WMP-Eurocom-Chef Michael J. Inacker: "Information ist eine Ware - auch wenn manche das bedauern"

13.10.2017
 

Keiner ist öfter zwischen Journalismus und Wirtschaft hin und her gewechselt als Michael J. Inacker. Heute ist er Vorstandsvorsitzender der einflussreichen Agentur WMP. Wenn es einer weiß, dann er: Machen Journalisten die bessere PR?

Im Interview mit "Wirtschaftsjournalist"-Chefredakteurin Susanne Lang berichtet Michael J. Inacker auch von einem Abendessen mit Jakob Augstein und gibt Journalisten, die zu lange auf ihren Positionen sitzen, einen Tipp. 

"Wirtschaftsjournalist": Herr Inacker, mal ehrlich: Auf welcher Seite geht es härter zu, im Journalismus oder in der Kommunikation?

Michael J. Inacker: Ich habe auf beiden Seiten unangenehme Situationen erlebt. In den Neunzigern hat sich mal ein Minister beim Verlagschef über mich beschwert und meine Entlassung gefordert. Während meiner Zeit als Kommunikationschef bei der Metro AG, habe ich wiederum sehr harte Machtkämpfe erlebt, es ging um die Zukunft von Eckhard Cordes als Vorstandschef. Da wurde mit Methoden gearbeitet, auch von beteiligten Agenturen, dass ich nur gedacht habe: So wirst du hoffentlich nicht werden.

"Wirtschaftsjournalist": Was halten Sie von den Zuschreibungen helle und dunkle Seite - guter Journalismus, böse Kommunikation?

Michael J. Inacker: Ich würde nie von einer dunklen und hellen Seite reden - letztlich sind Journalismus und Kommunikation zwei Seiten einer Medaille. Aber ich weiß, dass mein Lebensweg auch schon mal Kritik auslöst. Jakob Augstein meinte einmal bei einem Abendessen, wo wir zufällig gegenüber saßen  - und er meinen Hintergrund nicht kannte -, Journalisten, die sich in einem Unternehmen verdingten, wären für ihn Söldner.

"Wirtschaftsjournalist": Verrat an der vierten Gewalt?

Michael J. Inacker: Die Medien werden in der Verfassung  genannt, weshalb Journalisten sich immer auch bei ihrer Arbeit auf einen verfassungsmäßigen Auftrag berufen können. Diese Haltung ist verständlich. Allerdings es ist aus meiner Sicht unehrlich auszublenden, dass Journalisten auch zum Teil einem Partikularinteresse folgen.

"Wirtschaftsjournalist": Welchem?

Michael J. Inacker: Wenn sie sich zu sehr mit einer Sache gemein machen. Vereinnahmungen finden auch im Journalismus statt. Schon zu meiner Zeit ließ der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher kritische Journalisten nicht mehr in seiner Maschinen mitfliegen. Manche ehemaligen Kollegen spielen das Spiel mit und betreiben dann auch in gewissem Maße nicht nur Journalismus, sondern auch Kommunikation im Sinne des Absenders.

"Wirtschaftsjournalist": Wie sollte man als einzelner Journalist dieses Spiel durchbrechen, das ja alle spielen?

Michael J. Inacker: Viele Kollegen sitzen zu lange auf ihren Positionen. Immer wenn ich in den Journalismus zurückgekehrt bin, sah ich oftmals in den Hintergrundkreisen dieselben Gesichter. Das fand ich sehr verwunderlich. Wer immer über das gleiche Themengebiet berichtet, verliert zwangsläufig eine gewisse Unabhängigkeit und wird manchmal Teil des Betriebs. Im Journalismus sollte man sich ein Beispiel nehmen an der Personalentwicklung großer Unternehmen, die regelmäßig ihre Mitarbeiter in andere Verantwortungspositionen bringen. Alle fünf bis sechs Jahre müsste eine Rotation stattfinden.

"Wirtschaftsjournalist": In Ihrer Tätigkeit als PR-Berater können manipulierbare Teile eines Betriebs doch ganz nützlich sein, oder?

Michael J. Inacker: Ich habe nicht von Manipulation gesprochen. Richtig ist aber, dass ich viele Journalisten aus fast allen großen Verlagshäusern in Deutschland kenne - und diese als ehemalige Kollegen schätze und auch für unabhängig halte. Es ist doch eine Illusion zu glauben, dass PR über Manipulation läuft - wie immer zählt am Ende eine gute Geschichte.  Hier ist meine eigene journalistische Erfahrung und journalistisches Grundverständnis entscheidend. Deshalb habe ich ein Gefühl für die Zwänge auf der anderen Seite. Das fängt schon beim Zeitdruck an. Gleichzeitig hat mir die Binnensicht aus einem Unternehmen auf die Medien die Möglichkeit eröffnet, Zusammenhänge schneller zu erkennen. Ich weiß, welche Abläufe in Gang kommen, wenn ein Unternehmen in die Krise gerät.

