"FAS"-Redakteurin Corinna Budras: "Wir sind der Zeit nicht hilflos ausgeliefert“

 

Wo ist denn bloß die Zeit geblieben? "FAS"-Wirtschaftsredakteurin Corinna Budras ist der Frage, die auch viele Journalisten beschäftigt, an praktischen Beispielen nachgegangen. In ihrem gemeinsam mit ihrem Mann Pascal Fischer verfassten Buch "Wer hat an der Uhr gedreht?" mischt die 41-Jährige Alltagserzählungen und lebensphilosophische Tipps, wie wir verlorene Zeit zurückgewinnen können. kress.de hat mit der studierten Juristin gesprochen.

kress.de: Sie versprechen Ihren Lesern, nach der Lektüre abhandengekommene Zeit "zurückgewinnen" zu können. Wie soll das gehen? Ist das nicht ein leeres Versprechen?

Corinna Budras: Natürlich nicht. Sobald Sie sich intensiver mit der Zeit beschäftigen, merken Sie sehr schnell, wie man mehr Zeit gewinnen kann. Wichtig ist es nämlich, sich dieses Themas zu widmen, bevor man in Zeitnot gerät.

kress.de: Warum?

Corinna Budras: Weil wir dann keine Zeit mehr haben, um uns mit diesem Phänomen zu beschäftigen. Das ist übrigens der einzige Bereich im Leben, in dem wir so irrational handeln. Erwarten wir Kinder, beschäftigen wir uns mit frühkindlichen Verhaltensmustern. Wenn in der Verwandtschaft Krebs auftritt, dann werden wir durch Lektüre fast selbst zu Onkologen. Aber niemand kümmert sich um die Zeit, wenn wir in Zeitnot geraten. Deshalb fängt man lieber vorher damit an. Es ist nämlich ein durch und durch faszinierendes Thema.

kress.de: Was passiert, wenn wir uns in Ruhe mit dem Thema "Zeit" beschäftigten und eben nicht unter Stress?

Corinna Budras: Dann werden die Mechanismen sichtbar, und wir erleben viele Aha-Effekte. Beim Schreiben und Arbeiten an dem Thema habe ich übrigens selbst festgestellt und erlebt, wie ich mir Zeit zurückholen kann.

"Die Gesellschaft muss mehr Unordnung zulassen"

kress.de: Wie wichtig ist es, den Tag zu strukturieren, also nach Plan zu leben, wenn man Zeit zurückgewinnen möchte?

Corinna Budras: Das kommt drauf an. Für eine in Scheidung lebende Frau mit zwei Kindern, über die wir schreiben, ist das enorm wichtig. Sie findet damit nämlich die Antwort auf ihre Frage: "Wo sind meine Freiräume?" Es geht also nicht um die Struktur des Tages an sich, sondern um die Erkenntnis, dass das ganze doch nicht ganz so schlimm ist, wie es aussieht.

kress.de: An einer anderen Stelle plädieren Sie aber auch dafür, ruhig mal Unordnung zuzulassen. Ist das nicht ein Widerspruch?

Corinna Budras: Nur auf den ersten Blick. Wir machen uns ein Zitat der Soziologin Jutta Allmendinger zu eigen, denn sie hat erkannt, dass wir, was den Lauf unseres Lebens angeht, in althergebrachten Strukturen denken, nämlich Schule, Studium, Karriere, Ehe, Kinder. In Wirklichkeit passiert aber sehr vieles davon eben nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Und das setzt uns unter Druck. Deshalb wäre es besser, wenn die Gesellschaft aufhört, in diesen festen Strukturen zu denken, also mehr Unordnung zulässt. Dann machen wir es uns leichter.

kress.de: Was Zeit ist, fragte sich schon Augustinus. Seine Antwort lautete: "Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich's, will ich's aber einem Fragenden erklären, weiß ich's nicht." Wissen Sie es, wenn ich Sie danach frage?

