Paul-Josef Raue lässt Luther auf Facebook treffen: Angst und die zwei großen Medienrevolutionen

 

Die beiden Medienrevolutionen liegen fünfhundert Jahre auseinander: Gutenbergs Druckerpresse und Luthers Thesen, gegen die Elite der Kirche gerichtet; und heute das Internet, das sich mit Facebook & Co. gegen die Macht der Journalisten richtet. Paul-Josef-Raue vergleicht in seiner "Journalismus!"-Kolumne die Revolutionen der Medien.

Richard Gutjahr beobachtete in der Redaktion der "Washington Post" die Amtseinführung von Donald Trump: "Ich habe noch nie zuvor in so viele ratlose Journalisten-Gesichter geschaut." Gutjahr, Blogger und Reporter bei der ARD, ist einer der genauen Beobachter der digitalen Medien. Für ihn haben die US-Wahl  für Trump als Präsident und andere "Erregungen" unserer Zeit einen tiefen Grund: Die Digitalisierung, die einem krachenden Sturm gleiche.

Fünf technische Errungenschaften zählt Gutjahr auf, die die Digitalisierung prägen:

1.     Alles, was ist, wird von Maschinen gelesen

2.     Alle sind mit allen vernetzt – und zwar unmittelbar.

3.     Alle kommentieren und entscheiden, was andere lesen, zumindest die 250 Freunde bei Facebook, die jeder Deutsche durchschnittlich besitzt.

4.     Alle sind mit Maschinen verbunden, den Bots, ohne es zu merken. Und Maschinen sind mit Maschinen verbunden.

5.     Alle Intelligenz wird bald auch künstlich sein.

"Große Umwälzungen brauchen den richtigen Zeitpunkt, um ihre Wirkung entfalten zu können – und eine neue Technik", sagt Gutjahr bei der Leipziger Tagung "Die neue Öffentlichkeit" und vergleicht die Digitalisierung mit der Erfindung der Druckerpresse und Luthers Thesenanschlag vor fünfhundert Jahren. "Wir stehen an der Schwelle zu einer Revolution", meint Richard Gutjahr. Nein – wir stehen schon mittendrin. Und die beiden Medienrevolutionen verbindet eins: Die Angst.

Was brauchte Martin Luther, der Erfinder der Massenmedien, für die Medienrevolution vor einem halben  Jahrtausend?

1.     Die neue Technik des Buchdrucks; heute haben wir das Internet.

2.     Die deutsche Sprache, die Luther selber prägte und populär machte; wir nutzen im Netz kurze Sätze, Tweets, und Facebook-Nachrichten, die jeder schreiben und verstehen kann.

3.     Einen Zugang zu allen Menschen, also Abschied vom Dünkel der Eliten; Journalisten heute müssen auch so schreiben, dass möglichst viele sie lesen und verstehen können -  oder sie bleiben nur für eine Minderheit attraktiv  und verlieren das Vertrauen.

4.     Einen Manager wie Lucas Cranach, der in Wittenberg seine Flugschriften mit Bildern versah und tausendfach druckte ; die Internet-Welt ist ebenso eine Bilderwelt, voller Piktogramme, die nur funktionieren, wenn sie Bild und Text verbinden wie in Luthers Bibelübersetzung.

5.     Die "German Angst", die deutsche Angst – und die Ratlosigkeit und Erregung, die Richard Gutjahr in der Digitalisierung entdeckt.

Luther glaubte an den Weltuntergang noch zu seinen Lebzeiten. Davon handelten viele seiner Flugschriften. Damit löste der Bestseller-Autor Luther  geradezu eine Untergangs-Welle aus: 2.400 Flugschriften in einer Auflage von 2,4 Millionen Exemplaren drangen in den Markt, geschrieben von Luther und seinen Anhängern – und seinen Gegnern; ähnlich verhält es sich heute mit Trump: Gerade die Gegner, die eifrig im Netz protestieren, verbreiten die Nachrichten, gerade die falschen oder aufregenden.

Überall in Luthers Welt war Untergang, herrschte die deutsche Angst. Der gerade berufene Professor Luther las in seiner ersten Wittenberger Vorlesung: "Das Gericht" – gemeint ist das Jüngste Gericht – "ist jetzt schon in der Welt, wenn auch noch nicht offenbart ist, was an jenem Tage geschehen wird."

