"Wir fragen unsere kressköpfe": Wie Kai-Hinrich Renner sein Informanten-Netzwerk knüpft

 

Wer Kai-Hinrich Renner, der seit kurzem seine "Medienmacher"-Kolumne auch wieder freitags in den Blättern seines Neu-Arbeitgebers Funke veröffentlicht, auf Recherche erlebt hat, weiß nur zu genau, wie fiebrig-akribisch er an seinen Themen hängt und wie hart er nachfragt. Wie beruhigend, dass er beim Altherren-Fußball und neuerdings auch bei der Gartenarbeit so etwas wie Ausgleich zur hektischen Medienwelt findet.

kress.de: Herr Renner, wie wichtig war es für Sie, Ihre beliebte "Medienmacher"-Kolumne auch mit zum neuen Arbeitgeber nehmen zu können?

Kai-Hinrich Renner: Das war für mich sehr wichtig. Schließlich ist die Kolumne so etwas wie mein Markenzeichen. Es gibt sie in dieser Form immerhin schon zehn Jahre.

kress.de: Auf der einen Seite bietet eine Kolumne nicht nur den Lesern, sondern auch dem Verfasser Verlässlichkeit. Auf der anderen Seite kann sie auch zur strengen Form und zu einem stets aufs Neue zu befüllendem Gefäß werden. Wie oft mussten Sie schon stöhnen, wenn die Materiallage einmal dünn war?

Kai-Hinrich Renner: "Medienmacher" ist im Kern zwar eine nachrichtliche Kolumne, aber wenn partout nichts los ist, habe ich überhaupt kein Problem damit, auch mal ein Meinungsstück zu bringen. Neuerdings erscheint auf Wunsch der "Berliner Morgenpost" die Kolumne auch, wenn ich im Urlaub bin. Dann muss ich sie vorschreiben. Und da ich mir keine News ausdenken mag, sind Meinungsstücke in solchen Fällen ohnehin alternativlos.

kress.de: Wie viele Abendtermine und informellen Kaffeetassen am Büffet gehen jeweils drauf, bis die neue "Medienmacher"-Ausgabe steht?

Kai-Hinrich Renner: Weniger als Sie denken. Ich vertraue bei der Recherche vor allem dem guten alten Telefon.

kress.de: Sie profitieren sicher von einem großen Netzwerk. Allerdings wimmelt die Branche ja oft auch vor falschen Freunden, wenig vertrauenswürdigen Einflüsterern und Stichwortgebern mit eigener Agenda. Wie schwer fällt es, für die "Medienmacher" Spreu von Weizen zu trennen?

Kai-Hinrich Renner: Das ist nicht immer leicht. Aber ich habe ein Relevant Set von etwa acht bis zehn Brancheninsidern, die ich mal mehr, mal weniger regelmäßig anrufe. Das sind schon ziemlich verlässliche Leute, von denen ich weiß, dass sie mir keinen kompletten Unsinn erzählen.

kress.de: In jeweils vergleichbarer Form erschien Ihre Kolumne bereits in verschiedenen Verlagshäusern, die sich oft auch gerne in sportlicher Konkurrenz sehen. Wie groß ist die Gefahr, ab und an fürs eigene Haus instrumentalisiert zu werden?

Kai-Hinrich Renner: Sie meinen als verlängerter Arm der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit? Ist so direkt noch nicht vorgekommen. Ein Vorgesetzter fragte mich aber einst: "Können Sie nicht mal was Positives schreiben?"

kress.de: Wenn Sie sich nicht für Haus-Anliegen einspannen lassen, kann das aber auch eine Kehrseite haben: Müssen Sie neuerdings bei brisanten Funke-Interna eines oder mehrere Augen zudrücken?

Kai-Hinrich Renner: Ich berichte prinzipiell nicht über die Medienhäuser, bei denen ich in Lohn und Brot stehe. Mir kann kein Mensch erzählen, er würde unbefangen über den eigenen Arbeitgeber schreiben.

kress.de: Die Medienbranche steht unter Druck, wirkt bei Themen, die eigene Geschäftsmodelle berühren, oft zurückhaltend bis nervös. Wie dünnhäutig sind die deutschen Medienmacher?

Kai-Hinrich Renner: Die deutschen Medienmacher sind extrem dünnhäutig. Das waren sie interessanterweise aber schon, bevor die digitale Revolution so manches Geschäftsmodell in Frage stellte. Schwer zu sagen, warum das so ist. Womöglich hat es etwas mit der mittelständischen Struktur der deutschen Medienbranche zu tun, die zudem noch vergleichsweise überschaubar ist. Da kennt jeder jeden.  

kress.de: Falls Sie einem Berufseinsteiger Ihr Spezialgebiet beschreiben sollten: Ist ein Medienjournalist nicht eine Art Tautologie?

