"kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand: "Es fehlt bei vielen Medien der Mut zur Konfrontation mit den Mächtigen"

10.10.2017
 

Der Wahlkampf hat die Schwächen des Politjournalismus offengelegt. Die Medien lassen sich von der Kanzlerin ihre Interessen aufzwingen. "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand über "Muttis Lieblinge".

In der Theorie klingt immer alles so einfach: Die Medien kontrollieren die Mächtigen. In der Praxis wird es aber auch in einem demokratischen Land wie Deutschland komplizierter. Kanzlerin Angela Merkel etwa gewährt Journalisten in Wahlkampfzeiten gerne Audienzen und stellt sich ihren Fragen. Bis hin zur "taz" und dem "Spiegel" für Kinder beehrte die Politikerin überraschend viele Titel mit ihrer Präsenz.

Während der Legislaturperiode macht Angela Merkel sich in den Medien eher rar. In die Niederungen von Talkshows verirrt sie sich nicht, höchstens wenn man sie allein einlädt. Beim traditionellen Gespräch mit der Hauptstadtpresse Ende August fragte ein Journalist, warum sie dort eigentlich nur einmal im Jahr Rede und Antwort stehe und nicht häufiger komme wie ihr Vorgänger. Angela Merkel lächelte und sagte irgendwas, an das man sich schon im gleichen Augenblick nicht mehr erinnert. Ihre Botschaft aber war klar: Ich schaffe das alles - auch ohne euch.

Angela Merkel zwingt den Medien ihre Interessen auf, nicht umgekehrt. Besonders deutlich wurde dies im Vorfeld des TV-Duells. Die Sender hätten gerne zwei Diskussionen zwischen Merkel und Schulz übertragen und auch das angestaubte Format geändert. Die Kanzlerin wollte es anders. Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender kritisierte daraufhin im "Spiegel", der Druck durch das Kanzleramt sei "sittenwidrig", das TV-Duell "durch Erpressung" zustande gekommen. Angela Merkel sagte dem Nachrichtenmagazin dazu später in einem Interview: "Ich achte die Pressefreiheit sehr hoch. Zugleich aber hat auch ein Politiker immer die Freiheit zu entscheiden, ob er oder sie eine Einladung in eine Sendung annimmt oder nicht."

Da hat sie recht. Ihre Aussage aber zeigt überdeutlich die Schwä­che der Medien. Die TV-Sender hätten hart bleiben können. Sie hätten einfach zu zwei Duellen einladen müssen und zwar in dem Format, das sie für richtig halten. Angela Merkel hätte die Einladung annehmen oder ablehnen können. Notfalls hätte Martin Schulz ein Solo-Interview zur besten Sendezeit bekommen oder man hätte eine Diskussion mit allen Spitzenkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien übertragen. Tatsächlich aber ließen die Sender sich die Bedingungen diktieren. Weil man das Duell offenbar unbedingt wollte. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern kommt hinzu, dass die Parteisoldaten in den Gremien vermutlich im Dreieck gesprungen wären, hätte man eine harte Linie durchgezogen. Und das kann Führungskräften dort schnell die Karriere kosten.

So aber bekam die Kanzlerin, was sie wollte. Sie setzte ihr Einzelinteresse gegen das Gemeinwohlinteresse durch. Denn angesichts der Themenvielfalt wäre mehr als ein TV-Duell in jedem Fall angebracht gewesen, in welchem Format auch immer.

Es fehlt bei vielen Medien der Mut zur Konfrontation mit den Mächtigen. Das wird gerade in TV-Interviews auch inhaltlich deutlich. So sprechen die Fragesteller Angela Merkel in der Regel untertänigst mit dem Titel "Frau Bundeskanzlerin" an. Das ist peinlich, weil die Interviewer sich damit kleinmachen. Angela Merkel spricht die Journalisten schließlich auch nicht mit "Herr Chefredakteur" oder "Frau Korrespondentin" an. In Wahlkampfzeiten ist es doppelt falsch, weil die Journalisten Angela Merkel in ihrer Rolle als Kandidatin befragen.

Bei Printinterviews geht ja in der Regel der Chefredakteur mit. Wer anschließend mit den Schriftleitern spricht, kann nicht selten feststellen, dass ein Interview mit der Kanzlerin auch für ausgebuffte Profis ein berufliches Statussymbol ist. Man ist ganz gerne Muttis Liebling. Distanz jedenfalls geht anders. In einem Fragebogen für die "Rheinische Post" antwortete Angela Merkel kürzlich in der Rubrik "Das würde ich mir gerne leisten können" mit dem Satz: "Neben meinem Amt als Bundeskanzlerin einmal eine Talkshow-Sendung zu moderieren." Das wäre natürlich die beste Lösung für alle: Merkel befragt Merkel. 

Autor: Markus Wiegand

kress.de-Tipp: Der Text ist das Editorial zur "kress pro"-Ausgabe 7/2017 (erschienen im September). Die Ausgabe gibt es in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk. Per E-Mail kann sie unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

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