Wirtschaftsführer an. Joe Kaeser, der Siemens-Chef, spricht zum Beispiel inzwischen mehr vom Gemeinwohl als von Umsätzen, Gewinnen und Macht. So machen es viele CEOs. Und das Silicon Valley gibt sich als Welterlöser. Niemand sagt, worum es ihm tatsächlich geht.

kress.de: Und wie ist es in der Politik?

Rainer Hank: Genauso. Im Wahlkampf redete Angela Merkel vom "gut und gerne leben", nicht aber von der Macht. Sie ignoriert dieses Thema nicht einmal, sie übergeht es. Macht ist eine Nicht-Kategorie geworden, erst recht wenn die Basis der Macht, wie am 24. September, für die Union empfindlich geschrumpft ist.

kress.de: Selbstüberschätzung sei wichtig auf dem Weg zur Macht, schreiben Sie. Diskreditieren Sie Macht damit nicht selbst?

Rainer Hank: Ganz im Gegenteil. Ich möchte auch die Selbstüberschätzung rehabilitieren. Ich versuche sie nicht negativ, sondern neutral zu betrachten. Dazu gibt es übrigens interessante empirische psychologische Studien. So sagen 83 Prozent der amerikanischen Autofahrer, sie führen besser als der Durchschnitt. Dass das nicht stimmen kann, ist augenfällig.

kress.de: Aber warum wollen Sie das rehabilitieren?

Rainer Hank: Weil es der Ansporn des Lebens ist. Wenn diejenigen, die die Macht ergreifen wollen, skrupulöse, realistische Menschen wären, dann würden sie aufgeben. Erst die Selbstüberschätzung bringt sie zur Macht. Nehmen Sie Christian Lindner. Seine Partei, die FDP, ist vor vier Jahren desaströs gescheitert. Sein Ziel, das Ergebnis von damals zu verdoppeln, erschien den meisten weltfremd. Seine Selbstüberschätzung, das dennoch zu schaffen, hat wiederum in seinem Umfeld einen Feedback-Effekt ausgelöst. Und der führte dann zur "Self-fullfilling Prophecy".

kress.de: Als ein Paradebeispiel für Selbstüberschätzung führen Sie in Ihrem Buch Martin Schulz an. Gerade aber sein Weg zur Macht ist ja krachend gescheitert. Oder lag das an seiner Machtanmaßung?

Rainer Hank: Das Phänomen des Aufstiegs und Absturzes von Martin Schulz haben wir alle noch nicht wirklich verstanden.

kress.de: Aber hat er mit seinem Machtanspruch nicht übertrieben?

Rainer Hank: Am Anfang hat er eigentlich alles richtig gemacht. Und dann hat er, da haben Sie Recht, einen Tick zu dick aufgetragen. Er war so begeistert von dem Hype, den 100 Prozent bei der Wahl zum SPD-Vorsitzenden und vor allem von sich selbst, dass er es übertrieben hat. Dabei stimmte bei ihm alles: Er hatte diese Selbstüberschätzung ("ich kann Kanzler"), er zeigte Empathie und hatte eine Story. Die zweite Chance nach seiner Alkoholsucht, seine Herkunft aus kleinen Verhältnissen. Besser ging es eigentlich nicht.

kress.de: Und dann?

Rainer Hank: Und dann kam das, was ich in meinem Buch beschreibe, nämlich dass die Mächtigen die absolute Fülle der Macht am Tag ihrer Amtseinführung erleben. Dann liegen ihnen alle zu Füßen. Dummerweise hat Martin Schulz den SPD-Krönungsparteitag mit der Bundestagswahl verwechselt. Es folgte ein Machtanspruch, der auf viele unangenehm wirkte, und danach zeigte er im sogenannten "Duell" mit Merkel sogar eine Beißhemmung und Unterwerfung. Er hat dann wirklich alles falsch gemacht, den Machtkampf aufgegeben oder es eben doch nicht gekonnt.

kress.de: Die Empathie haben Sie eben schon angesprochen. In Ihrem Buch schreiben Sie, die sei auf dem Weg zur Macht genauso wichtig wie Selbstüberschätzung. Handelt es sich bei den Mächtigen also um besonders empathische Menschen?

Rainer Hank: Ja.

kress.de: Meinen Sie das ironisch? Ist das nicht gespielte Empathie?

Rainer Hank: Was heißt denn gespielte? Sie unterliegen einer Fehldeutung der Empathie. Empathie wird auf falsche Weise moralisiert. Emphatische Menschen gelten per se als gute Menschen. Aber Empathie ist ein Mittel für Egoismus. Denn Macht wird nicht ergriffen, sondern verliehen. Daher muss man denjenigen, die einen wählen sollen, das Gefühl geben, dass man ihnen nutzt. Als Machtmensch müssen Sie sich in andere einfühlen können und ein guter Beobachter ihrer Umwelt sein. Wer die Empathie verliert, steht in der Gefahr, auch seine Macht zu verlieren.

kress.de: Zustimmend zitieren Sie Max Weber mit den Worten, "Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen". Könnten wir so nicht auch Rücksichtslosigkeit definieren?

