FIPP-Chairman Erwin Fidelis Reisch: "Zeitschriften aus Deutschland haben immer noch einen riesigen Vertrauensvorschuss bei ihren Lesern"

 

Seit 2016 führt der Verleger des Stuttgarter Alfons W.Gentner Verlag, Erwin Fidelis Reisch, den Weltverband der Zeitschriftenverleger FIPP. Im kress.de-Gespräch sagt Erwin Fidelis Reisch vor dem FIPP-Weltkongress in London: "Ich kenne keinen bedeutenden Zeitschriftenmarkt weltweit, der derzeit besser als unser Zeitschriftenmarkt in Deutschland läuft." Was er Verlegern bei der Nachfolger-Suche empfiehlt.

kress.de: Herr Reisch, Sie haben im vergangenen Jahr für viele überraschend den Vorsitz des Zeitschriften-Weltverbandes FIPP übernommen. Hatten Sie zu viel Langeweile in Ihrem Verlag in Stuttgart?

Erwin Fidelis Reisch: Keineswegs. Aber nach dem überraschenden Ausscheiden meines Vorgängers Duncan Edwards bei Hearst und damit auch als FIPP-Chairman hat man im FIPP Board in die Runde geschaut - und ist eben an mir hängen geblieben. Fand ich prima, dass bei FIPP auch ein mittelständischer Fachzeitschriftenverleger an die Nr.1-Position kommen kann.

kress.de: Wie ändert sich der Blick auf den eigenen Verband, wenn man an der Spitze steht?

Erwin Fidelis Reisch: Als FIPP-Schatzmeister seit 2005 hatte ich vor allem das nicht ganz unkomplizierte Zahlenwerk und die FIPP-Organisation im Fokus. Als FIPP Chairman kommt die politische Dimension hinzu. Und das in Zeiten zunehmender Repression und Angriffe gegen eine freie Presse. Spannend, aber oft auch frustrierend.

kress.de: Viele Verleger klagen immer, dass ihnen neben Verlag und Familie keine Zeit für ehrenamtliches Engagement bleibt. Wie haben Sie es geschafft, alle Termine unter einen Hut zu bringen?

Erwin Fidelis Reisch: Das frage ich mich im Rückblick auch desöfteren. Aber mit einem starken Team im Verlag und der Rückendeckung durch die Familie geht das. Als Unternehmer möchte ich doch gestalten, und das setzt oft ungeahnte Kräfte frei.

kress.de: Vor welchen Herausforderungen stehen die Verleger weltweit?

Erwin Fidelis Reisch: Ein abendfüllendes Thema. Deshalb nur ein paar Stichworte: Disruption durch die Digitalisierung. Einschränkung der Pressefreiheit in einer erheblichen Zahl von Ländern. Verlust von Marktzugängen für internationale Medienunternehmen. Zunehmender Bedeutungsverlust der Presse als objektiver Vermittler und Erklärer in vielen Bereichen.

kress.de: Können Verlage überleben, wenn Sie heute nur auf Print setzen?

Erwin Fidelis Reisch: Print ist noch lange nicht tot - wird sich aber stark verändern müssen, um im künftigen Informations- und Marketing-Mix erfolgreich zu sein. Die Zukunft ist aber überwiegend digital. Deshalb ganz klar: Ohne erfolgreiche, digitale Geschäftsmodelle keine Zukunft. Diese zu finden ist derzeit die Schlüsselaufgabe in allen Verlagen weltweit.

kress.de: Gibt es denn noch Länder, in denen das Geschäft besser läuft als in Deutschland?

Erwin Fidelis Reisch: Ich kenne keinen bedeutenden Zeitschriftenmarkt weltweit, der derzeit besser als unser Zeitschriftenmarkt in Deutschland läuft. Das liegt meines Erachtens vor allem an jahrzehntelanger, erfolgreicher und vor allem seriöser Arbeit der deutschen Verleger. Unsere Zeitschriften haben immer noch einen riesigen Vertrauensvorschuss bei ihren Lesern und deshalb einen festen Platz im Marketing-Mix der Werbetreibenden.

kress.de: Wo sind aus Ihrer Sicht die Märkte, die deutschsprachige Verleger im Blick haben sollten?

Erwin Fidelis Reisch: Da tue ich mich auch als Pionier der Internationalisierung nach 1990 schwer. Nach meiner Erfahrung haben die klassischen Internationalisierungsmodelle nur in den wenigsten Fällen noch eine Zukunft. Dazu haben sich die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in vielen Zielländern zu negativ entwickelt. Aber ich sehe in der nahen Zukunft schon hochinteressante, digitale Crossborder-Modelle.

kress.de: Am Montagabend startet der Weltkongress der Zeitschriftenverleger in London. Gibt es einen Redner, auf den Sie sich besonders freuen?

Erwin Fidelis Reisch: Wir haben in London eine ganze Reihe von Top-Rednerinnen und Top-Rednern aus der ganzen Welt, auf die ich gespannt bin. Ganz besonders freue ich mich jedoch auf Jerzy Baczynski, den Verleger und Herausgeber der polnischen "Polityka" - einen unbeugsamen Kämpfer gegen die Angriffe der autoritären PiS-Regierung. Mit ihm als Keynote-Speaker zur Kongresseröffnung setzt FIPP ein deutliches Zeichen.

kress.de: Während in anderen Häusern teilweise heftig um den Vorstandsvorsitz gerangelt wird, arbeiten Sie bereits eng mit Ihrem Sohn Robert zusammen, der immer mehr Aufgaben im Gentner-Reich übernimmt. Was würden Sie anderen Verlegern empfehlen, die aus Sorge um die Nachfolgeregelung versäumen, einen würdigen Nachfolger aufzubauen?

Erwin Fidelis Reisch: Immer daran denken, dass "ein guter Schluss alles ziert". Alles hat seine Zeit, und gerade in Zeiten der digitalen Disruption muss auch dem erfahrensten Verleger klar sein, dass jetzt ganz neue, andere Qualifikation notwendig wird. In dieser Situation einen qualifizierten, familieneigenen und motivierten Nachfolger zu haben, ist ein großes Privileg.

kress.de: Und was macht ein Verleger, wenn er immer weniger im aktiven Geschäft mitmischt?

Erwin Fidelis Reisch: Ich will mich noch mehr um die politischen Rahmenbedingungen des künftigen Mediengeschäftes kümmern, beispielsweise gegen das brandgefährliche Urheberwissenschaftsgesellschaftsgesetz der letzen Großen Koalition einsetzen. Und ich werde noch öfters die Welt über Wasser, auf dem Motorrad und unter Wasser beim Tauchen erkunden.

Mit Erwin Fidelis Reisch, Geschäftsführer des Stuttgarter Gentner-Verlags und Vorsitzender des Weltverbandes der Zeitschriftenverleger FIPP, sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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