Corinna Budras: Nein, dafür sind die Antworten tatsächlich entweder zu komplex oder zu trivial. Ich halte es mit dem römischen Philosophen Seneca, der sinngemäß gesagt hat: "Zeit ist das wertvollste, das wir haben, und daher müssen wir aufhören, sie zu verschwenden."

"Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Freiräume noch erkennen"

kress.de: Früher waren die Arbeitszeiten länger, die Fortbewegungsmittel und auch die Kommunikationswege langsamer. Dennoch glauben wir, heute weniger Zeit zu haben. Was machen wir falsch?

Corinna Budras: Ich weiß nicht, ob wir etwas falsch machen. Heute passiert vieles gleichzeitig. Früher gab es eine klare Abgrenzung. Wenn Ihr Vater im Büro war, dann war er dort. Können Sie sich erinnern, wann Sie mal während der Arbeitszeit mit ihm telefoniert haben?

kress.de: Fast nie.

Corinna Budras: Eben. Früher gab es eine klare Abgrenzung und auch nicht die vielen Kommunikationsmittel, die Zerstreuung schaffen. Heute geht man ins Büro, denkt an die Freizeit und organisiert sie auch nebenbei. Und nach Feierabend ist es umgekehrt. Da denken Sie an die Arbeit und arbeiten vielleicht sogar noch ein bisschen, indem Sie zum Beispiel dienstliche E-Mails beantworten.

kress.de: Ist das jetzt gut oder schlecht?

Corinna Budras: Sowohl als auch. Die Flexibilität bringt unfassbare Vorteile. Aber wir müssen aufpassen, dass wir unsere Freiräume noch erkennen. Es darf nicht sein, dass wir eine Verabredung mit Freunden wie eine Powerpoint-Präsentation im Büro wahrnehmen, weil es eben noch ein zusätzlicher Termin obendrauf ist.

"Früher gab es das nicht, dass wir jede Minute sinnvoll nutzen"

kress.de: Zwei gegensätzliche Modewörter bestimmen unser Arbeitsleben: "Effizienz" und "Entschleunigung". Welche dahinterstehende Philosophie wird sich durchsetzen?

Corinna Budras: Ihre Frage finde ich sehr schön, weil Sie genau das Dilemma umreißt, in dem wir uns befinden. Im besten Fall sind das keine Gegensätze: Eigentlich arbeiten wir ja deswegen effizient, um Zeit für Entschleunigung zu bekommen. Die Effizienz geht mehr vom Arbeitgeber aus. Für die Entschleunigung sind dagegen wir selbst zuständig. Und da müssen wir die richtigen Prioritäten setzen, das heißt, Dinge eben auch mal sein zu lassen.

kress.de: Die Zeit werde mit viel Arbeit besser genutzt, als "ganze Tage lang im Bett zu liegen", schreiben Sie: Ist der Müßiggang also gar nicht unser Ding?

Corinna Budras: Im Prinzip ist es schon unser Ding. Wir haben nur das Gefühl für den Müßiggang verloren. Dazu gehört in erster Linie, sich eben zu entscheiden, Dinge nicht zu tun. Auch das hat sich geändert. Früher gab es das nicht, dass wir jede Minute sinnvoll nutzen. Wenn wir das Gefühl bekommen, dass das Stress bedeutet, müssen wir uns mit dem Müßiggang wieder anfreunden.

kress.de: Was ist denn Stress genau?

Corinna Budras: Gute Frage, er hängt jedenfalls nicht allein von der Masse an Arbeit ab. Es kann der schönste Tag überhaupt sein, wenn er mit sinnvollen Dingen gefüllt war und wir das Gefühl haben, richtig etwas geschafft und vielleicht sogar noch etwas gelernt zu haben. Dann kann von Stress keine Rede sein. Der beginnt dann, wenn wir Kontrollverlust verspüren. Und den müssen wir vermeiden, wo wir nur können.

"Unterschiedliche Zeitwahrnehmung beruht auf Lebenserfahrung" 

kress.de: Sie beschreiben etwas, das wir alle kennen: "Mal zieht sich die Zeit endlos, dann geht sie vorbei wie im Fluge." Auch Kinder erleben Zeit anders als Erwachsene. Woran liegt das, wo die Uhr doch immer gleich tickt?