Über die Jahrhunderte hat der Journalismus, vornehmlich im Boulevard, mit der Angst gehandelt: Schlechte Nachrichten sind die eigentlich guten Nachrichten, war und ist einer der zynischen Sprüche der Zunft. Journalisten spielen mit der Angst der Leser, einige hoffen, so die Auflagen und Einschaltquoten zu heben oder zumindest zu halten – und sie sind fröhlich dabei.

Seit einigen Jahren spüren wir auch die Angst der Journalisten. Sie beschwören die Digitalisierung als Weltuntergang. Tagungen zur Krise des Journalismus haben Konjunktur. Wer an Universitäten lehrt, zu Vorträgen eingeladen oder als Berater in Redaktionen geschickt wird, hört: "Machen Sie was mit Online! Retten Sie die Medien!"

Der multimediale, crossmediale, transmediale Redakteur ist ein Traum für wenige, aber ein Albtraum für viele. Das sei die Zukunft: Der Redakteur soll an Facebook und WhatsApp denken, er soll Communitys betreuen, Videos produzieren sowie Podcasts, Grafiken, Snowfalls usw.

Doch geht es wirklich nur um Technik? Ist nicht der Journalismus in Gefahr? Stehen sogar die Gesellschaft und Demokratie am Abgrund?

Wie die meisten Politiker sind Redakteure überzeugt von ihrer Arbeit, sie zitieren Artikel 5 des Grundgesetzes und glauben fest daran, der Journalismus sei wichtig für Gesellschaft und Demokratie. Und sie haben Recht: Ohne freien Journalismus gerät eine Demokratie in Gefahr – wie wir in der Türkei sehen, in Polen und Ungarn. Doch geht es um den Wert des Journalismus und nicht um den Status der Journalisten.

Der Journalismus verändert sich nicht. Wir haben zwar Werkzeuge, um Massen an Nachrichten rund um die Uhr und rund um die Welt zu schicken. Nur – das sagt Google-News-Chef Chinnappa in einem Interview:

"Die Masse an Informationen ist ein zweischneidiges Schwert. Zwar stehen uns so viele Informationen wie noch nie zur Verfügung, aber dadurch wird es umso wichtiger, an den journalistischen Grundprinzipien festzuhalten."

Was sind unsere journalistischen Grundprinzipien?

1.     Nachrichten müssen wahr sein: Also präzise Recherche und genaue Quellenprüfung.

2.     Texte müssen verständlich sein und attraktiv.

3.     Themen müssen wichtig sein für die Menschen.

4.     Nachrichten müssen von Meinungen deutlich getrennt sein.

5.     Hajo Friedrichs Gesetz muss gelten: "Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein."

Nur so vertrauen Leser und Zuschauer den Journalisten - auch wenn laut Richard Gutjahr nichts mehr so bleiben wird, wie es ist.

kress.de-Info: "Die neue Öffentlichkeit: Wie Bots, Big Data und besorgte Bürger den Journalismus verändern" war der Titel einer Konferenz Ende September 2017 in Leipzig. Veranstalter waren  Professor Wolfgang Kenntemich, zwanzig Jahre lang MDR-Chefredakteur, als Direktor des Europäischen Instituts für Qualitätsjournalismus und Professor Gabriele Hooffacker, Professorin an der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK). Im Frühjahr erscheint die Dokumentation der Konferenz als Sammelband bei Springer VS.

Raue hielt auf der Konferenz den Vortrag "Transmedialer Wandel und die German Angst", aus dem Teile für diese Kolumne entnommen sind. Den Vergleich mit Luther nutzte, unabgesprochen, auch Richard Gutjahr, der die Keynote sprach.

Zum AutorPaul-Josef Raue hat gerade im Klartext-Verlag in der Reihe "Bibliothek des Journalismus" das Taschenbuch herausgegeben: "Luthers Stil-Lehre. 50 Kolumnen für Journalisten, Pressesprecher, Politiker und alle, die attraktiv schreiben wollen". Er war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er schreibt Kolumnen in verschiedenen Regionalzeitungen, berät Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und unterrichtet an Hochschulen.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.