"Wir fragen unsere kressköpfe": Wie Tommy Krappweis bei Amazon seine Geister tanzen lässt

 

Er hat die alte Gang wieder zusammengetrommelt: Tommy Krappweis, einer der einst prägenden Köpfe hinter dem Comedy-Klassiker "RTL Samstag Nacht" und Erfinder unter anderem von "Bernd das Brot", hat Hugo Egon Balder, Wigald Boning, aber auch "Stromberg"-Star Christoph Maria Herbst für seine Gruselkomödien-Hörspielreihe "Ghostsitter" gewinnen können. Produziert haben sie Amazon Music und Audible.

kress.de: Herr Krappweis, für Amazon – und dann ausgerechnet auch noch für das Musik-Angebot – ein Hörspiel zu produzieren, ist ja noch keine Alltäglichkeit in Deutschland. Wie kam diese ungewöhnliche Zusammenarbeit eigentlich zustande?

Tommy Krappweis: Boris Lehfeld, für den ich in 2016 erstmalig das "Cosplay Village" der Gamescom als künstlerischer Leiter betreute, machte ursprünglich den persönlichen Kontakt. Audible kam dann auf mich zu, da man meine Art, All-Ager-Stoffe zu entwickeln und zu gestalten, hochinteressant fand.

kress.de: Wie schwer war es, die Amazon- bzw. Audible-Manager für Ihr Anliegen zu begeistern und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?

Tommy Krappweis: Ich spreche für alle Beteiligten inklusive unseres Casts, wenn ich sage, dass es kaum angenehmer und entspannter hätte sein können. Audible/Amazon Music hat immer wieder betont, dass man uns genau deswegen beauftragt hat, weil wir tun, was wir tun und wie wir es tun. Man vertraute auf unsere Expertise in der Gestaltung und wir vertrauen unseren Partnern in der Platzierung und Vermarktung. Besser geht es nicht.

kress.de: Das US-Unternehmen Amazon scheint großen Wert auf authentische deutsche Produktionen zu legen. Doch wie sah die Arbeit in der Praxis aus? Mit vielen Aufpassern und Bedenkenträgern mussten Sie sich arrangieren?

Tommy Krappweis: Ich weiß, das klingt seltsam, aber wir hatten weder mit Aufpassern, noch mit Bedenkenträgern oder Kreativbremsen, Dauernörglern, Dunning-Kruger-Victims oder irgendwelchen anderen Klischees zu tun. Wir waren und sind umringt von Profis, die wissen was sie tun – und die auch wissen, was wir tun und das schätzen. Das ist genau dieses "Miteinander", das man sich als Kreativer immer erhofft. Ich weiß, das klingt wie ein auswendig gelernter Making-of-O-Ton, aber es ist tatsächlich Fakt. Zeichen und Wunder. 

kress.de: Sie haben zumindest weite Teile der Hörspiel-Aufzeichnungen nicht mit Einzelsprechern in abgeschotteten Kabinen, sondern mehr oder weniger interaktiv im Ensemble aufgezeichnet. Inwieweit hat das den Geist der Arbeit beeinflusst?

Tommy Krappweis: Ich würde umgekehrt sagen, dass man vor allem Produktionen mit Humoranteil gar nicht anders machen sollte. Aber auch die emotionalen Anteile profitieren unglaublich vom direkten Zusammenspiel. Die Sprecher sind "in den Szenen", können zuhören, reagieren, einander ins Wort fallen. Vor allem letzteres ist für Comedy Timing oder erhitzte Szenen extrem wichtig. Außerdem macht es allen viel, viel mehr Spaß.

kress.de: Sie gelten ja – nicht zuletzt aus alten "RTL Samstag Nacht"-Zeiten – als gut vernetzt in der deutschen Kreativbranche. Wie schwer war es trotzdem, Stars wie Christoph Maria Herbst, Hugo Egon Balder oder Wigald Boning für die „Ghostsitter“-Arbeit zu gewinnen?

Tommy Krappweis: Im Falle von Wigald oder Hugo ist es so, dass wir Drei immer sofort zusagen, wenn einer von uns den anderen fragt, ob er dabei sein will – unabhängig davon, um was für ein Projekt es geht. Der Rest ist eine Frage der Dispo. Chris würde natürlich dankend ablehnen, wenn es etwas wäre, wo er sich nicht sieht. Aber ehrlich gesagt würde ich ihm das dann auch gar nicht erst anbieten. Auch er und seine tolle Agentur machen es dann immer irgendwie möglich, dass es klappt. Wir vertrauen einander und freuen uns jedes Mal auf neue.

kress.de: Das von Ihnen geschriebene Hörspiel ist bewusst als Stoff nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für deren Eltern angelegt. Wie schwer ist dieser generationenübergreifende Spagat?

Tommy Krappweis: Ich könnte es kaum anders, weil es das ist was ich gerne mache. Und es fällt mir nicht schwer, da ich auf mein inneres Kind ebenso wie auf den Erwachsenen, den Vater, den Nerd, den Realisator oder den Comedian hören kann und die sich nicht in die Quere kommen. Aus meiner Arbeit mit Redakteuren insbesondere im TV-Bereich weiß ich aber, dass das gerne auch auf dem Reißbrett entworfen, ausgiebig diskutiert und mit 1001 Studien untermauert wird. Bislang hat keines dieser Projekte auch nur ansatzweise den Impact gehabt, den man sich erhoffte. Ganz im Gegenteil. Wie John Cleese so schön sagt: "Why not trust the talent?"  

kress.de: Wenn Sie generell auf den Markt für Jugendangebote – auch im Fernsehen und im Film – blicken. Werden junge Menschen von den Medienmachern oft vorschnell ein wenig verniedlicht und unterfordert?