Rainer Hank: Ja, könnten wir. Ein Schuss Rücksichtslosigkeit gehört zur Macht dazu. Er steckt im Begriff des Willens zur Macht und auch in der Selbstüberschätzung. Aber: Wenn wir sagen, dass Macht nicht ergriffen, sondern nur verliehen werden kann und wenn stimmt, was wir eben über Empathie besprochen haben, dann ist Rücksichtnahme geboten. Max Weber macht das mit dem Wort von der "sozialen Beziehung" deutlich. Wenn ich mein soziales Umfeld rücksichtslos behandele, lässt es mich das spüren. Und daher kommen Rücksichtslose nicht an die Macht.

kress.de: Ein anderes Thema, aber als Journalist stellt sich Ihnen sicherlich auch die Frage nach der Macht der Medien. Welche haben sie?

Rainer Hank: Es gibt zwei Typen von Medienmacht; zum einen die verstärkende, wenn es um Deutungen geht, und dann die korrigierende. Ich will jetzt nicht der nächste sein, der Medienschelte betreibt, aber leider kristallisiert sich die verstärkende Macht als die dominante heraus. Nicht nur den Schulz-Hype, auch das Gerede von der "geteilten Republik" haben die Medien verstärkt. Mit dieser verstärkenden Macht geht eine deutende Überbietung einher.

kress.de: Was heißt das konkret?

Rainer Hank: Das haben wir konkret im Fall Christian Wulf gesehen. Besser wäre hier ein Wettbewerb der Deutungen gewesen. Stattdessen erleben wir, von Ausnahmen abgesehen, nur gleichlautende Deutungen. Und das ist nicht unproblematisch. Denn kritische Stimmen werden überhört. Gerade in der Flüchtlingskrise haben viele Medien jedes journalistische Handwerkszeug über Bord geworfen. Hanns Joachim Friedrichs' Satz, sich nicht mit einer Sache gemein zu machen, auch mit keiner guten, gilt plötzlich nicht mehr. Stattdessen wird moralisiert. Und Moralisierung ist immer problematisch.

kress.de: Zurück zur Macht: Wird sie zu oft mit Machtmissbrauch verwechselt?

Rainer Hank: Ja, so ist es. Schon Jacob Burckhardt bezeichnete Macht als per se böse, und der britische Liberale Lord Acton sagte: "Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut." Während der zweite Satz natürlich richtig ist, ist der erste falsch. Macht korrumpiert nicht, sondern entwickelt eine produktive Kraft für die Gesellschaft.

kress.de: Machanspruch gelte als "unfein, ungehörig, ja gefährlich" schreiben Sie; die Macht selbst sei "extrem anrüchig", weil sie sich "außerhalb von Moral und Recht stellt". Wenn das alles so ist: Warum loben Sie dann die Macht?

Rainer Hank: Weil sie die Triebfeder menschlicher Zivilisation ist. Es geht darum, besser als der andere zu sein. Dazu gehört auch der Neid, dem anderen die Macht nicht zu überlassen. Die Macht ist einem stetigen Wettbewerb unterworfen, weil sie immer jemand haben möchte. Und das bringt uns voran. Macht ist der Produzent von Ungleichheit. Es geht immer um Herr und Knecht oder wie man so schön sagt, um Koch und Kellner. Irgendwann aber eröffnet der Kellner ein eigenes Restaurant, kocht sogar besser, und dann hat er den alten Koch abgelöst. Dieses Prinzip führt uns runter von den Bäumen in die Städte des 21. Jahrhunderts. Ich lobe die Macht, weil der Wettkampf um sie zivilisatorischen Fortschritt bringt.

kress.de: Sie haben sich auch der Ohnmacht gewidmet und diese als Instrument zur Machtergreifung identifiziert. Haben Sie ein Beispiel dafür?

Rainer Hank: Griechenland bietet dafür wirklich gutes Anschauungsmaterial. Das Land hat über seine Verhältnisse gelebt, sich mit falschen Zahlen in die Euro-Zone gemogelt, sich in der Krise aber als hilfsbedürftig inszeniert: "Wir sind ein ganz armes Land in Südeuropa". Es hat nichts dazu beigetragen, wieder auf die eigenen Beine zu kommen.  Sie fanden es klüger, sich von den Euro-Ländern rauspauken zu lassen mit Hilfsmaßnahmen und Krediten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Griechenland hat die Macht der Ohnmacht perfekt inszeniert und genutzt. Auf den Rest hat die Droh- und Erpressungsgeste gewirkt. Das ist wahre Macht.

kress.de-Tipp: Rainer Hank, Lob der Macht, 272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Preis: 20,00 Euro, ISBN: 978-3-608-96179-9

Ihre Kommentare
Kopf

ask

09.10.2017
!

"Mächtige" als besonders empathisch zu bezeichnen, halte ich für gewagt. Emphatisch wäre wohl zutreffender. Der gemeine Lemming hat es in aller Regel mit narzisstischen Persönlichkeitsstrukturen zu tun, die feinfühlig wahrnehmen, wie sie bei anderen ankommen und ihr Repertoire zielführend ausspielen. Das ist eine Form der – manipulativen – Empathie, die allein dem "Mächtigen" selbst dient.


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Inhalt konnte nicht geladen werden.