Das Biedenkopf-Sofa-Interview: Ein bisschen Shakespeare, ein bisschen Loriot

 

JOURNALISMUS! Das "Zeit"-Interview mit dem Ehepaar Biedenkopf ist eine Sternstunde des Journalismus. In seiner Kolumne analysiert Paul-Josef Raue: Ein Interviewer verdichtet durch geschickte Fragen einen ebenso unterhaltsamen  wie hochpolitischen Sofa-Plausch, der einen Ministerpräsidenten hinwegfegt, die Mechanismen und Verletzungen der Politik zeigt und klar macht, warum die AfD in Sachsen so erfolgreich ist.

Kurt Biedenkopf war nach der friedlichen Revolution elf Jahre lang Ministerpräsident und verwandelte Sachsen zum Musterland der fünf neuen Länder. Nach den großen  Wahl-Verlusten der CDU am 24. September führte "Zeit"-Redakteur Martin Machowecz mit dem Ex-Ministerpräsidenten und seiner Ehefrau Ingrid ein Interview, das in dieser Konstellation ungewöhnlich ist.

Die Ehefrau spielte immer schon eine bedeutende Rolle, war Mitregentin eines Ministerpräsidenten, den sein Volk "König Kurt" nannte. Kurt Biedenkopf mochte diese Huldigung. "Ich selbst habe mir das nie zu eigen gemacht", sagt er zwar im Interview, aber seine Gattin schwelgt zurück: "Aber schön fand ich es, dass sie dich Landesvater, mich Landesmutter genannt haben! Sie wollten sogar, dass wir König werden." - "Du hast recht, Liebes", gibt Kurt Biedenkopf zurück, der im  Interview nur als "Kurt" geführt wird (und seine Ehefrau als "Ingrid").

Kurt führt fort: "Im Großen und Ganzen sind wir sehr zufrieden mit - wie haben Sie gesagt? Dem Lebenswerk. Das nicht mein Lebenswerk, sondern unser Lebenswerk ist. Meine Frau stand mal auf der Bühne der Semperoper und sagte im Rausch der Gefühle: ,Seit wir Ministerpräsident sind...'"  Und Ingrid verneint nicht, sondern wiegelt ab: "Da war ich müde und erschöpft!"  Martin Machowecz setzt ein Ausrufezeichen. Es ist ein Interview der Ausrufezeichen, rekordverdächtige 23 kann der Leser zählen wie: "Ingrid: (unter Tränen) Ich muss weinen, wenn du das erzählst!"

Das Interview hat in Sachsen ein politisches Erdbeben ausgelöst, war wohl Anlass für den Rücktritt von Ministerpräsident Tillich. "Ich will mich in die unmittelbare Entwicklung der sächsischen CDU nicht einmischen", sagt Kurt Biedenkopf. Er mischt sich wohl ein,  zerreißt Tillich in der dünnen Luft eines Interviews:

"Für das Amt, für das er ursprünglich nicht vorgesehen war, hatte er keine Vorbildung. Er lebt ein bisschen in einer anderen Welt, ist primär interessiert an Kompromissen... Die Art und Weise, wie Herr Tillich zögert, Entscheidungen zu treffen, will ich wirklich nicht kommentieren."

Kurt Biedenkopf war kein Intrigant, aber er hat Intrigen ausreichend erfahren, kennt das Handwerk der Intrige, die in der Politik Strategie genannt wird; er weiß, dass solche Sätze Präsidenten stürzen können. Martin Machowecz, der Interviewer, lässt Biedenkopf zusammen mit seiner Frau die Pirouetten drehen:

"Ich möchte auch nicht übermäßig in den Vordergrund drängen. Die Art und Weise, wie Herr Tillich zögert, Entscheidungen zu treffen, will ich wirklich nicht kommentieren. Ich höre nur von den Menschen, dass sie unzufrieden sind mit ihrer Lage in Sachsen." Was Kurt nicht sagt, sagt Ingrid: "Die Bevölkerung steht hinter uns, das hat sie immer getan. Sie spricht uns an auf die Probleme, sie geht auf uns zu!"

Einen  Politiker wie Tillich, der Nach-Nach-Nachfolger, müsste das innerlich zur Weißglut treiben. Kurt streichelt ihn, Ingrid köpft ihn, Kurt zeigt Rücksicht, Ingrid lässt jede Rücksicht fahren.

Kurt sagt "Es steht mir nicht zu, jemanden zu kritisieren", Ingrid flüstert: " Kurt Hans, das wäre dir nicht passiert! Wäre Kurt Biedenkopf noch da, wäre das nicht passiert." Und Kurt listet die Kritik im Detail auf: Polizei, Grenzkontrollen, fehlende Lehrer.

Der Interviewer zeigt das, was ein Interviewer zu zeigen hat: Die Widersprüche - und die Möglichkeiten der Politik. Wie sollen Politiker die Flüchtlingspolitik seriös erklären? Vor allem die Merkelsche in Zeiten der AfD?  Es scheint nichts Schwierigeres zu geben. Ingrid sagt: "Kurt Hans könnte sie den Menschen erklären." Und Kurt Hans erklärt:

"Schauen Sie, wie sich die Menschheit entwickelt. Europa hat 700 Millionen Einwohner, Afrikas Bevölkerung wächst, hat Europas Bevölkerung bereits überholt. Und vielen in Afrika geht es nicht gut. Gleichzeitig führt die technische Entwicklung dazu, dass alle sehen, wie gut es uns Europäern geht.... Die Welt muss deshalb nicht untergehen. Aber ihr müsst damit rechnen, dass die Leute in Afrika diese Ungleichheit nicht dauerhaft tolerieren. Wir müssen Entscheidungen treffen. Und erklären."

