Franziska Bluhm: "Journalisten müssen an ihrem Selbstverständnis arbeiten"

 

Keine Woche vergeht, in der nicht auf irgendeinem Panel in Deutschland über die Zukunft des Journalismus diskutiert wird. Doch damit wir diese glorreiche Zukunft erleben und nicht nur darüber reden, müssen Journalisten vor allem an ihrem Selbstverständnis arbeiten. Fünf Punkte von Franziska Bluhm.

Zuhören: Wie im persönlichen Alltag gilt auch für Journalisten: Wer sein Gegenüber ernst nimmt, der hört zu. Hört auf die Themen, die diskutiert werden, hört darauf, wie diese diskutiert werden. Er schaut aber auch in die Statistiken, analysiert Daten und leitet daraus allein oder im Team Handlungsmuster ab. Tun die meisten (immer noch) viel zu selten.

Kommunizieren: Der offene Newsroom ist keine schlechte Erfindung, vor allem für Journalisten, kommen sie so auch untereinander noch einmal ganz anders und mit anderen Menschen ins Gespräch. Plötzlich sitzt der Grafiker nur fünf Meter entfernt, der Bildredakteur gleich gegenüber und die Socialmedia-Redakteurin auch direkt in Rufweite. Redet. Miteinander, aber auch mit anderen Abteilungen im Haus, bildet Teams, die vor Vielfalt strotzen. Redet mit den Menschen da draußen und nicht nur mit der hippen Starbucks-Crowd, sondern mit allen Schichten der Gesellschaft.

Stellt euch eurer Zielgruppe. Geht in die Diskussionen, auch wenn es schwer fällt, weil die Meinung der anderen konträr der eigenen geht. Lernt von Bloggern und den (so genannten) Influencern: Die meisten von ihnen veranstalten regelmäßig so genannte Q&As, in denen jeder Fragen stellen kann. Und Antworten bekommt.

Führen: Eine Vision muss ins Team getragen werden - so transparent wie möglich. Denn nur wenn alle an einem Strang ziehen und in eine Richtung laufen, kann das alles funktionieren. Dafür braucht es Führungskräfte, die diesen Job nicht nur deshalb bekommen haben, weil sich ihre Leitartikel so fluffig lesen. Gerade im digitalen Zeitalter ist die Qualifikation, ein Team leiten und managen zu können, unentbehrlich.

Mut: Wandel tut weh und bedeutet auch, dass Opfer gebracht werden müssen. Aber das Schlimmste wäre, sehenden Auges gen Abgrund zu laufen, anstatt den notwendigen Richtungswechsel einzuleiten. Damit ist nicht gemeint, einfach umzudrehen, sondern vielleicht lieber eine Kurve einzukalkulieren oder den Fallschirm mitzunehmen.

Diversität: Diversität bedeutet nicht einfach den Frauenanteil in Redaktionen zu erhöhen. Diversität bedeutet Vielfalt in Bezug auf Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung und elterlichem Status. Es muss auch nicht immer der stringente Lebenslauf sein: Gute Journalisten sind Handwerker und dafür ist nicht unbedingt ein Hochschulabschluss notwendig - am besten noch mit Auszeichnung.

Es wundert nicht, dass sich derzeit viele Menschen von den etablierten Medien abwenden und auf der Suche nach neuen Informationsquellen sind - Journalisten, die ihre Sprache sprechen, die ihre Themen aufgreifen.

Bei den Bemühungen um diese Nähe fiel auf den Medientagen in München des Öfteren dieser Satz: "Wir sind mal rausgegangen und aufs Land gefahren". Es mutet mehr als seltsam an, dass die klassische Reportage, lokale Geschichten von echten Menschen in Deutschland von vielen überregionalen Medien im Jahr 2017 als Revolution gefeiert wird.

Aber schließen wir milde: Sie haben wenigstens etwas getan. Mary Hamilton, ehemalige Executive-Direktorin Audience, schrieb vor einigen Tagen in ihren "13 things I learned from six years at the Guardian" so schön: "It doesn't matter what you say you want, it's what you do to make it happen that makes a difference in the world." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Zur Autorin: Franziska Bluhm (39) entwickelt für Medienhäuser und Unternehmen Strategien für das digitale Zeitalter. Zuvor hat sie 17 Jahre lang in unterschiedlichen Rollen in Medienhäusern den digitalen Wandel in den Redaktionen mitgestaltet. Anfangs bei "Bild.de", später sechs Jahre bei der "Rheinischen Post" als Chefin vom Dienst und stellv. Chefredakteurin von "RP Online", zuletzt bei der Verlagsgruppe Handelsblatt als Chefredakteurin von "WirtschaftsWoche Online" und als Leiterin Digitale Vernetzung bei "Handelsblatt" und "WirtschaftsWoche" - kress.de berichtete über ihren Wechsel in die Selbständigkeit. Bluhm gehört zum Gründungsteam der "Goldenen Blogger", dem ältesten deutschen Influencerpreis.

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