"Wirtschaftsjournalist": Dann sind Journalisten die besseren Kommunikationschefs?

Michael J. Inacker: Journalisten können die besseren sein, wenn sie gleichzeitig das Vermögen haben, in einer großen organisatorischen Einheit im Team zu arbeiten und Führungsfähigkeiten haben.

"Wirtschaftsjournalist": Was sie nicht haben.

Michael J. Inacker: Was manche Journalisten eher nicht haben. Gerade Wirtschaftsjournalisten wechseln ja immer wieder in die Unternehmenskommunikation, aber das scheitert oft. In der Regel sind Journalisten Einzelkämpfer. Sie haben vielleicht mal eine Co-Autorenschaft mit einem Kollegen, aber selbst das kann schon schwierig werden. In einem Unternehmen müssen Sie sich aber ständig abstimmen, andere Abteilungen einbinden und einen Konsens finden über eine Position, die man dann nach außen kommuniziert - auch wenn sie nur teilweise der eigenen Auffassung entspricht. Gute Journalisten, die im Team arbeiten und Mitarbeiter führen können, sind jedoch definitiv die besseren Kommunikationschefs.

"Wirtschaftsjournalist": Würden Sie sagen, dass die Krise der Medienhäuser Ihnen Ihre Tätigkeit als Kommunikator erleichtert oder eher erschwert?

Michael J. Inacker: Es mag Sie überraschen, aber eher letzteres ist der Fall. Heute kümmert sich ein Journalist um immer mehr Unternehmen gleichzeitig. Dadurch bleibt weniger Zeit und Ruhe, über Themen zu sprechen und kritische Fragen zu beantworten. So entsteht die Illusion, dass Unternehmen dann leichter Pressemitteilungen ins Blatt bekämen. Tatsächlich passiert etwas anderes: Es schleichen sich faktische Fehler ein. Und der Platz für Berichterstattung wird knapper. Manche Unternehmen, gerade die mittleren kommen nicht mehr vor, weil Redaktionen nach dem Motto 'Mut zur Lücke' arbeiten. Man konzentriert sich auf die großen Themen, der Journalismus wird magaziniger. In der Folge wandern zum Beispiel Bilanzpressekonferenzen von M-Dax-Unternehmen auf Branchenplattformen ab. Als Medienhaus sägt man so doch am eigenen Ast.

"Wirtschaftsjournalist": Mit dem Trend zum Magazinigen geht die Neigung zur Skandalisierung einher. Man braucht am besten jeden Tag eine große aufregende Geschichte. Können Sie sich das als "Öffentlichkeits-Anwalt Ihrer Kunden", wie Sie sich beschreiben  - als Informant also zunutze machen?

Michael J. Inacker: Das ist ja keine neue Entwicklung, Informationen wurden schon immer wie am orientalischen Basar gehandelt. Manche Aufsichtsräte beispielweise, die in der Branche fast jeder kennt, versuchen durch das Vermitteln von Informationen über ein Unternehmen die Kritik gegen ihre Person klein zu halten. Und gerade Aufsichtsräte, würde ich sagen, sind die Hauptanlaufstelle für Journalisten, um an Informationen zu kommen. Früher habe ich Volontären immer den lustig gemeinten Spruch auf den Weg gegeben: Wer recherchiert, ist meinungsschwach. Das wird zunehmend Wirklichkeit. Oft geben die Geschichten die Substanz nicht her. Weil man aber opulente Magazinstrecken vorgesehen hat, muss man sie aufblasen oder ihr einen Spin geben, der die Aufmerksamkeit und prominente Platzierung rechtfertigt. Das führt dazu, dass wir permanent mit hoher Umdrehung, aber nachlassender journalistische Wirkung arbeiten.

"Wirtschaftsjournalist": Jetzt sind Sie ein bisschen ausgewichen: Können Sie sich das auch zunutze machen?

Michael J. Inacker: Information ist eine Ware - auch wenn manche das bedauern. Aber meine Erfahrung ist, dass sich kritische Berichterstattung nicht durch Informationshandel verhindern lässt. Ich glaube, es ist wichtiger, mit offenem Visier zu kämpfen. Als Kommunikator sollte man ein transparentes und vertrauensvolles Verhältnis zu Journalisten haben. Sie müssen wissen, dass man nicht die Unwahrheit sagt. Ähnliches erhoffe ich mir vom Journalisten.

kress.de-Tipp: Das Gespräch ist ein Auszug aus dem großen Titel-Interview der "Wirtschaftsjournalist"-Ausgabe 4/2017. Dort beantwortet Michael J. Inacker auch die Frage, was er seinen Kindern raten würde: Journalist werden oder in die Kommunikation gehen? Das Magazin gibt es in unserem Newsroom-Shop oder im iKiosk.

Der "Wirtschaftsjournalist" (Chefredakteurin: Susanne Lang, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

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