Ingrid ist die Geschichtenerzählerin; sie sitzt auf dem Sofa, erzählt von ihrem gebrochenen Fuß und erinnert an andere, die auch auf dem Sofa saßen: "Ich war nie eine Anhängerin (von Angela Merkel),  aber in letzter Zeit fand ich sie wirklich gut. Hier auf dem Sofa saß sie, wo Sie jetzt sitzen!"

Kurt greift das Stichwort auf, lobt Merkel und tadelt Helmut Kohl, der ihn bei einem Putschversuch entmachtet hatte: "Ich kann bis heute nur die Überheblichkeit rügen, mit der Kohl einst Angela Merkel behandelte. Die Frau war Mitte 30, als die Wiedervereinigung kam, Kohl hat sie wie ein Baby behandelt. Das hat sie einfach weggesteckt, deshalb hat sie meinen höchsten Respekt. Sie hat später eine fantastische Leistung gebracht in der Flüchtlingskrise... Angela Merkels Entscheidung war richtig, das kann man jedem erklären. Diese Entscheidung war ein politisch bedeutsamer Ausdruck von Empathie."

Den Seitenhieb auf Kohl kann allerdings nur verstehen, der sich in den Irrungen und Wirrungen der Kohlschen CDU auskennt. Dies ist mitunter eine Schwierigkeiten von politischen Interview mit Altvorderen: Es gibt immer wieder Andeutungen und Anspielungen, die nur Kundige einordnen können - und die der Interviewer durch geschickte Fragen und Einwürfe enträtseln sollte.

Das Sofa-Interview am Chiemsee ist gebaut wie ein Zwei-Personen-Drama, höchst unterhaltsam und höchst politisch, etwas Shakespeare und etwas Loriot.  An keiner Stelle desavouiert Machowecz das Paar, gibt die beiden niemals dem Spott preis: Der Interviewer wahrt den Respekt und lenkt unmerklich, wenn das Paar die Leser hineinnimmt in ihren Wohnzimmer-Plausch.

Ingrid sagt: "Alle sagen immer, man müsse die ,Menschen mitnehmen'." Und Kurt lobt sie: "Sehr wichtig, was du da sagst! Ich verabscheue diese Formulierung, weil sie eine Untertanenformulierung ist: Du musst die Untertanen mitnehmen, damit die das Rechte tun. Die Leute wissen schon, was sie wollen, die müssen nicht mitgenommen werden, die wollen Antworten haben. Die ganze Sprache ist angelegt auf Bevormundung, Vater Staat und so weiter. Aber wenn es Vater Staat gibt, wer sind denn die Kinder?"

Ob das Paar Loriot schätzt und auf dem Sofa seine besten Sketche schaut? Und ab und an ins Theater geht? Das Interview in der Biedenkopf-Villa ist auch inszeniert wie einige Dramen von Shakespeare, in denen die Ehefrauen im Spiel der Macht die Führung übernehmen. Ingrid Biedenkopf ist allerdings keine Lady Macbeth so wie das Sofa-Gespräch eher eine Komödie als eine Tragödie ist. Aber im Griff hat sie schon den Gatten und seine Macht.

Braucht der Leser Regieanweisungen im Interview wie "lacht" oder "zögert"? In der Regel stören sie, denn der Leser kann in einem guten Interview aus den Antworten auf die Emotionen und Reaktionen schließen. Doch Ingrid Biedenkopfs Gefühlsleben ist so reich, dass es der Leser - wie in einem erstklassigen Boulevard-Theater - schon in allen Nuancen miterleben will:

"Flüsternd" oder: "unter Tränen" oder: "Nun: Kaffeepause. Als Ingrid Biedenkopf mit dem teuren Porzellan ins Wohnzimmer kommt, ruft er: Mein Liebes, du bist aber mutig! Dann geht es weiter" oder:  "So weist sie ihren Gatten auch fröhlich zurecht, als er versehentlich zur falschen Trachtenjacke greift und zunächst ihre anzieht".

Jeder Referent in der Staatskanzlei hätte solche und viele andere Sätze gestrichen. Aber die Referenten sind Vergangenheit, vor dem Ministerpräsidenten steht ein "Ex-", beim Autorisieren hilft  nur noch die Ehefrau. Die Chance nutzt der Redakteur und präsentiert den feudalen Glanz der Nachwendezeit. Erst meine Frau, dann ich, dann das Volk: "Eine ganze Reihe der Dinge, die meine Frau und ich dort erarbeitet, aber vor allem die Sachsen sich erarbeitet haben, stehen auf dem Spiel."

Wer den Siegeszug der AfD verstehen will, sollte dies Interview in der "Zeit" lesen.

Der Autor

Paul-Josef Raue erlebte das Ehepaar Biedenkopf bei der Verleihung des Deutschen Lokaljournalisten-Preises für die "Volksstimme" im Mageburger Dom. Weil der nicht geheizt war, holte Ingrid für Kurt eine Wolldecke; und weil die Redaktion den ersten Preis mit dem "Flensburger Tageblatt" teilen musste, spendete Ingrid Biedenkopf die fehlende Preisgeld-Hälfte, das die Redaktion komplett in die Hilfsaktion ihrer Zeitung fließen ließ. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Gerade ist von ihm im Klartext-Verlag das Taschenbuch erschienen: "Luthers Stil-Lehre: 50 Kolumnen für Journalisten, Pressesprecher, Politiker und alle, die attraktiv schreiben wollen". Raue berät Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und unterrichtet an Hochschulen.

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