Kai-Hinrich Renner: Es wäre eine Tautologie, wenn der Begriff bedeuten würde, dass ein Medienjournalist seine Berichte in Medien publiziert. Als Medienjournalist berichten wir aber über Medien. Das ist eine Spezialdisziplin. Einem Berufseinsteiger würde ich sagen, dass Medienjournalismus ziemlich vielseitig ist: Medienjournalisten sollten sich in allen Mediengattungen auskennen. Sie müssen wirtschaftliche Zusammenhänge erklären können und etwas von Marketing verstehen. Medienethik sollte kein Fremdwort für sie sein. Und angesichts der zunehmenden Bedeutung digitaler Medien ist ein gewisses technisches Grundverständnis auch nicht ganz verkehrt.

kress.de: Wie groß ist gelegentlich die Versuchung, aus "großen" Themen lieber doch ein größeres Einzelstück in der Zeitung zu machen und die Kolumne notfalls mit Info-Splittern und Randnotizen zu befüllen?

Kai-Hinrich Renner: Ich habe eher das gegenteilige Problem: Als ich vor gut vier Jahren herausfand, dass der "Spiegel" im Begriff war, sich von seiner aus Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo bestehenden Doppelspitze zu trennen, war das ursprünglich für meine damals im "Hamburger Abendblatt" erscheinende Kolumne geplant. Dann schaute die Kultur-Ressortleiterin zur Tür herein und sagte, dass Thema sei doch viel zu groß für die Kolumne. Am anderen Tag war es der Zeitungsaufmacher.

kress.de: Wie sehr greift der Recherche-Alltag unter anderem als Mediengala-Besucher oder Kongressgänger eigentlich ins Privatleben ein?

Kai-Hinrich Renner: Nicht mehr und nicht weniger als bei anderen Kollegen. Journalismus ist kein nine to five Job. Das ist im Medienjournalismus nicht anders als im Politik, Kultur-, Wirtschafts- oder Sportjournalismus.

kress.de: Wie bewerkstelligen Sie den Ausgleich zur oft eitlen Medienbranche? Wie laden Sie Ihre Batterien nach kräftezehrenden Recherchen wieder auf?

Kai-Hinrich Renner: Ich spiele Fußball bei den ganz Alten Herren des FC Teutonia 05 in Hamburg-Ottensen und jogge. Zudem bin ich seit meinem letzten Umzug stolzer Besitzer eines Gartens und weiß nun die beruhigende Wirkung der Gartenarbeit zu schätzen.

kress.de: Wenn Sie auf Ihre eigene bisherige Karriere zurückblicken, aber auch die umfangreichen persönlichen Branchenkontakte: Wo haben sie am meisten gelernt und was hilft beim Tagesgeschäft am meisten? 

Kai-Hinrich Renner: Ich habe zwischen 2002 und 2006 sehr viel von Hans-Jürgen Jakobs gelernt, der damals die Medienseite der "Süddeutschen Zeitung" leitete. Er hatte hervorragende Branchenkontakte, eine brillante Schreibe und war ein unglaublich guter Analytiker. Das sind Eigenschaften, die im Tagesgeschäft immer weiterhelfen.

kress.de: Sie führen ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist es für die Arbeit in Ihrem Netzwerk?

Kai-Hinrich Renner: Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Das Profil gibt es noch nicht so fürchterlich lange. Ich habe es angelegt, als ich feststellte, wie viele meiner Gesprächspartner aus der Branche nach meinem Wechsel zu Funke nicht wussten, wie sie an meine neue E-Mail-Adresse kommen. Jetzt kann jeder sie nachschlagen.

kress.de: Mit welchem Geschäfts- oder Kooperationspartnern, Querdenkern oder Kreativköpfe würden Sie sich – idealerweise über die "kressköpfe" – gerne einmal zu einem Mittagstermin verabreden?

Kai-Hinrich Renner: Oh, da gibt es eine Menge: Ganz oben auf der Liste steht natürlich der extrem öffentlichkeitsscheue "SZ"-Chefredakteur Kurt Kister. BR-Intendant Ulrich Wilhelm, der zum Jahreswechsel den ARD-Vorsitz übernimmt, könnte mir erklären, welche Schwerpunkte er im neuen Amt setzen will. Und Philipp Schindler, der ranghöchste deutsche Google-Manager, wäre mit Sicherheit auch ein interessanter Gesprächspartner.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Kai-Hinrich Renner: Ich bin immer wieder erstaunt, was für exklusive Personalien kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük ausgräbt wie zuletzt die Berufung von Ferdos Forudastan zur Innenpolitik-Chefin der "Süddeutschen Zeitung". An "kress pro" schätze ich die Analysen von Markus Wiegand. Ausgesprochen bemerkenswert finde ich es, dass die bisherige Funke-Hauptgesellschafterin Petra Grotkamp und ihre Tochter Julia Becker in einem Doppelinterview mit "kress pro" den Generationswechsel in ihrem Haus auf Verlegerinnen-Ebene verkündeten. Das ist ein Ritterschlag für das Magazin.

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