Corinna Budras: Die so unterschiedliche Zeitwahrnehmung beruht ganz entscheidend auf Lebenserfahrung. Kinder haben noch keine Routine in den Dingen, die sie tun und erleben. Daher zieht sich die Zeit. Mit über 50 erleben wir nicht mehr so viel Neues. Dann vergeht scheinbar alles schneller. Das werden Sie auch merken, wenn Sie reisen. Am Anfang vergeht die Zeit viel langsamer als in der zweiten Hälfte, wenn Sie sich schon an die neue Umgebung gewöhnt haben.

kress.de: Wie können wir denn wieder dorthin zurückkommen? Oder anders gefragt: Wie können wir die Zeit dehnen?

Corinna Budras: Eine Möglichkeit liegt in den Methoden der Achtsamkeit. Wenn wir äußere Einflüsse ausschalten und uns ganz auf uns selbst konzentrieren, dehnt sich die Zeit. Versuchen Sie mal, sich auf das Kauen einer Rosine zu konzentrieren. Da merken Sie das ganz schnell.

kress.de: Klingt ein wenig esoterisch...

Corinna Budras: Es geht darum, sich auf eine Sache zu konzentrieren, und das hat nichts mit Esoterik zu tun. Deswegen ist es auch so wichtig, die Achtsamkeit aus der esoterischen Ecke herauszuholen.

"Wir räumen in unserem Buch auch mit dem Multitasking auf"

kress.de: Gerade Momente voller Angst schätzen wir im Nachhinein viel länger ein, als sie tatsächlich waren. Um das auszuprobieren, ist Ihr Mann für das Buch angeseilt die Wand eines 38-stöckigen Hauses in Berlin heruntergelaufen. Was hat das mit ihm gemacht?

Corinna Budras: Das war eine fundamental irritierende Erkenntnis. Denn er konnte und musste sich nur auf sich selbst konzentrieren. Die fünf Minuten, die dieses Houserunning gedauert hat, kamen ihm vor wie 20 Minuten. Er hat die Zeit also tatsächlich gedehnt.

kress.de: Und welche Erkenntnisse über die Zeit hat er dabei gewonnen?

Corinna Budras: Wie relativ die Zeit wirklich ist und wie sehr man auf sie Einfluss nehmen kann, wenn die Umstände das zulassen. Die Erkenntnis ist: Wir sind der Zeit nicht hilflos ausgeliefert. Wichtig ist, Dinge hintereinander zu tun. Wir räumen in unserem Buch auch mit dem Multitasking auf. Viele Erkenntnisse mögen nicht neu sein, aber man versteht sie besser, wenn man die Mechanismen dahinter sieht.

kress.de: Sie schildern das Schicksal der lebenslustigen, energiegeladenen Lena, die mit 21 Jahren 1997 bei einem Autounfall aus dem Leben gerissen wird. Lenas Freundin, mit der sie gesprochen haben, will sich deshalb bis heute nicht in Strukturen pressen lassen, weil das Leben zu kurz sei. Sollten wir uns unsere Endlichkeit alle mehr bewusstmachen?

Corinna Budras: Natürlich können Sie nicht jeden Tag leben, als wenn er der letzte wäre. Dann kommen Sie im Leben nicht weiter. Aber ein wenig mehr Bewusstsein für die Endlichkeit hilft uns auf jeden Fall. Diese Erkenntnis haben wir eben besonders dann, wenn ein lieber Mensch stirbt. Dann überkommt uns das Bedauern, nicht mehr Zeit miteinander verbracht zu haben. Wenn wir uns das klarmachen, beeinflusst das unser Verhältnis zur Zeit fundamental.

kress.de-Tipp: Corinna Budras und Pascal Fischer, Wer hat an der Uhr gedreht - Warum uns die Zeit abhandenkommt und wie wir sie zurückgewinnen, C.H. Beck-Verlag, 208 Seiten, Preis: 14,95 Euro, ISBN: 978-3406-70565-6

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