Benjamin Piel über Bestechung im Lokaljournalismus

12.11.2017
 
 

In einem Debattenbeitrag für kress.de warnt Benjamin Piel, Redaktionsleiter der "Elbe-Jeetzel-Zeitung", Lokaljournalisten davor, in die "Eitelkeitsfalle" zu tappen. Dabei gehe es nicht um Geld, sondern um soziale Anerkennung vor Ort: "Ein Mann von einigem Ansehen sagte mir immer wieder, wenn wir uns sahen, wie sehr er meine Arbeit schätze. Das sei wahrhaftiger Journalismus, der den Anspruch habe, nichts zu verschweigen, sondern ans Licht bringe, was ans Licht gehöre. Es sind Sätze wie diese, die in mir die Alarmglocken anwerfen. Welche Maschinerie bedient der, der so lobt?", fragt Theodor-Wolff-Preisträger Benjamin Piel.

Journalisten sind bestechlich. Dafür braucht es keinen einzigen Euro. Wer einen Journalisten auf seine Seite ziehen will, der bekommt das Unbezahlbare umsonst. Wer seine Ziele erreichen will, der lobt den Journalisten, bis es allen scheußlich weh tut. Außer dem, der es genießt, dem das Lob den Bauch streichelt und über die Haare. Wohlig sonnt er sich im scheinbaren Licht seiner selbst und merkt nicht, was da eigentlich passiert: dass die vorgebliche Wärme finstere Kälte ist aus dem Zentrum der Berechnung. Wir alle sollten uns hüten vor uns selbst und uns bewusst machen, dass wir so angreifbar wie eitel sind.

"Eitelkeit - eindeutig meine Lieblingssünde!" Das ist der letzte Satz des Films "Im Auftrag des Teufels". Ein brillanter Al Pacino sagt ihn in seiner Rolle als Mephistopheles, leckt sich die Oberlippe und lacht schäbig. Er hat den jungen Anwalt, der dem Satan gerade noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein schien, dann doch noch listig überzeugt. Dank der Lieblingssünde des Beelzebub, der verdammten Eitelkeit. Jener Sünde, die aus Standfesten Ferngesteuerte macht.

Journalisten sind eitel, sonst wären sie keine. Die einen sind sich dessen bewusst, die anderen streiten es ab. Je vehementer das Leugnen, desto ausgeprägter der Charakterzug. Journalisten lieben es, wenn ihr Name in der Zeitung steht, über einer Online-Reportage leuchtet oder im Abspann einer Doku auftaucht. Je fetter die Schriftgröße, desto besser. Wehe, jemand vergisst die Autorenzeile - dann ist aber was los! Wer nicht einen gewissen Grad an Eitelkeit in sich hat, der wird kaum, wie der Autor dieser Zeilen, auf den Gedanken kommen, mit seiner Weltsicht unbedingt an die Öffentlichkeit gelangen zu müssen. Wer sich nicht zumindest für ein bisschen wichtig hält, der wird kaum meinen, die Welt müsse zwingend mehr durch sie oder ihn erfahren. Gerd Bucerius soll gesagt haben, eine Zeitung sei nur im Kreise Halbverrückter zu machen und Giovanni di Lorenzo meinte einmal in einem Interview, die "Ansammlung von Neurosen in einer Redaktion" sei "schon beträchtlich".

Nun sind Neurosen eine ganze Menge mehr als bloße Eitelkeit, aber klar ist: Niemand ist gefährdeter und gefährlicher als jener Eitle, der seine Eitelkeit nicht nur abstreitet, sondern überzeugt ist, uneitel zu sein. Zu ihr zu stehen, zu jener maßvollen Eitelkeit, die dem Eitlen nicht im Weg steht, sondern ihm ein angenehmer Ansporn ist, ist gut. Nur wer sich selbst als Eitlen erkennt, kann anerkennen, wie gefährlich diese Eitelkeit sein kann.

Denn sie ist die Lieblingssünde derer, die Journalisten gerade im Lokaljournalismus zu bestechen versuchen. Die Bestechungsversuche im Lokalen sind Legion. Nein, niemand kommt mit einem Geldkoffer in die Tiefgarage und stellt Forderungen. Niemand schickt Umschläge mit Schecks. Niemand bittet um Kontonummern. Das alles mag es auch geben, aber die alltägliche Bestechungsbanalität ist eine andere, eine viel subtilere, eine soziale. Eine, von der nichts mitbekommt, wer sich nicht regelmäßig die Fallstricke vergegenwärtigt, die andere lächelnd und streichelnd und lobend legen. Wer seiner eigenen Eitelkeit gestattet, sich an den Schmeicheleien des Publikums zu nähren, der wird in dem wahnwitzigen Gefühl der Freiheit zu einer Handpuppe der Schmeichelnden.

So läuft das mit der Bestechung im Lokalen und je weniger der Gelobte den Mechanismus versteht, desto besser funktioniert er.

Konkret läuft es so: Ein Mann von einigem Ansehen sagte mir immer wieder, wenn wir uns sahen, wie sehr er meine Arbeit schätze. Das sei wahrhaftiger Journalismus, der den Anspruch habe, nichts zu verschweigen, sondern ans Licht bringe, was ans Licht gehöre. Es sind Sätze wie diese, die in mir die Alarmglocken anwerfen. Welche Maschinerie bedient der, der so lobt? Nach einiger Zeit hatte ich eine Veranstaltung zu rezensieren, die besagter Mann organisiert hatte. Er empfing mich, wie zu erwarten, mit reichlich Wohlwollen: "Schön, dass Sie da sind, das freut mich ungemein." Die Veranstaltung überzeugte mich nicht und das schrieb ich, ohne sie gnadenlos zu verreissen. Da war es mit dem Lob vorbei, der Ärger war groß. Was vorher löblicher Journalismus gewesen war, war nun, obwohl harmlos in der Wortwahl, eine Unverschämtheit. Weil nicht funktioniert hatte, was hatte funktionieren sollen: Das Lob bekommt, wer lobt. Die kleine Anekdote ist ebenso gewöhnlich wie wahr. Solche Dinge passieren täglich und überall.

Je größer die soziale Nähe, je kleiner das Verbreitungsgebiet, desto wirksamer ist die Taktik, desto größer ist die Gefahr in die Eitelkeitsfalle zu tappen und in ihr mitsamt der eigenen Autonomie zu verenden. Kein Menschen enttäuscht gerne einen anderen. Doch gerade da setzt die Taktik der sozialen Bestechung an. Je lauter der Beifall für Journalisten, desto schwieriger haben die es, die Klatschenden nicht zu beklatschen. Dass sie durch Nähe, Lob und Anbiederung gefügig gemacht werden sollen oder können, das müssen sich Journalisten gerade im Lokalen immer wieder vor Augen führen. Sie müssen sich wehren gegen die Übergriffe, die sich wie ein Sonnentag am Strand anfühlen. Nein, niemand soll Angst vorm Lob der Leser und Nutzer haben. Aber nach einer Sekunde des Genießens sollten wir wieder auf das richtige Gleis kommen: jenes, das in Richtung der unerreichbaren, aber deshalb umso erstrebenswerteren Unabhängigkeit führt und weg von der sozialen Bestechlichkeit.

Benjamin Piel

Zur Person: Thedor-Wolff-Preisträger Benjamin Piel ist Redaktionsleiter der Elbe-Jeetzel-Zeitung in Lüchow im Wendland. kress hat Piel, Jahrgang 1984, 2017 in seine "Hall of Future" aufgenommen.

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