"Capital on Tour": Warum das G+J-Wirtschaftsmagazin auf Leserreise ging

07.11.2017
 

Wie ticken eigentlich unsere Leser? Diese Frage hat sich die Redaktion von "Capital" gestellt und ist für die Antworten auf Besuchstour gegangen.

"Wissen Sie eigentlich, was Ihre Leser interessiert?" Diese Frage richtete der Markenexperte Martin Lindström bei einem Interview an den "Capital"-Chefredakteur Horst von Buttlar, als er ihn dazu befragte, wie es ist, um die Welt zu reisen und bei Konsumenten zu Hause zu wohnen. So entstand die Idee zu "Capital on Tour" - einer Lesertour, bei der die Redaktion im Mai ausgewählte Leserinnen und Leser in ganz Deutschland besuchte. Von Berlin aus ging es nach Hamburg, ins Sauerland oder ins Allgäu; manchmal nach Hause zu den Leuten, andere trafen sich im Café oder am Arbeitsplatz.

Mehr als 25 Leser hatten sich auf den Aufruf, der von der Redaktion auf der Leserbriefseite sowie via Newsletter und Social Media gestartet wurde, gemeldet. Nahezu alle wurden besucht. Ziel der "Capital"-Redakteure: Herausfinden, was die Leser bewegt, wofür sie "Capital" schätzen und was verbessert werden sollte. "Wir haben noch nie so viele Rückmeldungen bekommen", sagt Timo Pache, stellvertretender "Capital"-Chefredakteur. Für gewöhnlich sehe es mit Feedback anders aus: "Wir schreiben etwas, und meist erhalten wir entweder gar keine Reaktion oder es hagelt Kritik", so Pache. Der Unterschied jetzt sei gewesen, dass "sich unsere Leser sehr konstruktiv mit dem Heft, den Geschichten und Formaten auseinandergesetzt haben".

Die meisten Leser meldeten sich diesmal auf den Aufruf per Newsletter. Ähnliche Aufrufe, allerdings ohne diesen Response, gab es bereits davor - etwa 2016, als die Redakteure im Selbstversuch eine Ausgabe ohne Chefredakteur produzierten und die Leser nach Themenideen fragten. Schon damals war Redakteurin Jenny von Zepelin begeistert von dem Ansatz der Leserbefragung und motivierte die Kollegen. Also übernahm sie die Koordination der Lesertour und entwickelte in Abstimmung mit den anderen 13 beteiligten Redakteuren einen Fragenkatalog für die Interviews.

"Ich glaube, ein Bild davon zu haben, wer da draußen sitzt, das verändert das Gefühl beim Schreiben und erhöht den Spaß."

Laut von Zepelin haben sich letztlich rasch sehr freie Gespräche mit den Lesern entwickelt - von ihren Erfahrungen mit "Capital" bis zu allgemeinen Anforderungen an Wirtschaftsberichterstattung. "Die haben uns alle sehr herzlich und bedingungslos willkommen geheißen", erzählt von Zepelin. "Das ist gerade jetzt in einer Zeit, in der die Glaubwürdigkeit von Journalisten eher kritisch hinterfragt wird, nicht selbstverständlich." Erfreulich sei auch die Bandbreite an Lesern gewesen - nicht nur, was die Region betrifft: Vom FamilyOffice-Leiter über den Kommunikationschef bis zum Rentner gab es Rückmeldungen. Auch gab es keinen Unterschied zwischen Papier- und Online-Lesern: langjährige Print-Abonnenten war ebenso dabei wie sporadische oder reine E-Paper-Leser.

Redakteur Nils Kreimeier traf in Hamburg zum Beispiel ein junges Paar, Ende 20: er Maschinenbauingenieur, sie HNO-Assistenzärztin, beide seit drei Jahren "Capital"-Abonnenten. "Ein besonders spannender Fall, weil sie Leser der neuen 'Capital' sind, ohne die alte überhaupt zu kennen", erklärt Kreimeier. 2013 wurde das stets für Anlagetipps bekannte Magazin im Zuge eines Relaunchs reportagelastiger und internationaler. Ziel: Wirtschaft zugänglicher und Zusammenhänge mit anderen Gesellschaftsbereichen erklärbar machen. "Bei den beiden hatte ich wirklich das Gefühl, dass das funktioniert hat", sagt Kreimeier. Letztlich kam er "sehr euphorisch" und mit einigen Themenideen von dem Gespräch zurück. Das Protokoll, das er davon angefertigt hat, hängt nun an der Bürowand. "Ich glaube, ein Bild davon zu haben, wer da draußen sitzt, das verändert das Gefühl beim Schreiben und erhöht den Spaß."

Zufrieden von der Leseraktion zurück kam auch Redakteur Thomas Steinmann. Endlich sei er nicht mehr im Unklaren darüber, ob sich die Leute für das interessierten, worin er sein Herzblut stecke. Denn die wenigen Rückmeldungen, die man im Tagesgeschäft erhalte, seien eher die der Meckerer. "Ich habe überhaupt nichts gegen negative Reaktionen und tausche mich auch gerne mit Kritikern aus. Viel schlimmer ist es, gar nichts von den Lesern zu hören." Besucht hat Steinmann zwei "richtige Fans", die "Capital" bereits seit mehr als 25 Jahren abonniert haben. Unter anderem einen Berufsschullehrer in Detmold, der Bankkaufleute ausbildet und anregte, einmal eine "Capital Light"-Version für jüngere Leser zu produzieren. Doch natürlich könnten die gewonnenen Eindrücke nur Schnappschüsse sein. "Man darf nicht zu viele Rückschlüsse daraus ziehen", sagt Steinmann.

kress.de-Tipp: Der Text ist ein Auszug aus Nicole Friesenbichlers Story "Reise zu den unbekannten Wesen", erschienen im "Wirtschaftsjournalist" (Ausgabe 4/2017). Dort wird auch beantwortet, welche Lehren die "Capital"-Redaktion aus dem Feedback der Leser und der Lesertour zieht. Das "Wirtschaftsjournalist"-Magazin gibt es in unserem Newsroom-Shop oder im iKiosk.

Der "Wirtschaftsjournalist" (Chefredakteurin: Susanne Lang, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

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