Chefreporter und Bestsellerautor Josip Radović verlässt "GQ"

 

Erneuter Aderlass bei "GQ": Josip Radović, Chefreporter und zweifacher Nr.1-Bestsellerautor, hat das Magazin verlassen und arbeitet ab sofort als freier Journalist.

Vom Kriegsflüchtling in die Redaktionsstuben - es gibt nur wenige Journalisten im Land mit einer so beeindruckenden Vita wie Radović, der am 15. Juli 1984 in Doboj, Bosnien und Herzegowina, zur Welt kam. Der Bürgerkrieg in Jugoslawien führte seine Familie erst nach Kroatien und dann weiter nach München, wo sie am frühen Morgen des 24. Januar 1994 als Kriegsflüchtlinge ankamen. Nach dem Abitur 2005 folgte ein Magisterstudium der Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien; in dieser Zeit hat er zudem zahlreiche Praktika absolviert, unter anderem beim ZDF, Sport1, Neon oder der Abendzeitung München.

Sein letztes Praktikum führte ihn 2012 zur "GQ". Dort blieb er, zuerst als freier Mitarbeiter, dann als Redakteur, seit Mitte 2016 als Chefreporter.

Die ehemalige Chefredaktion, José Redondo Vega und sein Stellvertreter Dominik Schütte, hätten ihn vom ersten Tag an gefordert und gefördert, sagt Josip Radović am kress.de-Telefon. Schon in der ersten Woche durfte er eine vierseitige Geschichte über den Espresso-Hype schreiben, vier Tage später saß er mit John Travolta im Paris zum Interview in einer Hotellobby.

Radović hat auch die "GQ"-Aktion "Mundpropaganda - Gentlemen gegen Homophobie" umgesetzt, bei der sich Prominente wie Herbert Grönemeyer und August Diehl, Ken Duden und Kostja Uhlmann, Moses Pelham und Thomas D., Jonas Reckermann und Julius Brink oder Johannes Strate und Jakob Sinn von "Revolverheld" vor der Kamera geküsst haben.

Seine bewegendste Geschichte ist aber mit Sicherheit seine Reportage über seine Heimkehr nach Bosnien. Nach 22 Jahren fuhr er das erste Mal wieder in seinen Heimatort: "Und dann weint Mama doch. Wir stehen auf einem bröckelnden Gemäuer, das mal eine Garage war, auf dem Boden zwischen Gestrüpp liegen kleine blaue Kinderschuhe, bis zur Unkenntlichkeit mit Moos bedeckt. Ich habe doch nur herumgealbert, als ich sie wegkickte. Bis Mama rief: "Josip, das sind deine Kinderschuhe!" Jetzt kommt sie kaum zu Atem, die Vergangenheit hat sie überwältigt. Es war vielleicht doch keine gute Idee, sie auf diese Reise mitzunehmen."

Radović ist zudem Autor von zwei Bestsellern, die es sogar auf Platz 1 der "Spiegel"-Bestsellerliste geschafft haben: 2016 ergab sich das Buchprojekt mit dem Rapper Shindy "Der Schöne und die Beats", sein zweiter Besteller folgte jetzt im Oktober mit dem "Lukas Rieger Code", ein Buch mit und über Deutschlands erfolgreichsten Social-Media-Star und Sänger Lukas Rieger.

Am kress.de-Telefon zeigt sich Radović dankbar für die Möglichkeiten, die er bei "GQ" hatte: "Das, was ich jedoch am meisten an GQ schätzte, war das Team. Kollegen wie David Baum, Gordon Detels, Dirk Peitz oder Martin Trockner. Ich habe von all diesen Jungs viel gelernt, sie hatten viel Geduld mit mir und machten mich zu einem besseren Reporter. Leider ist von diesem Kern, aus unterschiedlichsten Gründen, nicht mehr viel übrig. Die Neuausrichtung des Magazins brachte es auch mit sich, dass meine Themen, mein Blick auf die Dinge nicht mehr so gefragt war wie zuvor, weshalb ich mich auch entschlossen habe den nächsten Schritt zu gehen und nach fünf Jahren GQ etwas Neues für mich zu suchen."

David Baum, zuletzt Editor-at-Large bei "GQ", war im Sommer als Autor zu Christian Krugs "Stern" nach Hamburg gewechselt.

Radović sagt, dass er dem Haus Condé Nast "immer verbunden" bleiben werde und dankbar für "alle Erfahrungen" sei, die er im Laufe der Zeit gemacht habe: "Ich werde weiterhin als freier Journalist arbeiten und gegebenenfalls auch für GQ aktiv sein, wenn sich die Chance bietet."

"Es ist richtig, dass Josip Radović die GQ Redaktion auf eigenen Wunsch verlässt. Wir freuen uns für ihn, dass sich ihm nach einer erfolgreichen GQ-internen Karriere eine Chance für eine attraktive nächste Herausforderung bietet und freuen uns umso mehr, dass er trotz eines Branchenwechsels, GQ dennoch als freier Journalist verbunden bleibt", sagt Condé-Nast-Sprecherin Ines Thomas. Auf kress.de-Anfrage erklärt Ines Thomas, dass die Position von Josip Radović nicht nachbesetzt werde. Chefredakteur Tom Junkersdorf habe der Redaktion eine neue Struktur gegeben, wegen dieses neuen "Redaktionsaufbaus ist eine 1:1-Nachbesetzung auf dieser Funktion weder notwendig noch aktuell geplant".

Am Donnerstagabend verleiht "GQ" in Berlin übrigens wieder die Auszeichnung "Men of the year"; bereits bekannt ist, dass Arnold Schwarzenegger als "Legend of the Century" ausgezeichnet wird, Mark Forster bekommt den Preis in der Kategorie "Music National" und der ehemalige Nationalspieler Philipp Lahm wird "Sports Icon".

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.