Tommy Krappweis: Ich bin kein argusäugiger Markt-Beobachter und erstelle meine Projekte nicht im Hinblick darauf. Aber natürlich gibt es genug Formate, bei denen man den Kindern zu wenig zutraut und dann zum Beispiel alles übererklärt oder Pointen weglässt, weil sie von den Jüngsten nicht vollumfänglich verstanden werden. Das macht es nicht nur für die Kinder langweilig, sondern eben auch für alle anderen über sechs Jahren. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass die großen, handlungsrelevanten Punkte und Motivationen wirklich von allen verstanden werden. Und dass am Ende alle gleich viel Spaß hatten – nur eben nicht alle an den gleichen Stellen.

kress.de: Haben Sie eigentlich noch Spaß dabei, wenn Sie die Kinder- und Jugendprogramme im deutschen Fernsehen ansehen?

Tommy Krappweis: Ja, durchaus. Ich bin zum Beispiel immer wieder begeistert von Animationsserien wie "Phineas & Ferb", den "Powerpuff Girls" oder vor ein paar Jahren "Cow & Chicken", "Dexters Lab" oder dem großartigen "Johnny Bravo". Deutsche Produktionen tun sich im Vergleich schwer, denn es fehlt – sehr allgemein gesprochen und Ausnahmen ignorierend - sowohl an Budget als auch an dem oben mehrfach angesprochenen Vertrauen in die Kreativen.

kress.de: Sie verfügen schon lange über sehr gute Branchenkontakte, auch zu Kreativen und Darstellern. Wie hilfreich war dieses Netzwerk bei "Ghostsitter"? Wie gut ist diese Absicherung, auch neue ungewöhnliche Projekte auf den Weg zu bringen?

Tommy Krappweis: Ich habe mit meiner Firma Bumm Film im Lauf der Jahre mit vielen Leuten zusammengearbeitet und 99% derer könnte ich morgen anrufen, um gemeinsam was Neues zu starten. Wir achten immer darauf, dass unsere Produktionen freundschaftlich, entspannt und lösungsorientiert ablaufen. Wenn sich herausstellt, dass jemand da nicht reinpasst, wird er nicht wieder angerufen. Das macht die Projekte besser und erhält die Gesundheit aller Beteiligten. 

kress.de: Wie oft werden Sie eigentlich auf ein mögliches "RTL Samstag Nacht"-Comeback angesprochen? Und was müsste passieren, dass dieser Fan-Wunsch einmal Wirklichkeit wird?

Tommy Krappweis: Wir werden sehr oft darauf angesprochen, und es gibt immer wieder Impulse für ein Revival. Wir hatten bislang alle Vorschläge abgesagt, weil sie einfach nicht funktioniert oder schlimmstenfalls Schaden angerichtet hätten. Dann hatte ich eines Tages eine ganz andere Idee, wie man es umsetzen könnte und diese gefiel den anderen ganz genau so gut wie mir selbst. Somit habe ich nun ein Konzept, ein Bildertreatment und die "Letters of Intent" aller "Samstag Nacht"-Stars inklusive Hugo Egon Balder auf meinem Schreibtisch und alles was fehlt, ist ein geeigneter Partner, der Lust drauf hat. 

kress.de: Gar nicht so leicht, Ihre vielen Talente und Tätigkeitsfelder auf einen Nenner zu bringen – als Autor, Regisseur, Produzent, Darsteller und Musiker. Welches Standbein ist Ihnen eigentlich das liebste?

Tommy Krappweis: Ich liebe gerade diese Vielfältigkeit und brauche das auch, damit ich nicht in Routine erstarre. Zur Zeit vermisse ich das Musik machen, aber ich würde auch gerne mal wieder ein Buch in Ruhe schreiben können, ohne gleichzeitig noch drei andere Projekte zu betreuen. Für die Fortsetzung von "Mara und der Feuerbringer" habe ich mir darum eine begrenzte Auszeit eingeplant. 

kress.de: Wenn Sie auf Ihre eigene bisherige Karriere zurückblicken: Wo haben sie am meisten gelernt und was hilft beim Schreiben, Konzipieren und Regieführen?

Tommy Krappweis: Ganz einfach: Das Machen.

kress.de: Das Mediengeschäft ist hektisch, die vielen Verhandlungen oft nervenaufreibend: Wie laden Sie privat eigentlich Ihre Batterien immer wieder auf?

Tommy Krappweis: Meine Familie ist hier an erster Stelle. Dann folgt Musik machen, Lego bauen, Filme schauen, RPG-Videogames oder ein paar familiäre Runden "Mario Kart".

kress.de: Sie führen ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist es für die Arbeit in Ihrem Netzwerk?

Tommy Krappweis: Ich bin generell kein "Netzwerker", weder online, noch auf den üblichen Stehrumchens. Ich brauche dafür auch die Hilfe von anderen, die das viel, viel besser können. Die bumm film hat einen kleinen Kreis von Partnern wie zum Beispiel den Produzenten Alexander Dannenberg, oder die Münchner Neos Film, die für ausgewählte Projekte sozusagen als "Außenminister" fungieren und diese in Form einer Co-Produktion mit uns gemeinsam umsetzen. Umso wichtiger ist es, dass man meinen Kopf dann auch finden kann, wenn man ihn sucht.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Tommy Krappweis: Ich gestehe, dass ich kaum auf dezidierten Portalen unterwegs bin und mich eher auf die Auswahl von Diensten wie Piqd, Google Alerts oder z.b. der Presseschau des Produzentenverbandes stütze. Wenn ich aber auf kress.de lande, finden sich immer mehrere Artikel, die mein Interesse wecken.  

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